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Nicht besser oder schlechter

Von Andreas Meyhoff und


Ein SPIEGEL-Artikel über die NS-Vergangenheit des FC Bayern schlägt Wellen. Der Historiker Markwart Herzog hat in Protokollen über Vereinssitzungen und Klubsatzungen aus den Jahren 1933 bis 1945 neue Details zum Beispiel über die Ausgrenzung jüdischer Mitglieder beim FC Bayern gefunden.

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Heft 21/2016
Alle drei Minuten wird in Deutschland eingebrochen, der Staat lässt seine Bürger allein

In seinem Fußballmuseum in der Allianz Arena in München zeichnet der Verein von sich ein günstiges Bild während der NS-Zeit. Der FC Bayern blieb, heißt es auf einer Infotafel, "lange auf Distanz" zu den Nazis. Aus den neuen Fakten zieht Herzog nun den Schluss, dass der FC Bayern keineswegs Distanz zum Regime hielt. Der Verein habe sich vielmehr nicht besser oder schlechter verhalten als die meisten anderen Klubs während der NS-Zeit.

Fußball: Münchner Protokolle
  • DER SPIEGEL; Foto: Stadtarchiv München
    Neue Forschungen korrigieren das Bild des FC Bayern als Verein, der während der NS-Zeit Distanz zu den Nazis hielt. Vor allem bei der Arisierung ging der Klub ungewöhnlich gewissenhaft vor.
  • Lesen Sie hier die Geschichte im neuen SPIEGEL.

Der Publizist Dietrich Schulze-Marmeling, unter anderem Autor der Bayern-Chronik "Die Bayern" schreibt in einer "Stellungnahme", Herzog und der SPIEGEL hätten in dem Artikel Altbekanntes aufgebauscht. Er sei "eine Mischung aus längst bekannten und veröffentlichten Dingen und einer guten Portion Hochstapelei". Auch die "Süddeutsche Zeitung" berichtet darüber.

Tatsächlich hat Herzog das geleistet, wofür wissenschaftliches Arbeiten steht. Er hat sich nicht nur darauf beschränkt, bekanntes Wissen auszuwerten, sondern nach neuen Fakten gesucht. Herzog wurde im Archiv des Registergerichts im Münchner Amtsgericht fündig. Die Protokolle, die er dort gefunden hat, kann jedermann einsehen. Der SPIEGEL hat das getan. Sie liefern neue Erkenntnisse zum Beispiel über die "Arierparagrafen" in der Satzung des FC Bayern.

Einige Beispiele für die neuen Details, die Herzog in den Protokollen gefunden hat:

  • Schulze-Marmeling schreibt, die Nazifizierung des FC Bayern und der Ausschluss seiner jüdischen Mitglieder seien nicht so schnell und reibungslos verlaufen, wie der "Spiegel" und Herzog dies darlegten. Das von Herzog entdeckte Protokoll der Mitgliederversammlung am 12. April 1933 liest sich anders. Siegfried Herrmann ließ sich als Nachfolger Kurt Landauers zum neuen Vorsitzenden wählen, der nun "Führer" oder "Vereinsführer" hieß. "Die kommenden Monate" verlangten "von einem Führer weitgehendste Freiheit des Handelns", sagte Herrmann laut Protokoll, und er setzte ein "Notgesetz" durch, "das er einem großen Beispiel folgend als eine Art Ermächtigungsgesetz bezeichnen wolle. […] In rein juristischer Weise lassen sich die großen Fragen des Augenblicks nicht meistern", und ohne Satzungsänderung könne man "die Arierfrage im Club" nicht lösen.

  • Schulze-Marmeling schreibt in seinem Buch "Der FC Bayern und seine Juden" (2. erweiterte Auflage 2013) zur Mitgliederversammlung am 19. September 1935: "Die Jahreshauptversammlung fällt wohl aus, zumindest findet sich in den ,Klubnachrichten' kein Bericht darüber." Aber diese Versammlung fand statt. Das Protokoll findet sich in den Akten des Registergerichts. Bei der Sitzung im "Roten Saal" des Restaurants Augustiner in der Neuhauser Straße, die um 20.40 Uhr begann, wurde die Verschärfung des "Arierparagrafen" einstimmig beschlossen.

