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Unser Mann in Mali: Ein Reisebericht aus der Hölle

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Paul Hyacinthe Mben, Stringer für den SPIEGEL in Mali

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Mali in Westafrika galt einst als Musterland, als friedlich, wenig korrupt und demokratisch. Mali war eines der wenigen Touristenländer in der Region: mit dem sagenumwobenen Timbuktu, den gewaltigen Stein- und Sandwüsten und der guten Musik (Amadou und Mariam).

Doch das Land hat diesen guten Ruf innerhalb nur eines Jahres verspielt: Erst vertrieben Rebellen vom Volk der Tuareg die Armee aus dem Norden, dann putschte die Armee die gewählte Regierung in Bamako weg, und die Tuareg-Rebellion wurde von Islamisten gekapert.

Wer als Journalist in einem solchen Umfeld arbeitet, braucht Helfer. Meistens wendet man sich an lokale Journalisten, sie haben die Kontakte, wissen, mit wem man spricht, wo man hin kann und wo besser nicht. So habe ich Paul Hyacinthe Mben kennengelernt.

Paul hat acht Jahre in Mannheim Politikwissenschaften studiert. Er ist heute für ein zweiwöchig erscheinendes politisches Magazin in Bamako tätig. Zusammen haben wir im Sommer Mali bereist. Wir trafen Politiker, Soldaten, Musiker. Wir beobachteten Milizen beim Training. Doch weiter als bis in die Stadt Mopti konnten wir nicht nach Norden reisen.

Mopti ist so etwas wie die Pforte nach Mordor, dahinter beginnt das Reich der Islamisten. Sie steinigen Ehebrecher, amputieren Gliedmaßen für Bagatelldelikte, haben Musik und Alkohol verboten und die Wirtschaft ruiniert - ein extrem gefährliches Terrain für Journalisten.

Paul hat sich trotzdem dorthin gewagt. Er ist gläubiger Muslim, aber wie die Radikalen die Scharia im Norden umsetzen, widert ihn an. Paul kennt sich aus in der Gegend von Gao, Timbuktu und Kidal. Er hat dort Freunde und Fürsprecher, die seine faire Berichterstattung schätzen. Früher hat er oft über die Tuareg geschrieben, spricht neben Deutsch, Französisch und Bambara auch ein paar Worte Tamaschek.

Paul wollte genau wissen, wie es im Norden heute aussieht, und vor allem, was die Malier dort denken. "Die Islamisten haben überhaupt keinen Rückhalt in der Bevökerung, ein reines Zwangsregime", sagte er nach seiner Reise. Wochenlang hatte er zuvor mit Führern der Islamisten und Tuareg Gespräche über freies Geleit geführt.

Schließlich willigten sie ein, und Paul setzte sich in den Bus nach Gao.

Drei Tage dauerte die Reise durch die Savanne in den Norden. Dann schlang er sich einen Turban auf besondere Weise um den Kopf, legte seine bunten Hemden ab und zog sich etwas über knielange Hosen an. Die Islamisten sind der Meinung, dass der Prophet solche Beinkleider trug. Sie wollen ihm möglichst ähnlich sein.

Der Besuch hat Paul erschüttert. Er erlebte den Norden als einen weitgehend entvölkertern Landstrich. Hunderttausende sind geflohen. Die Islamisten üben vor allem dadurch Macht aus, indem sie ihre Rollkommandos von der Islam-Polizei auf die Straße schicken. Die kontrollieren, ob auch alle Frauen Schleier tragen und die Männer auf Zigaretten verzichten oder regelmäßig zum Gebet gehen. Ein politisches Programm haben sie nicht. Die Elektrizitätswerke, die Wasserwerke, die Müllabfuhr - nichts funktioniert mehr. Das wirtschaftliche Leben ist zum Stillstand gekommen.

Etliche Male musste sich Paul kontrollieren, durchsuchen und verhören lassen. Niemals verriet er am Telefon seinen Standort, niemanden ließ er wissen, wo er übernachtete, nie blieb er zwei Tage am selben Ort.

Erstaunlich einfach war es für ihn aber, einer Amputation beizuwohnen. Die Islamisten sind stolz darauf, dass jemand unter ihrem Regime seine Hand verliert, weil er eine Kuh gestohlen hat, zum Beispiel. Der Blutgeruch verfolgt ihn immer noch, sagte mir Paul danach.

Aber es gab auch Lichtblicke: In Kidal lehnen sich vor allem Frauen gegen die Islamisten auf. Sie werden regelmäßig festgenommen und verprügelt. Sie machen trotzdem weiter.

Zurück in Bamako beschloss Paul, seiner Frau so manches Detail der Reise zu verschweigen: "Damit sie nicht im Nachhinein noch einen Herzinfarkt kriegt."

Seinen Reisebericht habe ich aus einer gewaltigen Stichwortsammlung und nach etlichen langen Telefongesprächen in Reportageform gegossen. Paul hat ihn immer wieder gegelesen, verbessert und noch Details beigesteuert.

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