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Ich bezahle meine Miete in Bitcoin

Internet-Währung: Ich bezahle meine Miete in Bitcoin
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Hilmar Schmundt

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Die Internet-Währung Bitcoin "ist alles andere als absturzsicher", schrieben wir in Heft 15/2013. Nun ist es soweit. Nach einem schwindelerregenden Tauschkurs von 262 Dollar ist Bitcoin gestern zwischenzeitlich auf 50 Dollar abgestürzt. Ist diese Volatilität ein Argument gegen die neue Digitalwährung? Nein. Aber das Platzen der Blase kann hilfreich sein, um ein paar Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.

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Bitcoin wird derzeit in vielen Artikeln hochgeschrieben mit Formulierungen wie diesen:

  • "Das Internet-Zahlungsmittel gilt dennoch als Alternative zum Euro".
  • "In Zeiten der Euro-Krise sind Bitcoins zu einer Art Fluchtwährung geworden."

Um es kurz zu sagen: Nein, Bitcoins sind weder eine Fluchtwährung noch eine Alternative zum Euro.

Ich sehe Bitcoins eher als ein faszinierendes Experiment, das in ein paar Jahren eine enorme Wucht entwickeln könnte. Aber nicht als Alternative zum Euro. Sondern als Labor, um internationale Geldüberweisungen kostengünstiger zu machen.

Wie komme ich zu dieser Einschätzung? Ich habe ein bisschen mit Bitcoin herumgespielt.

Vor zwei Wochen rief mich ein Kollege an und sagte: "Hast du den Bitcoin-Kurs gesehen?" Nein, hatte ich nicht. "Über 100 Euro." Dunkel erinnerte ich mich an meine Recherche im Herbst 2011, als ich ein Bitcoin-Konto eröffnet hatte zu Recherchezwecken. Damals stand der Kurs bei 1,66 Euro.

Ich klickte mich durch meine Recherchedokumente aus dem Jahr 2011, bis ich die Transaktion wieder fand. Tatsächlich. Damals hatte ich 15,5064 Bitcoins erworben und bei "Mt.Gox" angelegt, der weltweit wichtigsten Bitcoin-Börse mit Sitz in Tokio, die laut eigenen Angaben rund 80 Prozent aller Bitcoin-Transaktionen abwickelt.

Der Einstieg in die Bitcoin-Welt ist zäh. Aber sobald man im Bitcoin-Universum drin ist, funktioniert das elektronische Bargeld passabel. Bis zu diesem Punkt braucht man viel Geduld. Der Einstieg in die Online-Währung ähnelt der Einweihung in eine konspirative Geheimwissenschaft.

Ich lud mir also die Bitcoin-App auf mein Handy und installierte ein Konto. Aber das Konto war natürlich noch leer.

Ich suchte in allerlei dubiosen Foren herum und klickte mich durch Threads mit Überschriften wie dieser: "Topic: Is there not a straightforward way to buy fucking Bitcoins?" Ich konnte mich dieser Frage nur anschließen. Der Fragende wurde ausgiebig von allerlei Trollen lächerlich gemacht. Die Bitcoin-Bruderschaft wollte anscheinend ungestört unter sich bleiben damals.

Ich irrte über Coinpal, Bitmarket und Paxum, bis ich schließlich auf eine der einfacheren Methoden stieß, an Bitcoins zu kommen: Ich überwies mit internationaler Geldanweisung 40 Euro an die Firma Tibanne Limited in Tsim Sha Tsui, Kowloon, Hong Kong. Von den 40 Euro wurden gleich 10 einbehalten für die internationale Überweisung. Für die Überweisung von dreißig Euro zahlte ich also 33 Prozent "zuzügliches Entgelt". Verwendungszweck: "Please send me Bitcoins".

Am 16. November 2011 bekam ich die Bestätigung, dass mein Geld angekommen sei. Mir wurden 15,6 Bitcoins gutgeschrieben. Ich war drin im Bitcoinversum.

