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ProQuote oder: Zwischenbilanz eines Streits

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Provokationen sollen provozieren. Dieses Ziel hatte mein Essay im letzten SPIEGEL unter dem Titel: "Die ScheinriesInnen" durchaus auch. Um es kurz zu machen, hier noch mal ein paar meiner Argumente gegen den JournalistInnenverein ProQuote:

  • Er ist mit 150 zahlenden Mitgliedern ein ebenso kleiner wie sehr lauter Club, der sich schon qua Satzung anschickt, für die Durchsetzung seiner Interessen (30 prozentige Frauenquote in Führungspositionen deutscher Medien) die eigenen Medien als Transmissionsriemen zu missbrauchen.
  • Entsprechend droht unabhängiger Journalismus zu Propaganda zu verkommen, was...
  • ... in der Folge zu einer Berichterstattung gerade über Frauen führt, die von Normalität weit entfernt ist, denn oft handelt es sich dabei um meiner Ansicht nach "positiv-affirmativen Quatsch".
  • ProQuote e.V. droht deshalb das zu werden, was man den bösen Jungs immer vorwirft: "ein geschlechterdominierter Club bräsiger Wir-wissen-wo's-langgeht-Buddys".

So weit, so Wut. Die bisherige Resonanz auf den Essay war wirklich beeindruckend und fiel natürlich höchst unterschiedlich aus: Aus dem ProQuoten-Umfeld konnte ich's mir aussuchen, ob ich eher ein reaktionäres Macho-Schwein sein will oder ein heulsusiges Weichei, das um seine Pfründe fürchtet. Überraschend für mich war eher, dass sich seit der Veröffentlichung auch rund 200 Leser und -Innen bei mir meldeten, die außerordentlich emphatisch reagierten, dabei aber zumeist hochgradig ängstlich wirkten, so in der Art: Verwenden Sie das nicht als Leserbrief, sonst komm ich in Teufels Küche! Bei Twitter, Facebook und Co. wurde ich mal gelobt, mal beleidigt. Die Leidenschaft der Resonanz könnte man sich für andere Themen wie etwa Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa nur wünschen.

Ende der Woche wurde es dann endlich persönlich. Wolfgang Michal ging auf carta.info zwar auch nicht auf meine Argumente gegen ProQuote ein, wollte mich ja aber auch nur mit meinen eigenen Thesen attackieren. Sein Vorwurf: Ich hätte schon mehrere Kuschel-Interviews mit Thomas Gottschalk geführt und ihn zugleich "beraten", was wunderbar sinister und schmutzig nach Männer-Spezl-Wirtschaft klingt. Die "Beratung" sah so aus, dass ich bei zwei ZDF-Jahresrückblicken, die Gottschalk moderierte, hinter den Kulissen herumlungerte und ihn auf allzu blöde, weil womöglich unjournalistische Fragen hingewiesen hätte - was indes nicht notwendig war. Gottschalk ist gar nicht so blöd, wie manche denken ;-)

Meine beiden "Ausflüge" waren von der Chefredaktion natürlich erlaubt, fanden in meinem Urlaub statt und wurden selbstverständlich nicht entlohnt. Würde ich das heute wieder machen? Nö, wohl nicht, ich hab's dann ja auch sein lassen, weil es tatsächlich eine Nähe schafft, die man als Journalist vermeiden sollte. Warum das zum Vorwurf gegen mein ProQuoten-Stück taugt, verstehe ich allerdings nicht. Müsste ich dazu nicht Vorsitzender eines ProGottschalk-Vereins sein, der sich der massenmedial-flächendeckenden Verbreitung freundlicher Gottschalk-Berichterstattung verschreibt, mit Vorliebe Markus Lanz disst und jeden Sender rügt, der ihm nicht wenigstens einen Moderatorenplatz am Samstagabend anbietet? Wie Gottschalk-abhängig der Altherren-Laden SPIEGEL ist, konnte man im Frühjahr unter anderem an einer total freundlichen Titelgeschichte sehen.

Herr Michal wurde dann freundlicherweise generell und kritisierte die seiner Meinung nach oft zu unkritischen Interviews mit Vorstandschefs in der Wirtschaftspresse in toto. Wirken da Männer-Seilschaften? Ich habe da meine Zweifel, halte das trotzdem für durchaus diskutierenswert, aber dann bitte breit und nicht nur auf Wirtschaftsberichterstattung bezogen. Denn solche verständnisvollen bis freundlichen Interviews - gibt's die in anderen Bereichen nicht auch, etwa im Politik- oder Kulturbetrieb? Und vielleicht bin ich zu naiv, aber haben die wirklich was mit dem Geschlecht von Interviewer und Interviewtem zu tun oder nicht doch eher mit dem Treibhausklima sozio-kultureller Subkulturen, zu denen ich die Lobbygruppe ProQuote mittlerweile auch zähle?

Immerhin war DAS wenigstens mal ein Argument in einer ansonsten leider bislang ziemlich argumentfreien Debatte. Meine Zwischenbilanz nach einer Woche: viel #aufschrei 2.0, wenig Inhaltliches. Ich warte noch auf brennende Holzkreuze im Garten. Das Charmanteste war die durchaus zivilisierte Redaktionskonferenz in meinem eigenen Magazin, die das Sujet sehr ambivalent diskutierte. Ach ja, im nächsten SPIEGEL antwortet übrigens Ranga Yogeshwar. Also ich zensier da nix, versprochen!

Vielleicht löst ja auch das ein paar jener Verspannungen, die der Streit immerhin bloßlegt, denn ganz ehrlich: Ich schreibe ja nun auch schon einige Jahre und hätte mir bei manchen Themen, die ich für wichtiger halte, ähnliche laute öffentliche Reaktionen gewünscht wie in dieser emotional offenbar sehr aufgeladenen Gender-Diskussion, die vor allem zeigt: Da ist noch viel Gesprächsbedarf - auf beiden Seiten. Und da hat sich offenbar seit Gründung von ProQuote allerhand angestaut an Verdruckstheit und Genervtheit bis hin zum Ärger... übrigens nicht nur über so unbelehrbar-ewiggestrig-uncoole Quotengegner wie mich. Es wäre jedenfalls schön, wenn man mal zum Thema zurückkehren könnte (und das heißt nicht Quote, sondern ProQuote), sonst müsste ich ja noch fürchten, dass ich mit meinem Propaganda-Vorwurf recht hatte. Ich halte es da mit diesem SPIEGEL-Reklamespruch: wenn alle sich einig sind, fangen wir an zu zweifeln ;-)

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7 Leserkommentare
champs-elysees 31.05.2013
niska 31.05.2013
thomastumaspiegel 31.05.2013
summertimeblue 02.06.2013
michaelbaleanu 09.06.2013
pebcac 23.06.2013
Criticz 08.08.2013

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