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AußenSPIEGEL: Weisband, Piraten und Fragen der Macht

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Die öffentliche Auseinandersetzung zwischen Marina Weisband, der ehemaligen Geschäftsführerin der Piratenpartei, und dem SPIEGEL hat für einiges Aufsehen geführt und grundsätzliche Debatten ausgelöst. Anlass ist ein Artikel im aktuellen SPIEGEL, in dem es darum geht, dass Weisband überlegt, ob sie den Rufen ihrer Partei nach einem Comeback nachgeben solle.

Weisband warf dem SPIEGEL vor, sie falsch zitiert zu haben. SPIEGEL-Redakteurin Merlind Theile widersprach hier im Blog.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Peter Tauber ist "genervt" über die Piraten, die so täten, "als ob sie nicht nur in diesem Fall, sondern jüngst immer häufiger 'Opfer' der Presse wären". Er meint, dass Journalisten nach dem Reiz des Neuen bloß "auf einmal auch kritisch über die Piratenpartei berichten. Und übrigens nicht kritischer als über andere Parteien - aber da sind wir schon beim Problem: die eigene Wahrnehmung."

Tauber schreibt in seinem Blog:

Wer täglich mit der Presse zu tun hat und selbst ein geisteswissenschaftliches Studium absolviert hat, der weiß noch von der Uni und lernt jeden Tag erneut, dass das Streben nach Objektivität eben genau das bleibt: ein Streben danach. Und die Wahrnehmung, was eine objektive Berichterstattung ist, hängt vor allem von Leser ab und nicht allein vom Autor eines Textes.

Auch Journalisten haben es nicht leicht. Es hat sich etwas verändert. Heute müssen sie sich ganz anders für Texte und Argumente rechtfertigen. Durch Blogs und social media müssen sie Rückfragen aushalten und Gegenpositionen werden anders sichtbar als in den überflüssigen Gegendarstellungen, die die Redaktionen ja meist dort verstecken, wo sie keiner findet. Das verändert auch die Arbeit von Journalisten.

Die "Frankfurter Rundschau" beschreibt die Reaktionen bei den Piraten so:

Viele Piraten solidarisierten sich daraufhin sofort mit der jungen Frau. Schließlich fühlen sich inzwischen sehr viele schlecht behandelt von den Medien, von denen sie einst so bejubelt wurden - da geht es den Piraten nicht anders als Union, FDP, SPD, Grünen und Linken.

Dass die Spiegel-Kollegin Weisbands Behauptungen daraufhin widersprach, gilt ihnen nur als weiteren Beleg für diesen Eindruck. Weisband möge sich bitte, bitte nicht von diesen Erfahrungen abschrecken lassen, twitterten einige Anhänger besorgt. Sie solle antreten. Das, so schreibt ein anderer User am Dienstag amüsiert, "war ja ziemlich offensichtlich ihr ursprüngliches Ziel".

Petra Sorge schreibt auf cicero.de:

Der Fall wäre eigentlich kaum der Rede wert - schließlich ist es für Redaktionen Alltag, Kritik von Interviewten, Betroffenen oder Lesern entgegenzunehmen - wenn hier nicht zwei Systeme aufeinanderprallen würden. Zwei Systeme, die sich durch die Reibung, die sie erzeugen, am Ende beide verändern werden.

Die Frage sei nicht, wer von beiden falsch gehandelt habe, die Piratin oder die SPIEGEL-Redakteurin. Die Fragen sei, ob auf "Novizen" wie die Piraten "die gleichen brutalen Regeln angewendet werden dürfen, die eigentlich für gewiefte Politstrategen gedacht sind":

Zwar sind die Piraten in der Tat keine Profiboxer, aber trotzdem sind sie freiwillig in den Ring gestiegen. Eine Schonung gibt es dort, wo es um Plätze im Bundestag, wo es um Macht und Kontrolle geht, nicht. Die Piraten wussten oder hätten wissen können, dass im "politischen System", das es für sie zu "entern" galt, der alte Journalismus nach den alten Regeln spielt.

Lutz Kinkel resümiert auf stern.de:

Die Piraten scheinen in der Krise sehr nervös. Ihr Verhältnis zu den Medien, in der Anfangsphase von totaler Offenheit geprägt, wandelt sich. Und ob Marina Weisband in verantwortlicher Position zurückkehren wird, ist nun noch zweifelhafter als vor dem "Spiegel"-Artikel.

Der "Tagesspiegel" meint, es stehe im konkreten Fall "Aussage gegen Aussage":

Zwar entspricht es durchaus der vielerorts üblichen journalistischen Praxis, Gesagtes druckreif zu formulieren und dabei manchmal auch zuzuspitzen. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob Theile der Piratin ihre Zitate zur Autorisierung zugesandt hat - und zwar genau in dem Wortlaut, in dem sie später im Artikel erschienen sind - und ob Weisband tatsächlich mit den Textpassagen einverstanden war.

