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Protokoll einer Recherche Tage mit Gurlitt

Von

REUTERS

Ich hatte eine Fahrstuhlfahrt Zeit, um Cornelius Gurlitt davon zu überzeugen, dass ich mit ihm Taxi fahren darf. Es wurde der Beginn einer viertägigen Reise, bei der ich nie wusste, wann sie enden wird. In den Tagen mit ihm hatte ich oft das Gefühl, in eine Zeitmaschine gestiegen zu sein.

Cornelius Gurlitt, ein Mann, der sein Hotelzimmer mit Brief reserviert, geschrieben auf Schreibmaschine, unterschrieben mit Füllhalter. Der sich darüber wundert, warum Telefone Nummern auf ihrem Display anzeigen. Seine Welt ist langsam, still, nicht 2013. Cornelius Gurlitt, 80, hat seinen letzten Film im Kino 1967 gesehen, die "Wilde Reiter GmbH". Ein Film von Franz-Josef Spieker, 107 Minuten, eines der ersten Werke des Jungen Deutschen Films. Gurlitt erzählt von der Kinovorstellung, als ob sie am gestrigen Abend gewesen wäre. Er lachte über die Szenen der Komödie. "Sehr amüsant", sei das gewesen. Er schwärmt von seiner letzten Schallplatte, sie ist von Martha Mödl.

Cornelius Gurlitt surft nicht im Internet, er hat keinen Fernseher. Aber er sammelt Zeitungsartikel, die ihm gefallen, bunte am liebsten. Und er hört Radio. In einem Radiobeitrag hörte er, dass die Beamten, die die Bilder aus seiner Wohnung getragen hatten, sagten, er hätte die Kunstwerke zwischen Essensresten und Konserven gelagert. So sei das nicht gewesen, versicherte er gekränkt. Er habe viel Essen zu Hause in den Regalen, aber das habe Gründe. Dann erzählt er von der Eichhörnchen-Aktion der Bundesregierung, 1961. Die Menschen müssten Essen lagern, wie die Eichhörnchen für den Winter, das sei damals der Aufruf gewesen. Für Krisenzeiten, wie jene, in denen Gurlitt jetzt steckt.

Er ist ein Mann, der niemandem vertraut, auch nicht dem deutschen Staat, dieser habe schließlich auch Steuerakten von Dieben gekauft. Und er ist verzweifelt, weil er nicht versteht, warum der Staat sein Privateigentum der Öffentlichkeit zeigt - die Liebe seines Lebens - wie er seine Bilder nennt. Der Staat, von dem er selbst nie etwas in Anspruch genommen hätte.

Cornelius Gurlitt macht auf mich den Eindruck, als habe er sich entschieden, kein eigenes Leben zu führen, um die Bilder der Familie zu hüten, das Erbe seines Vaters. Mit dieser Aufgabe scheint er sich über die Jahre immer mehr von der Realität entfernt zu haben. Jetzt steht er das erste Mal in seinem Leben im Fokus der Öffentlichkeit, die ihm fremd ist.

Ich hatte nach den vier gemeinsamen Tagen den Eindruck, dass Cornelius Gurlitt nicht nur die Bilder Jahrzehnte lang in die Wände seiner Wohnung gesperrt hat, um sie von der Welt fernzuhalten, sondern sich selbst gleich mit. Er lebt mit einer ständigen Sehnsucht nach früher. Als die Herrensakkos noch drei Knöpfe hatten, statt zwei.

Cornelius Gurlitt ist ein bescheidener Mensch, er sitzt in einer Bäckerei und freut sich über ein warmes Croissant, minutenlang. Immer wieder flüstert er, dass dies das Beste sei, was er seit langem gegessen habe. Sein Lieblingsessen sei das Fertiggericht Hühnerfrikassee von Karstadt.

Bei jeder Begegnung schüttelt er mir die Hand, zur Begrüßung und zum Abschied, manchmal viermal am Tag. Wir haben in demselben Hotel übernachtet, trotzdem verabredeten wir uns immer zur genauen Uhrzeit, er mag keine ungeplanten Sachen. Unterhaltungen strengen ihn an.

Am letzten Abend sitze ich in seinem Hotelzimmer. Die Nachtlampe brennt und er erzählt, dass er die heutige Welt nicht mehr verstehe. Cornelius Gurlitt bedauert den Niedergang seiner FDP. Die Politiker seien einfach zu langweilig. Ginge es nach ihm, hätte man einen liberalen Hochschulprofessor oder einen Nobelpreisträger an die Spitze der Partei setzen müssen, das hätte die FDP gerettet, meint er.

Gurlitt schwärmt von Konrad Adenauer. Im Gegensatz zu Angela Merkel sei der nie in seinem Leben in ein Fußballstadion gegangen. "Adenauer hätte sich nie in eine Kanzlermaschine gesetzt, um zum Fußball nach Südafrika zu fliegen." Stadien hätten etwas von Siegesgetriebenheit, seien schlecht und böse. Gurlitt sagt: "Ich kann auf die Bibel schwören, dass ich noch nie in einem Stadion war." Es ist einer der wenigen Momente, in denen er sehr stolz wirkt und verlegen lacht.

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20 Leserkommentare
rgsf 20.11.2013
kritischer-spiegelleser 20.11.2013
tutnet 20.11.2013
fettwebel 20.11.2013
einwerfer 20.11.2013
a.weishaupt 20.11.2013
specialsymbol 20.11.2013
Larry 20.11.2013
roxabilly 20.11.2013
mercadante 20.11.2013
troy_mcclure 20.11.2013
nordmensch 20.11.2013
testthewest 20.11.2013
einwerfer 20.11.2013
Grafsteiner 20.11.2013
kiba80 20.11.2013
rahelmutmayr 20.11.2013
ijf 21.11.2013
ra.dr.friedrich.burger 21.11.2013
LorenzSTR 21.11.2013

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