SPIEGELblog

SPIEGELblog Wie das Netz die Wahrheitsfindung verändert

Schnibben
Bernhard Riedmann/ DER SPIEGEL

Schnibben

Von Cordt Schnibben


Es gibt Menschen, die glauben, das Netz sei vor allem dazu da, unzensiert und anonym Blödsinn zu verbreiten. Ja, das stimmt, es gibt viel Blödsinn im Netz, ungefähr so viel Blödsinn wie an jedem Zeitungskiosk.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 3/2015
Anschlag auf die Freiheit

Im Zuge unserer Recherche über den Absturz der Boeing 777 der Malaysia Airlines über der Ukraine haben wir im Netz viel Blödsinn gefunden, vor allem aber gut recherchiertes Material, das uns sehr geholfen hat bei der Suche nach den Schuldigen am Tod der 298 Menschen an Bord der Maschine. Da ist zum Beispiel die Website des Rechercheteams "bellingcat", ein internationales Netzwerk von Journalisten und Experten, die in monatelanger Kleinarbeit das Netz durchkämmt haben nach Videos, Fotos und sonstigen Belegen dafür, dass russische Buk-Raketensysteme beteiligt waren am Abschuss von MH17. Auch auf anderen Seiten wie Ukraine@war und Human rights investigations fanden wir viele Hinweise auf interessante Fakten und Papiere. Das Netz ist zu einem Medium geworden, mit dem sich Bürger, User, Experten in die Schlacht der Informationen einschalten. Es ist die andere Seite des Internets: Staaten und Unternehmen nutzen das Netz, um Daten über Bürger zu sammeln; zunehmend nutzen Bürger das Netz, um Daten über staatliches Handeln zu sammeln.

Was die ukrainische Regierung, was das russische Militär, was die Separatisten treiben, bildet sich im Netz ab, und es sind Bürger und Journalisten, die das alles auswerten wie ein Geheimdienst: Truppenbewegungen, Tweets, Flugrouten, Videos; diese Daten formen sich zu einem sehr dichten Überwachungsprofil.

So wird es möglich, aus Videos auf YouTube, aus Tweets auf Twitter, aus Posts auf Facebook zu rekonstruieren, dass die 53. Flugabwehrraketenbrigade der russischen Armee am 23. Juni ihren Stützpunkt in Kursk verlässt; dass sie sich Richtung ukrainische Grenze in Bewegung setzt; dass eine ihrer mobilen Raketenabschussrampen am 17. Juli genau dort steht, von wo eine Rakete auf MH17 abgefeuert worden sein soll; und dass nach dem Abschuss von MH17 auf der Rampe eine Rakete fehlt.

Natürlich ist es die Aufgabe von Journalisten, solche Erkenntnisse aus dem Netz zu überprüfen: Vor allem müssen sie vor Ort recherchieren, mit Beteiligten und Zeugen sprechen. Und klären: Wer stellt Fotos und Videos ins Netz? Und zu welchem Zweck? Welchen Interessen dient welche Information? Denn Regierungen, Militärs und Geheimdienste nutzen das Netz, um mit gefälschten Fotos und Videos die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Die Propagandaschlacht um MH17 hat sich zum ersten großen Netzkrieg des 21. Jahrhunderts entwickelt: Der Leiter der holländischen Untersuchungskommission spricht davon, bei der Klärung aller Spuren, die Hinweise auf die Täter enthalten, müssten über fünf Milliarden Netzbeiträge überprüft werden.

In einer Koproduktion ist der SPIEGEL mit der Recherchegruppe "Correctiv" und Journalisten der niederländischen Zeitung "Algemeen Dagblad" vielen dieser Spuren nachgegangen. Zusammen haben wir mit Augenzeugen, Soldaten, Ermittlern, Luftfahrtexperten, militärischen Beratern, Separatistenführern, Angehörigen gesprochen und daraus eine Rekonstruktion des Abschusses und eine Analyse der Propagandaschlacht entwickelt. Zu lesen im neuen SPIEGEL.



Diskutieren Sie mit!
5 Leserkommentare
normverbraucher 10.01.2015
linx 10.01.2015
wilhelmineb 10.01.2015
muzyka 11.01.2015
marzla 11.01.2015

© DER SPIEGEL 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.