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Auf der Flucht vor den Aufpassern: als Reporter in Nordkorea

Mit Fisch und Apfelschnaps an der Mole von Wosan, Nordkorea Zur Großansicht
Andreas Taubert / DER SPIEGEL

Mit Fisch und Apfelschnaps an der Mole von Wosan, Nordkorea

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Was ist Freiheit? Abends frisch gefangenen Fisch essen mit ganz normalen Nordkoreanern bei Apfelschnaps, an der Mole von Wosan, einem Hafenstädtchen im Osten der Volksrepublik. Der Moment, als dieses Bild vor drei Wochen entstand, war eine der kleinen Fluchten auf unserer Reise kreuz und quer durch das letzte stalinistische Bollwerk der Welt, die Demokratische Volksrepublik Korea.

Zehn Tage lang taten Fotograf Andreas Taubert und ich keinen unbeaufsichtigten Schritt. Wann immer wir versuchten auszubüchsen, wurden wir nach Minuten von unseren zwei Aufpassern eingefangen. Meist kamen wir nicht mal über die Eingangs-Schwelle des Hotels.

Als Taubert einmal die Tür zum Neben-Zimmer öffnete, sah er darin zwei nordkoreanische Herren und acht Monitore, mit denen sie Hotelgäste überwachen konnten.

Einmal gelang es doch zu entwischen. Da fuhren wir zum verbotenen Tong-Il-Markt. Ganz Pjönjang kauft dort ein. Das Gefeilsche und Geschacher der Marketender in den Markthallen führt ad absurdum, was der nordkoreanische Sozialismus für sich beansprucht: als abgeschottetes System zu überleben. Das saftige Gemüse, das die Frauen dort anbieten, kommt eben nicht aus der gesteuerten landwirtschaftlichen Produktion, sondern aus ihren Privatgärten; die begehrte Elektronik und Computer sind China- und Japan-Importe.

Nordkorea steht am Wendepunkt, gut sechzig Jahren nach seiner Gründung. Das Regime weiß selbst noch nicht, wohin es gehen soll.

Auf der Platten-Autobahn zwischen Wosan und Pjönjang raste ein Hummer an uns vorbei, ein ziemlich dekadentes Offroad-Fahrzeug. Dahinter, am Strassenrand, liefen drei Frauen in braunen Flachs-Anzügen, die wie Uniformen wirkten; auf dem Kopf balancierten sie riesige Heuballen. Die Widersprüche waren überall unübersehbar und die Aufpasser versuchten ständig, diese konträren Realitäten zurecht zu rücken.

Das funktioniert natürlich nicht. Die Regierung weiß verdammt gut, dass der Wandel kommen muss, wenn nicht die Geschichte über sie hinweg walzen soll wie über so viele Diktatoren in diesen Tagen.

Taubert und ich reisten als Touristen, Pjöngjang lässt individuell reisende Journalisten nicht ins Land. Dennoch versuchten wir erst gar nicht, unsere Absichten zu vertuschen. Wir waren gekommen, um diese geheimnisvolle Nation zu erforschen.

Beide Aufpasser waren eindeutig im Geheimdiensthandwerk geschult. Der ältere sprach gut Deutsch. Wir diskutierten viel, und stritten, wir waren böse aufeinander und lachten trotzdem gemeinsam, oft aus Galgenhumor. Die ständige Auseinandersetzung war anstrengend, für beide Seiten, und doch das Beste, was uns passieren konnte.

Kurz vor Abreise nahmen er und sein Boss uns ein letztes Mal in die Zange. Entweder wir zeigten ihnen die Fotos und löschten jene, die sie nicht gutheißen mochten, oder wir dürften nicht ausreisen, drohte der Vorgesetzte. Wir wehrten uns. Und löschten.

Taubert hatte eine Kopie gemacht, für alle Fälle.

Wieder und wieder hatte der Reisebegleiter, Herr Hong, gesagt: "Ich muss mein Volk vor diesen Fotos beschützen, die Sie da machen, vor der Verleumdung." Ich fragte mich, was genau Herr Hong gegen uns verteidigt. Sein Land? Seinen Stolz? Vielleicht einfach nur seinen Job?

Es war manchmal skurril, zum Beispiel als es um die Gefängnisse ging. Hong sagte: "Ja, stimmt, wir haben Umerziehungslager. Wenn Leute Fehler machen, dann kommen sie dorthin, nach drei, vier Monaten sind sie dann aber wieder da, und es geht ihnen besser."

Was sollte er sonst sagen? Er ist Nordkoreaner, es ist sein Land, das er liebt, wie jeder seine Heimat liebt. Dort zu leben, ist sein Schicksal. Hong will sicher niemals selbst in so einem Lager landen. Kann man das übel nehmen?

Susanne Koelbls Reportage aus Nordkorea lesen Sie im aktuellen SPIEGEL.

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PDPARTEI 25.10.2012

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