Leserblog 1168 Erstes Leserdinner im SPIEGEL

Milos Djuric

Von Cordt Schnibben


Am 12. Juni trafen sich in Verlagshaus des SPIEGEL 102 Leser, die aus über 1100 Lesern ausgelost worden waren. Sie waren einem Aufruf im SPIEGEL gefolgt, ihre Meinung zum SPIEGEL zu äußern, Grundsätzliches zu schreiben zu Stärken und Schwächen des Heftes, zu komischen Titelstorys, zu seltsamen Covern, zu investigativen Coups, glanzvollen Reportagen und all den Themen, die der Leser vermisst im Heft.

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Heft 26/2015
Europas Scheitern: Was es kostet und was danach kommt

Die geladenen Leser diskutierten erst mit dem Chefredakteur Klaus Brinkbäumer, danach erklärte ihnen der Leiter der Dokumentation, Dr. Hauke Janssen, wie seine 60 Kollegen versuchen, den SPIEGEL möglichst fehlerfrei in Druck gehen zu lassen.

Den beiden lebhaften, kritischen Diskussionsrunden folgte das Leserdinner auf der Terrasse des SPIEGEL-Restaurants, das das Team des SPIEGEL-Kochs Alfred Freeman zubereitete und zu dem ein SPIEGEL-Leser (und das Weingut Hunn) den Wein beisteuerte.

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Im Herbst werden weitere Leserrunden dieser Art folgen, die Termine (immer freitags) werden demnächst bekannt gegeben.

Auszüge aus den Mails einiger Gäste:

Ein Nachmittag informativ, witzig, genussvoll. Vor allem hat mich auch der Austausch mit den anderen Gästen begeistert. Trotz aller Unterschiedlichkeit, wie sie ja auch bei der gruppendynamisch hochinteressanten Diskussionsrunde deutlich wurde, hat uns verbunden, dass wir gesellschaftspolitisch interessiert sind und Verantwortungsbewusstsein besitzen. Differenzierte Weltsicht, Toleranz gegenüber anderen Ansichten, Lust auf die Debatte, das war es, was ich bei den Gesprächen am Abend erlebte. Vielen Dank, dass ich dabei sein durfte.

Dorothea Rimbach

Aus meiner Sicht war die Veranstaltung ein voller Erfolg, wobei ich glaube, dass Klaus Brinkbäumer auch einige Erkenntnisse in Bezug auf die SPIEGEL-Leserschaft gewonnen hat. Von Hauke Janssen hätten wir gerne mehr erfahren, insbesondere wie die Abläufe sind, wenn brisante Dokumente an den SPIEGEL herangetragen werden. Das Dinner war super und bildete mit den zahlreichen Tischgesprächen einen runden Abschluss.

Lothar Walkling

Mit Interesse und Vergnügen habe ich die Ausführungen von Dr. Janssen verfolgt. Es kommt nicht allzu oft vor, jemanden zuzuhören, der weiß, wovon er spricht und auch noch Humor und ein Quentchen Sarkasmus beifügt, so dass keine Langeweile aufkommt. Trotzdem werde ich ihn gelegentlich anschreiben und fragen, welche Rolle die Dokumentationsabteilung bei der Berichterstattung (sprich: Meinungserstattung) von Beate Lakotta gespielt hat.

Susanne Wolff

Wir danken Ihnen sehr, dass wir an diesem sicher einzigartigen Zusammentreffen von Lesern und Machern eines Nachrichtenmagazins in dieser Form teilnehmen durften und freuen uns sehr auf eine Fortsetzung unseres Dialogs.

An Herrn Dr. Janssen musste ich denken, als ich in Hamburgs schönster Buchhandlung Felix Jud den schmalen Band "Die ersten Suchmaschinen" von Anton Tanter erwarb. Eine klare Leseempfehlung, wenn man mehr wissen möchte über die frühen Anfänge kommerzieller Datenbanken, die in Adressbüros und anderen professionellen Verzeichnissen bestanden. Und ein zweiter Hinweis an Herrn Dr. Janssen sei erlaubt - für die angedachte Digitalisierung des Workflows zwischen Redaktion und Dokumentation: Da sollte er sich intensiv mit dem System tango media von Markstein Software, Darmstadt, beschäftigen.

