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Aus Gerede Gedanken filtern

 


Jill Abramson, Chefredakteurin der "New York Times", machte jüngst Schlagzeilen in eigener Sache: Sie verkündete, ihr Blatt werde keine Zitate mehr von Gesprächspartnern autorisieren lassen. Das war insofern überraschend, als man dadurch erfuhr, dass ihre Zeitung die Praxis des Gegenlesen-Lassens überhaupt handhabt.

Amerikanische Journalisten machen sowas nämlich fast nie, hieß es gern. Und manchmal, wenn man als deutscher Journalist einem US-Gesprächspartner gegenübersitzt und ihm am Ende die Möglichkeit einräumt, die eigenen Zitate noch mal zu sehen, schaut der einen an wie einen Alien im Dschihadisten-Kostüm.

Ist das nicht auch bescheuert? Dem Gegenüber so viel Kontrolle einräumen?

In Deutschland wird das Autorisieren seit Jahrzehnten gepflegt. Der SPIEGEL hat es in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zwar nicht erfunden (amüsanterweise soll er's sich von "U.S. News & World Report" abgeguckt haben). Aber er hat es so konsequent kultiviert, dass es hier zu Lande zumindest bei Interviews heute Branchenstandard ist. Und das vorweg: Es hat sich bewährt.

Wer's nicht glaubt, sollte mal 30 Minuten einer Talkshow abtippen. Das gesprochene Wort ist unlesbar. Es ist zerfressen von Floskeln, nicht zu Ende gedachten Sätzen, "Ähs" und "Öhs", Redundanzen und Phrasenmäherei. Erst durch "Bearbeitung" wird aus einem Gespräch auch heute noch ein SPIEGEL-Gespräch. Es bekommt intellektuelle Tiefenschärfe, klare Pointen und eine Dramaturgie - na ja, wir arbeiten jedenfalls dran.

Diese Art der "Kosmetik" ist ein Eingriff, klar. Aber er behauptet Authentizität nicht, sondern unterstreicht sie allenfalls. Ich halte das für legitim, denn es geht letztlich darum, aus Gerede Gedanken zu filtern - ganz egal übrigens ob das Gegenüber Stefan Raab heißt, Bill Gates oder Giorgio Armani.

Die Arbeit am Rohstoff Rede kann dabei durchaus anstrengend werden. Denn kaum hat man das Gespräch zu Papier gebracht, wollen Polit-, Wirtschafts- oder Showgrößen etwas plötzlich nicht mehr so gemeint haben, wie sie es gesagt hatten. Übrigens verhält sich die Veränderungslust oft umgekehrt proportional zur Bedeutung des Befragten.

Ich bekam schon Autorisierungen zurück, bei denen die Gesprächspartner glaubten, die Fragen gleich mit ändern zu dürfen. Andere schrieben konsequent alle Antworten um - und zwar in einer derart dümmlichen Art und Weise, dass man ihre Juristen, Berater und Pressesprecher noch durch die staubtrocken gewordenen Zeilen rascheln hören konnte.

Was macht man in solchen Fällen? Man fängt an zu kämpfen. Um jeden Satz. Und wenn die andere Seite nicht einsichtig ist, muss man eben sagen: Ja, schön, dass man mal miteinander geplaudert hat, aber gedruckt wird der Dreck nicht. Spätestens da lenken die meisten ein, auch wenn man das mit dem "Dreck" natürlich viel höflicher verpackt hat.

Dieser Kampf ist mühsam, aber er ist hilfreicher als die alle paar Jahre in Deutschland aufwallenden Initiativen mancher Zeitungen, die sich dem Diktat ihrer Gesprächspartner nicht mehr beugen wollen. Zuletzt sorgte das "Handelsblatt" für ein bisschen Branchen-Furore, weil es ein doppelseitiges Gespräch mit einem französischen Banker veröffentlichte, von dem aber nur noch die Fragen gedruckt wurden. Der Manager hatte seine Antworten offenbar erst mehrfach umgeschrieben und dann komplett zurückgezogen.

Natürlich nervt derlei, aber wem bringt so eine Protestaktion was? Dem Leser jedenfalls kaum. Sie ist keine Hilfe, sondern eine Kapitulationserklärung. Deshalb kann man eigentlich nur sagen: Lasst das kleinliche Gejammer, liebe Kollegen! Belästigt eure Kunden nicht mit euren Job-Malaisen! Kommt in der Jetztzeit an, in der jeder veröffentlichte Halbsatz eben auch börsenrelevant oder juristisch riskant werden kann! Und wenn ihr etwas partout nicht in Anführungsstrichen schreiben dürft, dann lasst sie eben weg!

Und warum übrigens sollte für einzelne Zitat-Fitzelchen nicht dasselbe gelten wie für komplette Interviews, zumindest wenn die Quelle während eines Gesprächs um den Gegencheck bittet? Im Frühjahr habe ich mit Kollegen eine Serie über "Deutschland, deine Reichen" verfasst. Wir mussten zig Mails losschicken mit hunderten von Zitaten. Ja und?

Wenn ich mich in die andere Seite versetze (und das tut uns gelegentlich ganz gut), wenn ich mir also vorstelle, mich riefe ein Journalist an von SPIEGEL, "Zeit" oder "Stern", würde ich auch ganz gern wenigstens wissen, welchen meiner Sätze man dort später aus jedem Zusammenhang reißen möchte.

Das Autorisieren ist also - soviel Business-Sprech darf hier sein - eine Win-win-win-Situation: Der Gesprächspartner hat die beruhigende Sicherheit, auch zu wissen, was von ihm in wörtlicher Rede überliefert wird. Der Journalist muss nicht fürchten, Ärger zu kriegen in der Das-hab-ich-so-nie-gesagt-Kategorie. Und der Leser hat eine, zumindest was die Zitate angeht, saubere Geschichte.

Übrigens scheint es selbst der "New York Times"-Chefredakteurin nicht nur darum zu gehen, die Machtfrage neu zu klären. In dem entsprechenden Memorandum heißt es: "Mit der Praxis (des Autorisierens) riskieren wir, dass die Leser den falschen Eindruck bekommen, wir würden zuviel Kontrolle über eine Geschichte unseren Quellen anvertrauen."

Das klingt, als gehe es gar nicht so sehr um das, was wirklich ist, denn wer würde wirklich glauben, die "New York Times" gäbe quasi ihre Story-Hegemonie ab? Es geht um einen Eindruck, der beim Leser vielleicht womöglich eventuell entstehen könnte. Es geht um Image. Und das sollten Journalisten eh immer kritisch hinterfragen - auch das eigene.

Thomas Tuma leitet das Wirtschaftsressort des SPIEGEL.

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13 Leserkommentare
Gweskoyen 04.10.2012
thomastumaspiegel 04.10.2012
Kim_Schmitz 04.10.2012
arneaumann 05.10.2012
Olaf 05.10.2012
Ex-Kölner 05.10.2012
thomastumaspiegel 05.10.2012
kerstin petermann 05.10.2012
spon-facebook-1167763937 07.10.2012
thomastumaspiegel 08.10.2012
lillyjoe 10.10.2012
Jan_der_Wolf 28.10.2012
thomastumaspiegel 29.10.2012

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