Stolz suchte ich nach einem Produkt, das ich kaufen könnte. Gar nicht so einfach, noch gibt es nur wenige Anbieter, die Bitcoins akzeptieren. Die großen wie Wordpress waren damals noch nicht dabei.

Ich kaufte also als erstes ein paar Bitcoin-Münzen in den USA. Doch, auch das gibt es. Ich überwies 7,45 Bitcoins an ein anonymes Konto mit diesem klingenden Namen: 1AWehNsDmHsV5BvF2rgLkpnoKKhSnSGMFz.

Die Überweisung ging erstaunlich reibungslos. Nach rund zwei Stunden war mein Geld dem Empfänger gutgeschrieben. Verglichen mit Papierbargeld ist das natürlich furchtbar langsam. Aber für bargeldähnliche Zahlungen ins Ausland ist es unschlagbar. Die Überweisungsgebühr betrug 0,5 Prozent. Kreditkartenfirmen streichen oft zehnmal soviel ein. Hier liegen eine der Stärken einer kryptografischen Internet-Währung. Nicht in der Anlagesicherheit, nicht als Fluchtwährung. Sondern als Modell, wie günstig und schnell bargeldähnliche internationale Überweisungen sein könnten.

Ein paar Tage später lagen meine Bitcoin-Münzen im Briefkasten. Auf jeder Münze ist unter einem Aufkleber eine einzigartige Zahlenfolge (Private Key) versteckt, mit der ich eine Bitcoin-Transaktion machen kann, wenn ich ihn eingebe. Oder einfach, indem ich die Münze über den Tresen schiebe. Vorausgesetzt, ich finde einen Laden, der Bitcoin annimmt.

Ich schrieb also meinen Artikel über das Europatreffen der Bitcoin-Fans in Prag. Und vergaß später mein Bitcoin-Konto wieder. Ich hatte immer eine Bitcoin im Portemonnaie und überraschte immer mal wieder Kollegen, wenn wir auf das Thema Internet-Geld kamen, indem ich ihnen eine Bitcoin-Münze schenkte. Letzte Woche wäre das zwischenzeitlich ein Gegenwert von über 260 Dollar gewesen.

Anfang des Monats war ich mal wieder im Room 77, einer Kneipe im Graefekiez in Kreuzberg, die Bitcoin akzeptiert. Dort trafen sich an diesem Abend die Bitcoin-Fans zu ihrem monatlichen Stammtisch. Ich trank ein Bier mit einem Anarcho, auf dessen Visitenkarte steht: "Revolutionary". Er erzählte mir, dass er staatenlos sei, seit er seine amerikanische Staatsbürgerschaft zurückgegeben habe. Er wohne in Bratislava und betreibe eine Bitcoin-Geldwäschefirma, die dazu dient, Waffen- und Drogenhändlern ihre Geschäfte abzuwickeln.

Das Internet-Geld übt auf Hightech-Anarchisten eine magische Wirkung aus. Aber auch sie dürften daneben liegen mit den Hoffnungen darauf, mit Bitcoin einen anarchischen Idealstaat zu errichten. Auffällig an diesem Abend: Niemand der Bitcoin-Ideologen ringsum zahlte mit Bitcoin. Alle verließen sich dann doch lieber auf den guten alten Euro. Ausgerechnet ich, der Neuling, war der einzige, der Bier und Fidel-Castro-Burger mit Bitcoin bezahlte. Ich gab dem Wirt eine Ein-Bitcoin-Münze, und er gab mir ohne mit der Wimper zu zucken fast 90 Euro heraus. Ein lukrativer Abend.

Bitcoin ist keine Fluchtwährung, keine Alternative zum Euro, keine Alternative zu Staatswährungen. Dafür ist die Geldmenge viel zu gering, der Spekulationsdruck viel zu groß, die Sicherheit zu gering.