Wir jedenfalls möchten uns ganz herzlich bei Ihnen und Ihrer Crew für die anregenden Stunden im SPIEGEL-Gebäude und vor allem mit den SPIEGEL-Machern bedanken, nicht zuletzt auch im Namen der Familie Hunn, den Winzern, die den Wein spendierten. Das Weingut Hunn ist ein Familienunternehmen in zweiter Generation in Gottenheim am Tuniberg bei Freiburg. Zum Leserdinner gab es zur Vorspeise einen Chardonnay 2013 und zum Hauptgang einen Spätburgunder 2011.

Daniela Brack, Thomas Thelen

Ich persönlich habe dabei auch gelernt, wie breit die thematische Fokussierung der Leser letztendlich ist. Nicht einfach, diese Erwartungen alle abzudecken.

Bin gespannt, inwieweit die Initiativen Ihres Chefredakteurs auch inhaltlich oder in der Themenwahl Auswirkungen zeigen werden. Falls irgendwann eine Wiederholung so eines Gesprächs geplant ist, bietet sich vielleicht gleich eine Aufteilung in seminaristische Themengruppen an, um die Interessenlage der Leser besser zu bündeln.

I. Schöler

Es ist richtig, was Chefredakteur Klaus Brinkbäumer sagte: Weniger ist mehr. Die Titelstory sollte üppiger und tiefgründiger sein, dazu Geschichten, die wirklich exklusiv sind und nicht solche, die man auch bei "FAZ", "Süddeutscher" oder den regionalen Tageszeitungen zwischen MeckPomm und Bayrischem Wald lesen kann. Kleinere Info-Artikel zu den verschiedensten Themen können ja den Inhalt weiter abrunden, aber auch da stringenter werden... Nicht zu viel davon. Was Leserbriefe betrifft, ob vorn oder hinten, ist eher unwichtig, aber die Autorinnen und Autoren der einzelnen Artikel sollten auch unter diesen stehen, denn ich möchte schon wissen, wen ich mit Lob oder Kritik überschütten kann.

Gern hätte ich noch mit dem einen oder anderen Redakteur gesprochen, auch in eigener Angelegenheit, aber dazu war der Rahmen heute verständlicherweise, bei der großen Teilnehmeranzahl, nicht gegeben. Gerade zum Dokumentationsbereich hätte ich gern den kompakten Vortrag gehört. Einziger Kritikpunkt: Im ersten Teil der Diskussion sind die Diskussionsbeiträge der einzelnen Wortmelder (und Wortmelderinnen) leider ausgeufert, das kostete Zeit (und Nerven).

Marko Michels

Die Veranstaltung zeigte mit ihren Stärken und Schwächen, dass auch die Neupositionierung der Beziehung Redaktion zu Leser (bzw. Verlag zu Leser) ein Prozess ist, der nicht von heute auf morgen gelingt. Man merkte der Veranstaltung ihren privatistischen Charakter inmitten einer Unternehmensumwelt an. Verbesserungen wären Namenslisten, Namensschilder, Lebensläufe der beteiligten Redakteure, mehr Redakteure beim Austausch, mehr Kontakte durch mehr Beteiligung der Redaktion und organisierten Wechsel (wie Sie das ja auch geplant hatten), kleines Erinnerungsgeschenk, das das Erzählen daheim erleichtert (z.B. von Ihnen signierter neuer SPIEGEL, was sich am Freitag anbietet.) Der SPIEGEL hat mit den Leserbriefschreibern zu Ihrem Startbeitrag einen Schatz von loyalen, kundigen Lesern erhalten. Diese, das zeigten die Wortmeldungen, brauchen Bestätigungs-Argumente für ihre bisherige langjährig stabile Kaufentscheidung. Die Bereitschaft dieser Loyalen, dem SPIEGEL ihre Einschätzung zum Produkt unter jeweils spezifischen Gesichtspunkten zu liefern, ist von der Redaktion als Instrument noch zu entdecken und zu entwickeln. Die bisherige Leserforschung (zumeist per Telefon mit lediglich geschlossenen Fragen und ahnungslosen Interviewern ) liefert banale Ergebnisse, deren Auswertung Anzeigenkunden beeindrucken sollen. Ich bin überzeugt davon, dass sich mit Hilfe ernsthafter, intelligenter Lesereinbindung die Qualität und die (arg angeschlagene) Reputation des SPIEGEL außerordentlich kostengünstig steigern ließen.

Henning v. Vieregge

Dass die Leser so untereinander in Kontakt kommen, fand ich spannend.

