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Sehnsucht nach Normalität

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DER SPIEGEL

Ausriss aus dem SPIEGEL

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Für die "Mitteldeutsche Zeitung", Lokalredaktion Halle, endete die ruhige Osterzeit an diesem Wochenende mit einem Artikel aus dem aktuellen SPIEGEL. Dort beschrieben wir einen SPD-Kandidaten für den Bundestag, den gebürtigen Senegalesen Karamba Diaby. Diaby lebt seit 1985 in Ostdeutschland, seit 2001 ist er deutscher Staatsbürger. Pikant wird die Personalie dadurch, dass er in Halle, Sachsen-Anhalt, seinen Wahlkreis hat - und dadurch im nahenden Wahlkampf auch mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert werden könnte.

Wir beschreiben Diaby in dem Artikel als einen Politiker, der sich nach Normalität sehnt, und seine Hautfarbe am liebsten nicht thematisieren würde. Der aber dennoch als Student von Jugendlichen auf den Straßen Halles angegriffen und verfolgt wurde. Und der erst vor zwei Jahren als Reaktion auf ein Statement in einer Zeitung Schmähbriefe erhalten hat und als "Bimbo" und "Nigger" diffamiert wurde.

Die "Mitteldeutsche Zeitung" schreibt zum SPIEGEL-Artikel am 1.4.:

"Ein Beitrag im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat in Halle teils heftige Reaktionen ausgelöst. Die Stadt wird als eine "Hochburg der Rechtsradikalen" dargestellt. Politiker und Experten sehen die Stadt zu Unrecht am Pranger."

In den Folgeartikeln kommen in der "MZ" mehrere Politiker zu Wort. Die FDP-Frau Cornelia Pieper, die ebenfalls in Halle ihren Wahlkreis hat, erwartet "eine Klarstellung". Halle sei eine tolerante Stadt. Die Integrationsbeauftragte der Stadt Halle, Petra Schneutzer, sagt dort: "Die Recherchen des Spiegel sind einfach unkorrekt. Es schadet unserer Stadt und unserer Integrationsarbeit."

Die "MZ" zweifelt ebenfalls an den Fakten des Artikels:

"Die Spiegel-These über Halle, wonach "die NPD in manchem Viertel fast zehn Prozent der Stimmen" bekommen habe, lässt sich nicht belegen."

Allerdings hat die "Mitteldeutsche Zeitung" selbst über diese Zahl berichtet - in ihrer Ausgabe vom 22.3.2011:

"Im Viertel Industriegebiet Nord (Trotha) schaffte es die NPD jedoch auf immerhin 9,8 Prozent der Zweitstimmen."

In den Artikeln bezweifeln zahlreiche Kommentatoren, Politiker und Experten zudem, dass es organisierte rechte Strukturen in Halle gibt. Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) wird in der "MZ" folgendermaßen zitiert:.

"Ich habe bislang nicht feststellen können, dass Halle eine Hochburg von Rechtsextremisten ist."

Der Landesverfassungsschutzbericht des Jahres 2011 enthält dazu folgende Informationen: In Halle existieren zwei "die Szene prägende" Gruppen mit einer zweistelligen Anzahl aktiver Personen und höherem "Mobilisierungspotential bei szenetypischen Veranstaltungen". Im März 2011 organisierte eine der Gruppen ein "Nationales Fußballturnier" in der Gemeinde Kabelsketal (die zum Wahlkreis Karamba Diabys gehört). Das Ziel derartiger Veranstaltungen sei die "Schaffung eines neuen Deutschlands". Die andere Gruppierung verteilte unter anderem fremdenfeindliche Flugblätter und richtet Kameradschaftsabende aus. Am 1. Mai marschierten zudem, unterstützt durch die lokalen Rechtsextremen, mehrere hundert Rechte durch Halle.

