Eine in der vergangenen Woche im SPIEGEL veröffentlichte Deutschlandkarte hat in Bayern für einigen Wirbel gesorgt. Die Karte zeigt auf Kreisebene die Zahl der wegen akuter Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingelieferten Patienten, und zwar in der Altersgruppe der 10- bis unter 20-Jährigen.
Die Statistischen Landesämter hatten diese Sonderauswertung der Krankenhausstatistik dem SPIEGEL auf Anfrage zur Verfügung gestellt. Die Daten wurden dann mit der Einwohnerstatistik auf Kreisebene verknüpft. So konnte die Quote der Fälle umgerechnet auf die betroffene Altersgruppe errechnet werden. Die Zahlen sind dadurch deutschlandweit über die Regionen hinweg vergleichbar. Die extremen regionalen Unterschiede bei den Krankenhauseinlieferungen mit alarmierend hohen Zahlen vor allem in Süddeutschland verblüfften nicht nur die Datenjournalisten des SPIEGEL.
In den betroffenen Regionen Bayerns meldeten sich umgehend Politiker zu Wort. Allerdings nicht etwa, um sich der offensichtlichen Probleme ernsthaft anzunehmen, sondern um auf den Überbringer dieser schlechten Nachrichten, also den SPIEGEL, einzuprügeln.
So beeilt sich beispielsweise der Memminger Oberbürgermeister Ivo Holzinger (SPD), die Statistiken als "eindeutig falsch" zu bezeichnen.
Sein Argument: Die Memminger Kinderklinik versorge ein breites Umland, was die Memminger Zahlen nach oben treibe.
Allerdings hätte eine kurze Rückfrage bei der bayrischen Statistikern - Motto: "Mit Bayern rechnen" - genügt, um dieses Argument zu entkräften. Denn die Krankenhaustatistik erfasst die Patienten nach ihrem Wohnort und nicht dem Behandlungsort.
Das Argument der Memminger zieht also in keiner Weise.
Offensichtlich haben sich die Lokalpolitiker nicht einmal die Mühe gemacht, die Grafik in Ruhe anzuschauen. In einer offiziellen Mitteilung der Stadt Kempten wird die Zahl von 79 Fällen bestritten, es gebe viel weniger Fälle. "Für das Stadtgebiet Kempten ergibt sich hierdurch keine überdurchschnittliche Betroffenheit, die Statistik ist damit irreführend."
Was die Stadtväter einfach übersehen haben: Es handelt sich bei der Zahl 79 um eine Quote, nämlich 79 hochgerechnet auf 10.000 Einwohner in dieser Altersgruppe und nicht um 79 absolute Fälle.
Das Umrechnen auf eine Quote ist aber die Voraussetzung, um Zahlen überhaupt vergleichbar zu machen und ist nichts anderes als eine Prozentrechnung.
Nur dass in dieser Statistik nicht die Quote je hundert sondern je 10.000 berechnet wurde, um Kommazahlen zu vermeiden.
Der SPIEGEL bleibt jedenfalls bei seiner Berechnung. Die bayrischen Politiker sollten ihre reflexartige Abwehrhaltung überdenken und das eigentliche Problem angehen.
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