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Frankensteins Ente: Leihmutter für Neandertaler (noch) nicht gesucht

Titelseite des "Berliner Kurier" vom 22. Januar Zur Großansicht

Titelseite des "Berliner Kurier" vom 22. Januar

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"Gesucht: Leihmutter für Neandertaler", prangte gestern auf der Titelseite des Berliner Kurier, daneben grinste ein zottelbärtiger Unhold. Der britische "Independent" gruselte sich vor einem "Harvard-Professor", der einen ganzen "Palaeolithic Park" voll solcher Scheusale erschaffen wolle, und der "Daily Telegraph" barmte: "Erspart uns diese Freak Show".

Nicht nur in England, auch in Italien, Polen, Griechenland und Ungarn, in Russland, Korea und der Türkei interessierten sich Zeitungen, Sender und Websites für die Wiederauferstehung des Neandertalers. Mehr als 600 Quellen hatte Google News bis Mittwoch Morgen ausfindig gemacht - und sie alle beriefen sich auf den SPIEGEL. Was war da los?

Ausgangspunkt des Tumults im Netz war ein Gespräch, das George Church mit dem SPIEGEL geführt hatte. Und eben dieser Genforscher der Harvard University lieferte dem "Boston Herald" eine Erklärung für das plötzliche Medienfieber: Schuld sei ein Übersetzungsfehler. Zu unrecht werde verbreitet, er sei auf der Suche nach einer Leihmutter für einen Neandertaler.

Ganz so einfach ist es nicht. Das unvermittelte Interesse am Menschenvetter aus dem Neandertal mag einiges über die diffusen Ängste vor allzu selbstherrlich agierenden Genforschern erzählen. Noch mehr verrät es über die Gesetze des Boulevardjournalismus, der eine Nachricht im Handumdrehen erst in eine Halbwahrheit und schließlich in eine Falschmeldung zu verwandeln vermag.

Mit falscher Übersetzung jedoch hat die ganze Geschichte nichts zu tun. Das ist uns wichtig, denn wir verwenden viel Mühe auf die korrekte Übertragung von Geschichten auf die internationale Website von SPIEGEL online. Im übrigen haben wir Herrn Church die englische Fassung unseres Gespräches in der Woche vor Drucklegung selbstverständlich zur Autorisierung zugeschickt, so dass er jede missverständliche Formulierung hätte ändern können.

Wer den Hype um Leihmütter aus dem Neandertal betrachtet, dem fällt zunächst auf, dass der Sturm mit einer Woche Verzögerung losbrach. Am Anfang stand ein Gespräch, um das wir George Church gebeten hatten, weil uns sein jüngstes Buch fasziniert hatte. Schon der Titel "Regenesis" (etwa: "Wiedergeburt") verspricht einiges.

Im Gespräch hat uns Church nicht enttäuscht: In eindrucksvoller Weise führte er aus, welch große Zukunft er für das noch junge Forschungsfeld der "synthetischen Biologie" sieht. Und egal ob das Klonen von Menschen, die genetische Optimierung des Homo sapiens, die Manipulation des Gencodes allen Lebens oder eben die Wiedererschaffung des Neandertalers - kein Tabuthema sparte er dabei aus. Viel Stoff also für eine kontroverse und spannende Unterhaltung.

Ausriss aus dem SPIEGEL 3/2013 Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Ausriss aus dem SPIEGEL 3/2013

Das Gespräch erschien am 14. Januar, und rasch zeigten empörte Leserzuschriften, dass es auf reges Interesse stieß. In der Tat hatte sich Church ja als ein sehr streitbarer und kühner Visionär präsentiert, der nicht zögert, alles technisch Machbare auch in Betracht zu ziehen.

In der Presse jedoch griff zunächst niemand das Thema auf. Das änderte sich auch nicht, als SPIEGEL ONLINE tags darauf den Inhalt des Gesprächs noch einmal zusammenfasste und dabei den Schwerpunkt vor allem auf die Wiedererschaffung des Neandertalers legte. Der richtige Rummel setzte erst ein, als Anfang dieser Woche die englische Übersetzung auf der internationalen Website von SPIEGEL ONLINE erschien.

Erst jetzt bekam die Story den entscheidenden Spin. Den Ton gibt einer der ersten Twitterer vor: "My life's new ambition: Mate with a Neanderthal woman". Kurz darauf entdeckte dann auch der erste Journalist das Reizwort "Leihmutter" ("surrogate") in dem Interview. Schlagzeilen wie in der "Daily Mail": "Harvard professor seeks mother for cloned cave baby" ("Harvard-Professor sucht Mutter für Höhlenmenschen-Baby") wurden geboren. In Tweets war derweil bereits von einer Verfilmung der Story die Rede.

Tatsächlich taucht die Frage möglicher Leihmütter für mögliche Neandertaler-Klone in einer unserer Fragen auf. Wir zitieren dabei eine Formulierung aus Churchs Buch: Um einen Neandertaler zu erschaffen, so schreibt er darin, werde es erforderlich sein, einen "abenteuerlustigen weiblichen Menschen" ("an adventurous female human") als Leihmutter zu suchen.

Jedem, der diese Passage liest (und zwar in der deutschen ebenso wie in der englischen Fassung), muss klar sein: Um eine Kontaktanzeige handelt es sich hier nicht. So hatte es Church nicht gemeint, und wir hatten es nicht so verstanden. Vielmehr erklärt Church in dem Gespräch, dass er die Wiedergeburt des Neandertalers für technisch möglich hält; er erläutert die Schritte, die auf dem Weg dorthin nötig wären (deren letzter irgendwann auch die Suche nach einer Leihmutter wäre); und er sagt, dass er sich gute Chancen ausrechne, die Geburt des ersten Neandertaler-Klons noch zu erleben. Das, fanden wir, ist ambitioniert genug (Church ist 58).

Es tut uns leid, dass der Wissenschaftler, der uns so spannende Einblicke in seine Forschung gewährt hat, nun zum Opfer eines Medien-Hypes geworden ist. Im Verlaufe zweier Jahrzehnte, so sagte er dem "Boston Globe", habe er "an die 500 Interviews" über seine Forschung gegeben, aber dass eine seiner Äußerungen so außer Kontrolle geriet, das habe er noch nie erlebt.

Die vielleicht bizarrste Begleiterscheinung des ganzen Rummels: Natürlich haben sich bei Church längst die ersten Bewerberinnen gemeldet. Seine Befürchtung, dass sich - wenn es denn einmal so weit ist - die Suche nach einer Leihmutter ziemlich schwierig gestalten könnte, scheint unbegründet zu sein.

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2 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
dieter102 23.01.2013
mazoom 28.01.2013

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