Mir hat die Diskussion sehr gefallen, und sie hat mir einen anderen Blick auf Ihr Blatt eröffnet. Ich hatte in meiner Kritik seinerzeit auf die teilweise wenig überzeugenden Hintergrundrecherchen verwiesen. Ich denke, dass die Konkurrenz beim investigativen Journalismus auch bei Ihnen die notwendigen Triebkräfte freisetzt, die den SPIEGEL wieder ganz nach vorn bringen auf diesem Feld. Das Leserdinner hat mich jedenfalls optimistisch gemacht, dass das mit der jetzigen Chefredaktion gelingen kann.

Mit dem aktuellen Blatt (Kasachstan-Titel) wird sich Ihre Redaktion sicher nicht beliebt machen bei den ehemaligen Granden der Bundesrepublik. Dieser Beitrag findet meine Hochachtung. Ich frage mich nur, von was für Menschen werden wir regiert!

Man mag mit Frau Merkel in vielen Fragen nicht einverstanden sein, aber dass ich mal solche Geschichten über sie im SPIEGEL lesen werde, halte ich für wenig wahrscheinlich.

Michael Kossakowski

Mein Vorschlag: mehr Geschichten aus dem wahren Leben. Diese Geschichten findet man tagtäglich auf der Straße, und wenn man bewusst durchs Leben geht, dann könnte man für jeden Tag eine interessante Geschichte schreiben, die fast jeden Leser bewegen würde. Ich lese gerne Geschichten aus dem wahren Leben, weil sie mich berühren und mich mitfühlen lassen.

Es ist wie ein gutes Buch, fängt man erst einmal an, dann möchte man nicht mehr aufhören und man ist traurig, wenn das Ende naht. Ich könnte mir das z.B. als "Homestory" mit Fortsetzung vorstellen, bei der jeder Leser gespannt auf das nächste Heft ist. Auch würde ich die Leser mit einbeziehen und ihnen Fragen zum Nachdenken geben. Aber das ist nur meine Idee und Sicht der Dinge.

Peggy Schneider

Die Ausführungen von Chefredakteur Brinkbäumer über weitere Planungen mit dem SPIEGEL fand ich als SPIEGEL-Leser seit den 60er Jahren und als dpa-Redakteur für Außenpolitik sehr interessant. Da ich schon pensioniert und Nachrichtenmann geblieben bin, sehe ich manches vielleicht etwas konservativ. Ich bin sehr für tief gehende Nachrichten-Analysen und nicht unbedingt für durchgestochene Stories, die man immer unbedingt schnell exklusiv haben muss. Ich habe den SPIEGEL und die "Zeit" früher mit dem Bleistift gelesen und viel unterstrichen, um mir Details einzuprägen. Wenn ich heute Artikel in alten SPIEGEL-Ausgaben lese, bin ich nach wie vor sehr angetan. Inzwischen gibt es mehr weiche Themen oder auch Schubladen-Themen und ganzseitige Fotos. Aber das ist heute vielleicht für eine lesefaule jüngere Leserschaft nötig, die mehr auf Infotainment eingestimmt ist. Ich habe alles von Augstein verfolgt, habe Bücher über ihn und staune, wie tief er noch im Hause verankert ist. Seine alten Grundsätze werden gepflegt, wie zum Beispiel in der Abteilung Dokumentation..

Olaf Heffe

Ich glaube, Sie haben mit dieser Initiative Ihrem SPIEGEL und der Leserschaft einen sehr wegweisenden Dienst erfüllt. Die Öffnung hin zum Leser ist ein sehr wesentlicher Schritt im Verhältnis des Qualitätsjournalismus zum Leser. Unsere Gesellschaft braucht diese Auseinandersetzung und den Dialog, um der vierten Gewalt nicht dem Boulevard zu überlassen, dem die Bewertung von Ereignissen durch das Suchen nach Ursache und Wirkung und faktische Analyse zu fremd ist und der nur die kurze schnelle Bewertung pflegt.

Mein kurzes Fazit aus diesem Abend:

Die Weiterführung des Bewusstseins, das Der SPIEGEL das "Leitmedium" für die demokratische Bildung in Deutschland ist und dies auch bei der Diversifizierung der Marke SPIEGEL "online" wie im TV mit zu berücksichtigen hat. Das Schnelle ist zwar Zeitgeist, aber verwässert das Eigentliche, die Qualität, der sich das Haus erfreut und bewusst ist, wie mir dieser Abend zeigt. Ich hoffe, zur gegeben Zeit Ihrem Haus - nicht nur als Leser - hilfreich zu sein. Ich habe Feuer für Ihren SPIEGEL gefangen.

Alexander Kursawe



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3 Leserkommentare
v.d.wehl 27.06.2015
a.droste 27.06.2015
k.ockenga 03.08.2015

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