  • Aufgebauscht ist laut Schulze-Marmeling die Entdeckung der drei "Arierparagrafen" durch Herzog. Der Beschluss der Mitgliederversammlung vom September 1935, alle Ausnahmeregelungen im zweiten "Arierparagrafen" zu streichen, war bislang nicht bekannt. Das führte dazu, dass die Satzung ab Januar 1936 nicht mehr im Einklang mit den nationalsozialistischen Anordnungen stand. Diese Zurückhaltung war taktisch im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Deutschland, gleichwohl hatten solch scharf formulierte Satzungen wie die des FC Bayern nach einem Gutachten der Reichssportführung "seit dem 1. Januar 1936 ihre Gültigkeit verloren." Trotzdem beließ der FC Bayern den Paragrafen bis 1938 unverändert in der Satzung. Seine Streichung, offenbar durch "Vereinsführer" Nusshart, wurde erst durch Herzogs Aktenfund bekannt. Schulze-Marmeling interpretiert sie als "Sensation", Herzog interpretiert sie nüchterner. Die Klubführung habe erkannt, mit der Satzung über das Ziel hinausgeschossen zu sein. Dass Nusshart kein Gegner der NS-Politik war, legen spätere Äußerungen nahe, die sich in den Akten finden: Bei der Mitgliederversammlung am 24. April 1940 kam er auf die 243 Vereinsmitglieder zu sprechen, die zur Wehrmacht einberufen worden waren: "Er sei stolz darauf, dass so viele Mitglieder unter den Waffen ständen; denn es sei augenblicklich nicht wichtig, dass Fußball gespielt werde, sondern dass Deutschland den ihm aufgezwungenen Kampf siegreich bestehe". Und Nusshart erinnerte an das Bayern-Mitglied Michael Wilhelm Kaiser, der im November 1939 beim "ruchlosen Attentat im Bürgerbräukeller" gestorben war.

Die Frage, die sich angesichts der Fakten-Funde durch Markwart Herzog vor allem stellt, lautet: Warum wurden die Dokumente erst jetzt ausgewertet? Warum gingen frühere Bayern-Chronisten bei ihren Recherchen nicht den naheliegenden Weg ins Amtsgericht, um Protokolle und Satzungen des FC Bayern einzusehen?

Markwart Herzog hat einen umfangreichen Aufsatz über seine Forschungen über die NS-Vergangenheit des FC Bayern geschrieben, in den auch der bisherige Stand der Forschung eingeht. Der SPIEGEL-Artikel bezieht sich nur auf die neuen Erkenntnisse und einige von Herzogs Kernthesen.

Die Arbeit Herzogs, die im Juni erscheint, liefert einen neuen Debattenbeitrag zur NS-Vergangenheit des FC Bayern, nicht mehr und nicht weniger. Im besten Fall gibt sie Anstoß zu weiteren Forschungen.

Eine von Herzogs provokanten Thesen lautet: "Die Heldengeschichte des FC Bayern gibt es nicht." Schulze-Marmeling macht sich darüber in seiner "Stellungnahme" lustig und schreibt: "Eine solche hat auch niemand behauptet."

Dazu ein Auszug eines Interviews von "Zeit Online" mit Schulze-Marmeling vom 12. Juni 2013:

"Heute gehen Teile der Führung [des FC Bayern] sehr offensiv mit der Vereinsgeschichte um. Es ist ja auch eine Heldengeschichte."

Interview mit Markwart Herzog:

Herr Herzog, warum sorgt Ihre Arbeit bei manchen für so hitzige Debatten?

Weil es echt weh tut, sich von Überzeugungen verabschieden zu müssen, die einem über viele Jahre hinweg in Mark und Bein übergegangen sind. Seit dem Jahr 1950, seit der Publikation der Chronik von Siegfried Herrmann, steht die These im Raum, der FC Bayern hätte sich nationalsozialistischer Einflussnahme, so lange es nur irgend ging, widersetzt. Diese Überzeugung gehört heute gleichsam zur corporate identity des Klubs und seiner politisch interessierten Fans. Es ist so etwas wie ein politischer Gründungsmythos der Bayern, der in der Erlebniswelt auf eindrucksvolle Weise ausgebreitet wird.

Aber nicht nur das! In der sehr emotionalen Konkurrenz zum Stadtrivalen, den "Sechzigern", wurde der FC Bayern, wenn es um die NS-Zeit ging, bisher immer zu "den Guten" gezählt, die Sechziger zu "den Bösen". Übrigens habe auch ich das bis vor wenigen Wochen geglaubt. Deshalb hat dieser Aktenfund auch mich emotional so sehr aufgewühlt. Wir sehnen uns doch alle danach, dass wir solche Geschichten von aufrechten Menschen erzählen können, die keine Mitläufer waren, die sich diesem verbrecherischen Regime nicht opportunistisch angepasst haben. Gerade beim Vergleich des FC Bayern mit den Sechzigern hat Schulze-Marmeling ganz in diesem Sinn emphatisch über "Zwei Wege in die Gleichschaltung" des Nationalsozialismus geschrieben. Aber genau diese Zwei-Wege-Theorie müssen wir aufgrund der im Münchner Registergericht liegenden Archivalien nun ebenfalls zu Grabe tragen. Für alle, die an diesen Mythos unkritisch geglaubt haben, ist das eine bittere Enttäuschung, die ich voll nachvollziehen kann. Aber ist es denn wirklich besser, mit einer Täuschung zu leben, als die Kraft aufzubringen, die nötig ist, um mit einer Enttäuschung fertig zu werden und der Wahrheit die Ehre zu geben?

