Ist die Euro-Rettung gerecht, wenn die Menschen in den Nehmerländern reicher sind als die Menschen in den Geberländern? Wenn ein durchschnittlicher Haushalt in Zypern, Spanien oder Italien größere Ersparnisse ansammeln konnte als ein Durchschnittshaushalt in Deutschland? Laut einer Studie der Europäischen Zentralbank ist genau dies der Fall. Spanier besitzen ein deutlich höheres Nettovermögen als Deutsche, das der Zyprer ist sogar mehr als dreimal so hoch wie jenes der Deutschen.
SPIEGEL-Redakteure und -Korrespondenten haben sich vergangene Woche in den Krisenländern umgesehen: Gibt es dort wirklich verborgene Reichtümer? Könnten die Nehmerstaaten also mehr zu ihrer Rettung beitragen? Ein Teil der erstaunlichen Zahlen lässt sich durch Statistik erklären. Aber eine Erkenntnis bleibt: Die reichen Euro-Staaten sind gar nicht so reich, wie wir dachten. Und die armen nicht so arm.
Meine Kollegin Nicola Abé hat ihre Reise nach Afghanistan unter anderem durch den Besuch in einem Hamburger Geschäft für islamische Mode vorbereitet. Abé kaufte eine Abaja, ein schwarzes Gewand, das vom Hals bis zu den Füßen reicht. Außerdem einen Gesichtsschleier, den Nikab. In der Hauptstadt Kabul benötigte sie den Schleier noch nicht, da genügte Abé ein einfaches Kopftuch. Aber danach, während der Fahrt über Land, war sie froh, unter ihrem Schleier nicht sofort als Ausländerin erkannt zu werden: "Man wird praktisch unsichtbar." In Kunduz traf sie Übersetzer, die für die Bundeswehr gearbeitet haben - und deshalb bei den Taliban als Verräter gelten. Nun planen die Deutschen den Abzug. Und ihre ehemaligen Dolmetscher fürchten um ihr Leben.
Und ergreifend ist auch die Geschichte, die Özlem Gezer und Matthias Bartsch in Frankfurt am Main recherchierten. Sie stießen auf den Bulgaren Biser Rusev, einen ehemaligen Ziegenhirten. Rusev war von Schleppern nach Deutschland geholt und im Bahnhofsviertel als Arbeiter an ein Chemiewerk vermittelt worden. Nach einem Sturz während der Nachtschicht liegt er in einer Frankfurter Obdachlosenunterkunft - die notwendige Operation will ihm niemand bezahlen, er selbst kann es nicht. Rusev ist einer von Tausenden Menschen, die aus Bulgarien oder Rumänien ins Land strömen - voller Hoffnung, aber ohne Chance. Sie erledigen als Scheinselbständige die schmutzigen Jobs, zu Niedrigstlöhnen und häufig ohne Krankenversicherung. Wer sich verletzt, so wie Rusev, den lassen Schlepper und Arbeitgeber allein.
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