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Kaputte heile Welt: Darf eine Überschrift zynisch sein?

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Zum Debakel um den Hauptstadtflughafen druckte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die Überschrift: "Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten". Das ist für eine Überschrift zu lang; zudem falsch, denn die Absicht besteht unstrittig - was fehlt ist die Kompetenz, ein solches Projekt zu verwirklichen. Und damit fehlt es beim Flughafen drittens an der Lüge, die Ulbrichts Satz so unverschämt macht.

Trotzdem ist es eine gute Überschrift, weil sie die Lage treffend zusammenfasst, denn was bleibt dem Steuerzahler hier außer Zynismus? In diesem Fall ist eine zynische Überschrift nicht nur erlaubt, sondern Stil der Wahl.

Ein Prozessbericht von Gisela Friedrichsen über eine Mutter, die laut Anklage zwei Neugeborene durch Unterlassen getötet haben soll, trägt diese Woche im SPIEGEL die Überschrift "Heile Welt". Ironie und Zynismus sind bei einer solchen Tragödie fehl am Platz. Warum dann diese Überschrift? Der erste Vorschlag hatte gelautet: "Dreimal haben sie nichts bemerkt?", ein Zitat des entgeisterten Richters, als Zeuge um Zeuge behauptete, von den beiden Schwangerschaften der schlanken Frau nichts bemerkt zu haben. Der Kern der Geschichte wird hier nur berührt, aber ein Volltreffer ist das nicht. Bei der "Übergabe", einem mitunter mehrstündigen Kolloquium von Autor und Dokumentar beim SPIEGEL über Einwände und Zweifel am Text, einigte man sich stattdessen auf "Heile Welt".

Den Gründen für schwere Verbrechen kommt man trotz intensiver Mühe oft nicht nahe; es bleibt ein Graben, der zu überwinden wäre, wollte man verstehen, warum passiert ist, was alle schockiert. Im Fall der Mutter aus dem niedersächsischen Dorf Ostertimke ist das anders. Überzeugend zeichnete Gutachter Konstantin Karyofilis den Weg der Angeklagten von ihrer traumatisierten Kindheit bis zur Tat nach: Was immer fehlte und sie umso schmerzlicher vermisste, war eine heile Welt. Ersatzweise gaukelte sie sich und anderen eine heile Welt vor. Damit die nicht auch noch zusammenbrach, durfte niemand die Trümmer hinter der Fassade sehen.

In diesem Fall ist es also keine zynische Überschrift, sondern eine, die - zugegeben in maximaler Verkürzung und daher verstörend - den zentralen Grund des Unfasslichen benennt. Aber, lässt sich einwenden, die Welt war ja gar nicht heil, also stimmt die Überschrift nicht und hätte wie in diesem Blogbeitrag "Kaputte heile Welt" heißen müssen. Doch aus der Perspektive, die die Angeklagte zur Tatzeit einnahm, war ihre Welt heil und musste es bleiben, um jeden Preis.

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