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Kein Diskreditierungsversuch gegenüber Pussy Riot

Pussy Riot im Oktobrer 2012 vor Gericht. Zur Großansicht
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Pussy Riot im Oktobrer 2012 vor Gericht.

    

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Im SPIEGEL der vergangenen Woche haben wir über die Briefe berichtet, die sich die drei Frauen von Pussy Riot heimlich in Untersuchungshaft geschrieben haben.

Unser Artikel stößt bei Kreml, Ex-Anwälten und Pussy-Riot-Unterstützern gleichermaßen auf wenig Gegenliebe. Dabei zeigt der Briefwechsel von Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa eindeutig, dass beide erhebliche Zweifel an Jekaterina Samuzewitschs für sie überraschende Entscheidung hatten, die Anwälte zu wechseln. Frau Samuzewitsch selbst hat im Gespräch mit uns darauf hingewiesen, dass die neue Verteidigerin streng juristisch und nicht politisch argumentierte. Das hat ihr allem Anschein nach den Weg in die Freiheit geebnet und offenkundig die Strategie Nadeshda Tolokonnikowas untergraben, das Verfahren zu einem Schauprozess gegen Putin zu nutzen.

Eine Erklärung der Pussy Riot Unterstützer wirft uns vor, wir hätten uns eine blonde Gerichtsdienerin, die in den Prozess eingriff, gleichsam ausgedacht. Es heißt da: "Alle anwesenden Gerichtsdiener waren männlich, auf dem Videomitschnitt ist nicht zu erkennen, dass irgendwer der Richterin etwas ins Ohr flüstert." Als Beleg wird ausgerechnet ein vom Kreml-Propaganda-Sender Russia Today auf YouTube eingestellter Videomitschnitt der Verhandlung angeführt.

Der Bildausschnitt dieser Aufnahme ist etwas ungünstig, aber selbst hier sieht man (ab Minute 11:00), wie eine Frau an den Richtertisch herantritt (11:25) und mit einem der Richter spricht.

Deutlicher ist da die Aufzeichnung der Nachrichtenagentur Ria-Nowosti . Am Anfang des Videos sieht man Stanislaw Samuzewitsch, der seiner Tochter Jekaterina signalisiert, sie solle von ihrem Vorhaben ablassen. Er hatte zuvor schon einen Brief an seine Tochter geschrieben, in dem er ihr prophezeite, sie werde die Gruppe dadurch spalten. Ab Minute elf ist dann sehr deutlich erkennbar, wie eine Frau kurz nach der Ablehnung des Antrags an den Richtertisch herantritt und einem der Richter etwas ins Ohr flüstert. Der Moskauer SPIEGEL-Reporter Benjamin Bidder war im Übrigen im Gerichtssaal anwesend.

Von "Diskreditierungsversuchen" des SPIEGEL gegenüber Pussy Riot kann keine Rede sein. Diskreditiert wird in dem Artikel der russische Spitzelstaat. Im Übrigen hat Nadeschda Tolokonnikowa ihre Sicht der Dinge auf drei SPIEGEL-Seiten in einem großen, schriftlich geführten Interview ("Wir wollen eine Revolution", SPIEGEL 36/2012) dargelegt, Jekaterina Samuzewitsch in einem Interview unmittelbar nach Ihrer Freilassung ("Der Kampf geht weiter", SPIEGEL 42/2013). Das Schicksal der Frauen führte zur Titelgeschichte "Putins Russland - Auf dem Weg in die lupenreine Diktatur" (SPIEGEL 33/2012) und zu einer Reportage über Pussy-Riot-Frauen im Untergrund ("Blondie im Untergrund", SPIEGEL 49/2012).

Es stimmt nicht, dass der SPIEGEL Frau Samuzewitsch "erstmalig öffentlich" als lesbisch geoutet habe. Frau Samuzewitsch hat im Gegenteil mehrmals in Interviews über ihre (wie es in Russland verschämt heißt) nicht traditionelle sexuelle Orientierung offen gesprochen, zum Beispiel im populären Moskauer Stadtmagazin "Bolschoi Gorod" vom 15. Oktober 2012 und gegenüber dem russischen Dienst von Radio France Internationale.

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Russland: Die Glucke in Zelle 110 (18.02.2013)
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