Die Relevanz von Bitcoin liegt vielmehr in ihrem Laborcharakter. Bitcoin zeigt auf, dass eine algorithmische Währung funktionieren kann. Bitcoin mag Spekulationsobjekt und feuchter Traum von Anarchos sein. Aber die eigentliche Wucht liegt in den Fragen, die Bitcoin aufwirft: Wieso dauert es eigentlich in der Welt der staatlichen Währungen meist mehrere Tage, bis mein Geld auf dem Konto des Empfängers gutgeschrieben wird? Wieso streichen die Banken für diese Zeit einfach so die Zinsen ein? Wieso sind internationale Überweisungen so teuer? Wieso gibt es nicht so etwas wie international gültiges elektronisches Bargeld?

Bitcoin erinnert mich ein wenig an meine Recherchen vor neun Jahren zur damals noch dubiosen Technik namens Voice over IP. Seit 1992 hatten Tüftler testweise übers Internet telefoniert, immer wieder wurden ihnen von Regulierern Steine in den Weg gelegt, das System galt als subversiv, unzuverlässig, gefährlich, einigermaßen abhörsicher. Was folgte, war keine Revolution und keine Entmachtung der Telekommunikationskonzerne. Aber eine radikale Kostensenkung und eine grundlegende Veränderung des Alltags. Heute skype ich stundenlang mit Freunden in aller Welt und meine Frau liest den Neffen in Brooklyn Kinderbücher vor über Skype.

Wie Bitcoin hat auch Skype eine etwas dubiose Vorgeschichte: die Gründer hatten zuvor mit ähnlicher Technik die Peer-to-Peer-Börse Kazaa betrieben. So wie Bitcoin heute die Verbinungen zum Drogenhandel im Forum "Silk Road" vorgeworfen werden, haftete damals den Skype-Gründern ein Schmuddelruf an, als ich sie 2002 in Stockholm besuchte. Ein paar Jahre später umarmten auch die guten alten Telekommunikationsfirmen die einst neue, subversive Internet-Telefonie, stellten die Netze aufs Internetprotokoll um und gaben zumindest einen Teil der Kostenersparnis an die Kunden weiter.

So ähnlich könnte sich auch das Bitcoin-Prinzip entwickeln. Nicht als Fluchtwährung, nicht als Alternative, nicht als windige Spekulationsblase, sondern als Zukunftslabor für fallende Transaktionskosten bei Überweisungen. Dass die dominante Überweisungstechnik in zehn Jahren Bitcoin heißt, finde ich derzeit eher unwahrscheinlich. Längst steht die Konkurrenz in den Startlöchern: Digitalcash wie "Ripple" von Opencoin oder "Litecoin" (ein Bitcoin-Klon), daran erinnert ein Artikel im aktuellen "Economist".

Bisher ist nicht absehbar, welches System das Rennen macht. Und ob. Aber es wäre verwunderlich, wenn Überweisungen in zehn Jahren immer noch so teuer und langsam wären wie heute. In einigen afrikanischen Ländern werden Bargeldzahlungen routinemäßg per Handy gemacht (wenn auch basierend auf SMS, nicht auf einer Kryptowährung). Rein technisch ist die Zeit reif für eine Disruption der Bezahlgewohnheiten, für eine Art digitales Bargeld, für ein Cash-Skype.

Während wir an unserem Artikel schrieben, konvertierte ich nebenher meine Bitcoin-Reserven in Euro, um zu sehen, ob mein alter Account noch funktioniert. Es dauerte einige Minuten. Dann die Anzeige: Für meine 7,56 verbliebenen Bitcoins, die ich 2011 als Spielgeld für Recherchezwecke besorgt hatte, bekam ich nun 838,95376 Euro.

Wenn nächste Woche der Kurs auf 500 Dollar schnellt oder unter 5 Dollar fällt, ist mir das egal. Das Experiment läuft weiter, schon heute hat Bitcoin bewiesen, dass internationales elektronisches Bargeld funktionieren kann. Von meinem Lehrgeld werde ich meine Miete bezahlen und vielleicht ein paar leckere Abendessen im Graefekiez. Recherche lohnt sich.

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1 Leserkommentar
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Xalion 20.04.2013
Verdammt, ich weiß noch als der Bitcoin-Preis bei 6 Euro lag. Und damals war ich kurz davor 400 Euro da zu investieren.. hätte ich es wohl gemacht. Naja, so ist das :)

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