SPIEGELblog

Sind wir preiswürdig?

Von

Preisverleihung: Falk Steinborn Vorstand von queerblick e.V., Moderator Sister George, Preisträger Markus Verbeet vom SPIEGEL, Laudator Marcel Dams

Preisverleihung: Falk Steinborn Vorstand von queerblick e.V., Moderator Sister George, Preisträger Markus Verbeet vom SPIEGEL, Laudator Marcel Dams


Wer einen Preis erhält, darf sich freuen. Die Redaktionen von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE sind soeben mit einem Preis ausgezeichnet worden, und wir freuen uns sehr über die "Kompassnadel" des Schwulen Netzwerks NRW. Der Verein hatte befunden: "Der SPIEGEL setzt sich aktiv für die Verbesserung der Lebenssituation von Schwulen in unserer Gesellschaft ein und dient anderen Massenmedien als Vorbild für die positive Darstellung einer vielfältigen und pluralistischen Gesellschaft."

In der Begründung bedenkt die Jury unsere Berichterstattung mit Wörtern wie "ausgewogen", "realistisch" und "feinfühlig" . So weit, so erfreulich.

Die Entscheidung, uns den Preis zu verleihen, rief allerdings Kritik hervor. Die Deutsche Aids-Hilfe kommentierte sie mit "Entsetzen". Der Vorjahrespreisträger, Professor Martin Dannecker, weigerte sich, die "Kompassnadel" zu überreichen; die Linke in Nordrhein-Westfalen rief zum Boykott der Preisverleihung auf. Das Schwule Netzwerk NRW vermochte mit seinen Erklärungsversuchen die Kritiker nicht zu besänftigen, erst recht nicht zu überzeugen.

Was war da los? Die Kritiker halten uns nicht für preiswürdig, weil der SPIEGEL Anfang der achtziger Jahre tendenziös und diffamierend über Aids berichtet habe. Diese Berichterstattung habe den "Grundstein für die Stigmatisierung der Menschen mit HIV gelegt", wie es die Deutsche Aids-Hilfe formuliert hatte. Die Folgen hatte der Verein Positiv Handeln NRW so beschrieben: "Unter dem Druck der damaligen Berichterstattung und der daraus resultierenden Stigmatisierung haben sich damals eine Reihe von HIV infizierten Menschen das Leben genommen oder sind psychisch derart belastet worden, so dass sie immer noch darunter leiden." Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hatte Auszüge aus alten Artikeln in seinem Blog veröffentlicht und kommentiert. So weit, so kritisch.

Es ist nicht das erste Mal, dass unsere Aids-Berichterstattung kritisiert wird. Schon in den achtziger Jahren war sie umstritten, auch innerhalb der Redaktion. In einer Hausmitteilung von 1987 heißt es: "Tatsächlich, das zeigte letzte Woche eine dreistündige Diskussion von 13 mit Aids-Berichterstattung befassten Redakteuren, sind die Positionen im SPIEGEL-Haus kaum weniger weit auseinander als in der Fachwelt." Daher hat uns die Kritik heute nicht überrascht. Das Schwule Netzwerk NRW hatte in der Begründung für die Preisvergabe ebenfalls diese alten Artikel erwähnt: "Dabei steht Der SPIEGEL selbst für einen Lernprozess, an dessen Beginn mit dem Aufkommen von AIDS in den 1980er Jahren ein durchaus nicht immer angemessener, auch anhaltend verletzender Umgang mit der hauptbetroffenen Gruppe der schwulen Männer stand."

Am Samstag fand die Preisverleihung in Köln statt, rund 600 Gäste waren im Kölner Gürzenich versammelt. Ich durfte, stellvertretend für die Redaktionen von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE, die Kompassnadel in Empfang nehmen. Davor sprach ich auch mit Mitgliedern von "Positiv handeln", die allen Gästen schwarzen Trauerflor anboten, um der Opfer zu gedenken. In meiner Dankesrede sagte ich unter anderem: "Ich kann nur ahnen, was für Verletzungen wir hervorgerufen haben. Ohne es zu wollen, ohne jede Absicht. Aber wir haben diese Verletzungen hervorgerufen. Und ich will Ihnen sagen: Das bedauere ich zutiefst. Wie groß diese Verletzungen sind, haben mir etliche Gespräche gezeigt. Gespräche, die ich in den letzten Tagen geführt habe und auch vorhin, unmittelbar vor dieser Veranstaltung. Ich danke allen, die das Gespräch mit mir gesucht haben und sich dem nicht verweigert haben."

Dafür gab es Applaus, aber der muss und sollte weitere Diskussionen nicht verhindern. Das Schwule Netzwerk NRW hat die Veranstaltung dokumentiert und wird demnächst Videomitschnitte veröffentlichen, unter anderem bei Youtube, so dass jeder sich ein Bild machen kann: von der kritischen Rede des Vorsitzenden der Aids-Hilfe Nordrhein-Westfalen; von der bewegenden und differenzierten Laudatio des jungen Marcel Dams; von meiner Rede. In der Zwischenzeit arbeiten wir beim SPIEGEL und bei SPIEGEL ONLINE daran, dem Preis gerecht zu werden: durch eine Berichterstattung, die ausgewogen, realistisch und feinfühlig ist. Nicht nur, aber auch beim Thema Homosexualität.

PS: Im aktuellen Heft beschreiben wir, wie der niederländische Fußball-Nationaltrainer Louis van Gaal für die Rechte von Homosexuellen demonstriert; wir weisen auf die Ausstellung des Fotografen Robert Mapplethorpe hin, der durch seine explizit homosexuellen Bilder bekannt wurde; und wir berichten, dass sich die britische Schauspielerin Tilda Swinton mit einer Regenbogenflagge am Kreml fotografieren ließ, um ihre Solidarität mit russischen Homosexuellen zu signalisieren.



Diskutieren Sie mit!
3 Leserkommentare
patrick1hamm 11.07.2013
tobiasberlin 11.07.2013
little-devil 12.07.2013

© DER SPIEGEL 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.