Der Rechtsanwalt und Pirat Markus Kompka, der auch schon einen anderen prominenten Piraten gegenüber dem SPIEGEL vertreten hat, widerspricht in seinem Blog der Wahrnehmung von "Aussage gegen Aussage", und sieht in der Antwort der SPIEGEL-Redakteurin nur einen "alten PR-Trick". Sie gehe auf die eigentlichen Vorwürfe Weisbands gar nicht ein:

Denn in der Verdrehung, in dem Kontext und mit der Intention hatte sie [Weisband] die Zitate nicht gebracht und so auch nicht autorisiert.

Steffen Grimberg kann in der "taz" beide Seiten verstehen:

Der Spiegel hat recht - und sich summa summarum auch journalistisch okay verhalten: Dass Medien zuspitzen, Zusammenhänge herstellen, Gesagtes durch das Drumherum im Artikel auf-, ab- oder bewerten, gehört zum Handwerk.

Aber auch Marina Weisband habe recht, weil sie womöglich angenommen habe, dass die Zitate, die sie abgesegnet hat, "eins zu eins so, ohne Abstriche und garnierendes Beiwerk" erscheinen würden:

Obwohl das natürlich auch - und vielleicht sogar erst recht - zusätzliche Aussagen, Fakten und Wertungen enthält.

Die "Westfälischen Nachrichten" sehen in der "munteren Debatte" über das, was die SPIEGEL-Redakteurin und die "Piraten-Nichtkandidatin" in einem Café in Münster besprochen haben, einen Anlass, über die Praxis des Autorisierens von Zitaten grundsätzlich nachzudenken:

Der Wahrheit wäre also gedient, wenn die Autorisierung abgeschafft würde. Daran tragen die "Promis" mit ihrem Missbrauch selbst die größte Schuld. Einige Journalisten hingegen müssten im Gegenzug gewissenhafter werden.

Das "Neue Deutschland" sieht in dem Fall ein "Lehrstück über den Widerspruch von Notwendigkeiten und Befindlichkeiten in der Arbeit von Journalisten und Personen des öffentlichen Lebens".

Stefan Winterbauer vom Branchendienst "Meedia" glaubt, dass der Fall zeigt, "wie Medien durch das Social Web zu einer bisher nicht gekannten Offenheit in der Debatte gezwungen werden":

In Sachen Aufmerksamkeit und Reichweite hat der große Spiegel in der hier relevanten Zielgruppe (Menschen, die sich dafür interessieren, ob Martina Weisband ein Piraten-Comeback anstrebt oder nicht) ein ebenbürtiges Gegenüber. (...)

Blogs, Twitter und Facebook sorgen so ein Stück weit dafür, dass eine Waffengleichheit zwischen Medien und den Objekten ihrer Berichterstattung hergestellt wird. Das mag anstrengend sein für die Journalisten - ist aber generell eine begrüßenswerte Entwicklung.

Dirk von Gehlen, der bei der "Süddeutschen Zeitung" die Abteilung "Social Media/Innovation" leitet, sieht es ähnlich. Für ihn macht der Fall anschaulich, wie sich der Beruf des Journalisten gerade verändert. In seinem privaten Blog schreibt er:

Die, die bisher über andere berichteten, werden plötzlich selber zum Gegenstand der Berichterstattung. Plötzlich müssen sie sich erklären.

Wobei das Wort plötzlich hier natürlich völlig falsch ist. Denn die Rede davon, dass sich Autoritäten neu begründen müssen (fragen wir mal bei Lehrern oder Ärzten nach) ist ja keineswegs plötzlich über uns gekommen. (...)

Journalisten, die die Aufmerksamkeit ihrer Leser erlangen und erhalten wollen, müssen mehr als bisher begründen, warum sie arbeiten wie sie das tun. Sie müssen mehr als bisher transparent machen wie sie arbeiten, dokumentieren woher sie Zitate haben und auf welche Quellen sie sich stützen.

Miriam Hollstein und Manuel Bewarder schreiben in der "Welt" hingegen, dass in solchen Diskussionen am Ende beide Seiten verlören. Der Ball liege jedenfalls jetzt wieder bei Frau Weisband.

Einen für heute geplanten öffentlichen Auftritt hat Weisband abgesagt. Sie sollte eigentlich mit der stellvertretenden Vorsitzenden der Linken, Sara Wagenknecht, diskutieren. Als Grund für die Absage nannte der Veranstalter, dass Weisband erkrankt sei.

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4 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
che1 08.11.2012
float 09.11.2012
Erbsenior 12.11.2012
Lu_ke 12.12.2012

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