Ein wichtiges Thema in Halle ist der Imageschaden, der durch unsere Berichterstattung entstehen könnte. Sowohl die "MZ" als auch verschiedene Blogs und Internetportale wie "Hallespektrum" und "Hallewählt" zitieren Experten, die auf Erfolge beim Kampf gegen den Rechtsradikalismus verweisen. Auch auf der SPIEGEL-Facebook-Seite wird darüber diskutiert. Das sind Erfolge, die niemand kleinreden will. Natürlich gibt es sie in Halle. Es gibt auch viele Viertel, in denen die NPD kaum eine Rolle spielt. Aber es gibt auch andere Viertel, wie das Industriegebiet Nord oder weitere, in denen die NPD über oder um 5 Prozent der Stimmen bekommen hat. Auch da muss Karamba Diaby aber Wahlkampf machen. Und darum ging es uns in dem Text. Nicht um eine Bewertung aller Stadtteile Halles bezüglich ihrer Anfälligkeit für Fremdenfeindlichkeit.

Auch die "Mitteldeutsche Zeitung" gesteht ein grundsätzliches Problem mit Rechtsradikalismus zu (vom 1.4.):

"Sachsen-Anhalt ist tatsächlich so etwas wie eine Hochburg der Rechtsradikalen, das lassen zumindest die Statistiken von Polizei und Innenministerium vermuten. Das Bundesland lag bei der Zahl rechtsextremer Straftaten in den letzten Jahren immer vorn."

Dann kommt noch Stefan Weißwange vom Internetportal halle-waehlt in dem Artikel zu Wort: "Halle ist nie eine Hochburg der im rechten Spektrum angesiedelten Parteien gewesen. Die Wahlergebnisse liegen im Durchschnitt des Landes Sachsen-Anhalt."

Es folgen in den Texten Verweise auf Pirna, Dessau, Magdeburg, wo alles noch gravierender sei. Macht es also das Problem in Halle wirklich so klein, wenn es in Sachen Fremdenfeindlichkeit noch auffälligere Städte in einem Bundesland mit einem eindeutigen Problem in Sachen Rechtsradikalismus gibt? Wenn Fußballspiele und Kameradschaftsabende organisiert werden und rechte Demonstranten durch die Straßen ziehen? Und, vor allem: Ist es dann kein Thema mehr, wenn ein gebürtiger Senegalese sich dort aufmacht in den Wahlkampf für ein Bundestagsmandat?

Eine interessante Debatte bildet die MZ danach ab: Da meint Leserkommentator "Marco": "Auch wenn Halle oder Sachsen-Anhalt im Vergleich zu anderen Gegenden weniger organisierte Rechtsradikale hat, ist die Reaktion aus Halle leider typisch für den Umgang mit dem Problem Fremdenfeindlichkeit in Sachsen-Anhalt generell: relativieren, wegschauen, umdeuten." Das Problem sei wie im Artikel angedeutet weniger die "rechte Szene", sondern Alltagsrassismus in der Mitte der Gesellschaft.

Und "Ripper" sagt: "Das Problem sind nicht die Nazis, sondern die Leute, die hier immer wieder behaupten: 'So schlimm ist es doch gar nicht! Woanders ist es noch viel schlimmer!' Die ebnen den Nazis den Weg."

So oder so: Wir hoffen, das Karamba Diaby in seinem Wahlkampf möglichst gar nicht mit Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus konfrontiert wird. Nur ist das eben keine Selbstverständlichkeit. Und das zu beschreiben, darum ging es uns.

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29 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
sauberfrau 03.04.2013
alessio 03.04.2013
JanaReinhardt 03.04.2013
brigels 03.04.2013
1ts 03.04.2013
nico_ 03.04.2013
M.Lange 03.04.2013
willenbrock12 04.04.2013
janosch999 04.04.2013
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mr1978 04.04.2013
damas7 04.04.2013
RapunzelundCo 04.04.2013
seljoscha 04.04.2013
seljoscha 04.04.2013
palinka1 04.04.2013
stolle1 05.04.2013
stolle1 05.04.2013
sauberfrau 05.04.2013
blattkritik1 05.04.2013
richtig34 05.04.2013
HerrSchlau 06.04.2013
kreuzkoelln2013 06.04.2013
Hamberliner 06.04.2013
thias42 06.04.2013
sirene11 07.04.2013
stolle1 08.04.2013
AniG 04.05.2013
AniG 04.05.2013

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