Warum sehen Sie in den drei "Arierparagrafen" des FC Bayern einen Beleg dafür, dass der Klub eben keine Sonderrolle in der NS-Zeit spielte?

Im Vergleich zu Vereinen wie den Sechzigern oder dem 1. FC Nürnberg, die sich bereits im Frühjahr 1933 zum "Arierparagrafen" bekannt hatten, haben die Bayern sich relativ spät angepasst. Aber andere Fußballvereine haben gar keine "Arierparagrafen" in ihre Satzungen geschrieben, beispielsweise der Karlsruher FV. In meinem Buch über die "Gleichschaltung" des Fußballsports im Nationalsozialismus analysiert der Sporthistoriker Berno Bahro eine Stichprobe von 41 kleineren und mittleren Vereinen in Berlin und Brandenburg. Sein Ergebnis: Nur vier dieser 41 Fußballklubs hatten zwischen 1933 und 1935 den "Arierparagrafen" in die Satzungen eingefügt; erstaunlicherweise haben diese vier den Paragrafen 1935 wieder gestrichen. Also war der FC Bayern in der "Arierfrage" sogar noch "faschistischer" als zahlreiche andere Fußballvereine. Aufs Ganze gesehen müssen wir gleichwohl zu dem Schluss kommen, dass die Bayern keinen Sonderweg gegangen sind, dass sie keine Sonderrolle beanspruchen können. Die Geschichte der Bayern normalisiert sich dadurch gewissermaßen. Aus sporthistorischer Perspektive betrachtet, ist das wahrhaft nichts Spektakuläres.

Kritiker halten Ihnen vor, Sie hätten nur Altbekanntes aufgebauscht.

Vollkommen neu ist die reibungslose Einführung von zwei "Arierparagrafen" in die Satzung der Bayern im Jahr 1935. Wobei die zweite Fassung eine Radikalisierung im Sinn des nationalsozialistischen Rassismus bedeutet hat. Die Chronisten und Publizisten haben dies bisher einerseits mit dem Einfluss des Dietwarts, also des Mannes, der für die ideologische Schulung zuständig war, begründet. Andererseits sollen die Skifahrer, aus deren Reihen der Dietwart stammte, ihre Hände im Spiel gehabt haben. Sie sollen dem Nationalsozialismus angeblich näher gestanden sein als die Fußballspieler. Aber so einfach kann man die dunklen Seiten der Klubgeschichte nicht loswerden. Denn in der Mitgliederversammlung, die den ersten "Arierparagrafen" beschloss, waren circa zehn Prozent der Bayern-Mitglieder anwesend, und diese 101 Mitglieder haben einstimmig für die Streichung der Juden aus der Mitgliederliste votiert. Das werden nicht alles Skifahrer gewesen sein. Von der zweiten Versammlung kennen wir die Zahl der anwesenden Mitglieder nicht.

In den bisherigen Publikationen über die Geschichte des FC Bayern können Sie zu diesen wichtigen Details der so überaus virulenten Frage nach dem Rassismus im FC Bayern nichts lesen. Was bisher ebenfalls unbekannt war: Ebenso wie Adolf Hitler im März 1933 ein "Ermächtigungsgesetz" durchgesetzt hat, ist es dem "Vereinsführer" der Bayern, Siegfried Herrmann, im April 1933 gelungen, sich ebenfalls mit einem "Ermächtigungsgesetz" ausstatten zu lassen, das ihn beauftragte, wenn nötig, rechts- und satzungswidrige Maßnahmen zu ergreifen, um den Fußballklub an die nationalsozialistische Revolution anzupassen und beispielsweise die "Arierfrage" zu lösen. Ausgerechnet Herrmann, der von Beruf Kriminalbeamter war! Nur ein einziger Aufrechter hat in der Diskussion vor dieser Abstimmung die Stimme gegen das "Ermächtigungsgesetz" erhoben und mit Nein votiert. Dies können Sie ebenso wie etliche andere Details der "Gleichschaltung" des FC Bayern nur in meinem 40 Seiten umfassenden Aufsatz lesen, der im Juni erscheint.

Bayern-Chronist Schulze-Marmeling kritisiert, Sie hätten bei Ihrer Einordnung die gesamte "Komplexität des FC Bayern" nicht verstanden. Was ist damit gemeint?

Herr Schulze-Marmeling hat den Aufsatz noch nicht gelesen, in dem ich die Entwicklung der Satzungen des FC Bayern im Hinblick auf die "Arierfrage" und die Protokolle der Mitgliederversammlungen auswerte. Wenn er das getan hat, wird er sein voreiliges Urteil revidieren müssen.



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