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Beinahe-Absturz mit Ryanair: Das Schweigen und der böse Wind

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Im aktuellen SPIEGEL berichten wir, dass eine Maschine der irischen Billigfluglinie Ryanair am 23. September beim Anflug auf Memmingen nur knapp einer Katastrophe entkommen ist. Im Nachhinein sorgt dieser Flug nun bei den Passagieren für Aufregung. Gerade meldete sich eine Passagierin: Die Piloten hätten - unglaublich, aber wahr - über die Bordanlage kein Wort darüber verloren, warum sie die Maschine hochgezogen und durchgestartet haben.

Die Passagierin, eine Vielfliegerin, hatte sogleich geahnt, dass etwas nicht stimmt. Sie saß am Fenster. "Der Boden war nahe, ich dachte, in fünf bis zehn Sekunden setzen wir auf." Die Münchnerin dachte in diesem Moment allerdings: auf der Landebahn. Doch in Wahrheit waren sie noch sieben Kilometer von der Piste entfernt.

"Alle meine Organe haben sich in den Sitz gedrückt", erinnert sie sich. "Es war unheimlich, wie in der Achterbahn." Im Passagierraum waren viele Touristen auf dem Weg zum Oktoberfest. Sie hätten aufgeheult, aber niemand habe sich beschwert. "Alle waren offensichtlich schon in Gedanken beim Oktoberfest."

In der vergangenen Woche wollte sich Ryanair noch nicht dazu äußern, warum die Maschine fast verunglückt wäre. Auf meine Anfrage bekam ich von dem Billigflieger jedenfalls keine Antwort.

Nachdem der SPIEGEL über die Beinahe-Katastrophe berichtet hat, gibt es jetzt doch eine Reaktion und den Versuch einer Erklärung, wieso die Maschine in Schwierigkeiten geriet: Die Piloten hätten plötzlich und unerwartet Rückenwind bekommen.

Dies ist allerdings eine gefährliche Verteidigung durch die Konzernleitung des Billigfliegers. Denn die Piloten hatten bei ihrer Landung in Memmingen aufgrund einer Verspätung von 30 Minuten entgegen der Gewohnheit einen Landeanflug auf der Bahn Richtung Südwesten beantragt, und nicht, wie es die Windverhältnisse eigentlich erfordert hätten, genau in die anderen Richtung. Begründung: Sie hätten dann schneller zum Gate rollen können und wertvolle Zeit sparen können.

Eine Fehlentscheidung, getroffen von den Piloten, die sich aber möglicherweise vom Kostendruck im Konzern dazu hinreissen ließen. Denn Ryanair ist bekannt für seinen knapp bemessenen Flugplan. Je länger die Maschinen am Boden stehen, desto weniger Geld fliegen sie ein. Und das ist genau das, was der irische Carrier auf jeden Fall vermeiden will. In Pilotenforen wird Ryanair genau dafür kritisiert.

Insofern bestätigt der Konzern mit der vermeintlichen Verteidigung seiner Crew die Vorwürfe seiner Kritiker. Von denen gibt es genug, nicht zuletzt unter Pilotengewerkschaften wie der Pilotenvereinigung Cockpit. Deren Sprecher äußerte sich wiederholt kritisch über Ryanair. Über den Zwischenfall vom 23. September in Memmingen sagt er: "Es klingt so, als hätten sich die Kollegen zu sehr unter Zeitdruck setzen lassen." Die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung hat den Vorfall als "Schwere Störung" klassifiziert.

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