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21. Dezember 2012, 12:51 Uhr

MyDirtyRight!

Von der SPIEGEL-Rechtsabteilung

"Echte Amateure haben echten Sex und stellen ihre Videos und Bilder für alle zum Anschauen bereit. Den besten Amateursex findest Du online."
(MyDirtyHobby-Werbetext.)

Das ist natürlich eine feine Sache, dass die Menschen ihre geilen Videos und Bilder "für alle zum Anschauen bereitstellen" können. Für die Freunde von gutem Amateursex. Und für Fabian Thylmann, der als Mann hinter Seiten wie YouPorn und MyDirtyHobby mit diesen Bildern viel, viel Geld verdient hat.

Wer seine Bilder eigentlich gar nicht für alle zum Anschauen bereit stellen wollte, sondern seinen Amateursex unfreiwillig mit der Welt teilte, weil ihn ein Ex-Partner oder sonstwer einfach hochgeladen hat, der muss sich an ein Firmengestrüpp zwischen Hamburg, Luxemburg, Belgien, Zypern und Kalifornien wenden und hoffen, dass da sich da jemand kümmert und dem Bösewicht auf die Finger klopft.

Wenn es um ihn selbst geht, ist Fabian Thylmann erstaunlich sensibel, was das Bereitstellen seines Fotos für alle zum Anschauen angeht. Und dabei zeigt das Bild, um das es geht, ihn gar nicht beim "echten Sex", sondern bloß bei einem öffentlichen Auftritt bei dem Treffen der Online-Sex-Branche "Internext Expo", wo er Anfang dieses Jahres über sein Geschäft geredet hat.

Zu sehen ist das Foto im aktuellen SPIEGEL, in einem Artikel über die Porno-Branche und den noch im Oktober 2012 mitteilungsfreudigen deutschen Pornokönig Thylmann.

Um Thylmanns Belange kümmern sich die TÜV-geprüften Anwälte WILDE BEUGER SOLMECKE. Sie sorgen sich, dass da einfach ein Bild von ihrem Mandanten abgedruckt wurde, und schreiben dem SPIEGEL:

"Die Veröffentlichung und Verbreitung dieser Aufnahme in Ihrem Magazin erfolgte ohne das entsprechende Einverständnis unseres Mandanten in eine solche kontextfremde Nutzung. Der Nutzung seines Bildnisses durch Ihr Haus im hier erfolgten Rahmen hat unser Mandant zu keinem Zeitpunkt zugestimmt."

Richtig. Das haben wir gemacht. Und ja: Keine Zustimmung, nur vom Fotografen. Kontextfremd? Aber das ist doch Fabian Thylmann. Und auf den coolen Auftritt bei der "Internext Expo" hat er seine Pressesprecherin eigens hinweisen lassen. Und über diesen Auftritt haben wir auch im Artikel berichtet. Hä?

Nun kommen in dem Anwaltsschreiben die Grundrechte:

"Durch die unrechtmäßige Nutzung des Bildnisses unseres Mandanten verletzen Sie dessen Recht am eigenen Bild gem. § 22 KUG und des allgemeinen Persönlichkeitsrechts aus Art. I Abs. I in Verbindung mit Art. 2 Abs. I GG."

Dann die Folterwerkzeuge:

"Unserem Mandanten stehen daher gegen Sie umfassende Unterlassungs-, Auskunfts- und Schadensersatz- und Geldentschädigungsansprüche in nicht nur unerheblicher Höhe zu."

Und schließlich - nie zu vergessen - die Kosten für den freundlichen Hinweis:

Was das soll? Wir wissen es nicht. Sein dreckiges Hobby vielleicht? Unser gutes Recht, meinen wir. Aber das wird wohl weder in Luxemburg, Belgien noch Hamburg, sondern voraussichtlich vor Gericht in Köln entschieden. Wir halten uns dran und Sie auf dem Laufenden.

Nachtrag:

Wie in Pressesachen nie auszuschließen (nie!) haben die Thylmann-Anwälte beim LG Köln eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung des Bildnisses erwirkt. Wie üblich ohne den Antragsgegner zu hören und wie üblich aus den vom Antragsteller auf vielen Seiten ausgeführten Gründen.

Kurz: Er habe immer sehr zurückgezogen gelebt, die InternetExpo sei nicht für öffentlichen Publikumsverkehr geöffnet, das gegen ihn gerichtete Ermittlungsverfahren rechtfertige keine Veröffentlichung des Bildes und der SPIEGEL habe sensationslüstern berichtet - was auch die sehr freizügige Bebilderung des Artikels belegen würde.

Ob das dann richtig ist? Wir haben jedenfalls über weit mehr als das Steuerverfahren berichtet und über die Größen der deutschen Wirtschaft sollte die Presse auch so berichten dürfen, Steuerverfahren hin oder her.

Aber wie gesagt: Wir halten uns erst einmal dran, nachvollziehen können wir die Untersagung nicht. Vielleicht weiß man bei Gericht auch schlicht nicht um die Bedeutung des Thylmann'schen Pornokonzerns, obwohl dazu ja einiges in unserem Artikel stand. Wie auch immer, wir werden dem Gericht jetzt das Notwendige mitteilen und sind gespannt, in welcher Instanz die Sache schließlich geklärt werden wird. Wir berichten.

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