SPIEGELblog

Wie hitler ist der SPIEGEL?

Einige Titelbilder aus den vergangenen Jahren Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Einige Titelbilder aus den vergangenen Jahren

 |

Vor drei Monaten sprach der SPIEGEL mit ZDF-Historiker Guido Knopp kurz über die Obsession mit Adolf Hitler. Das Ergebnis: Die größte Fixierung auf den Mann haben weder der eine noch der andere, sondern angeblich - das Publikum.

SPIEGEL: Ihre Hitler-Obsession ist legendär. "Hitlers Helfer", "Hitlers Frauen", "Hitlers Kinder". Fehlten nur Hitlers Hunde.

Knopp: Rein quantitativ hat Hitler vielleicht fünf Prozent meiner Arbeit ausgemacht, aber es ist ein interessantes Phänomen und fast schon neurotisch, dass das so beachtet wird.

SPIEGEL: Hitler verkauft sich immer. Gilt die Faustregel von Medienmachern noch?

Knopp: Manche SPIEGEL-Titel scheinen das zu zeigen.

Tatsache. Heft 24/2011, "Hitler gegen Stalin: Bruder Todfeind", war das am zweitbesten verkaufte Heft im vergangenen Jahr. Ebenso im Jahr zuvor Ausgabe 33/2010, "Allein gegen Hitler: Wie Winston Churchill die Nazis stoppte". Und das Heft 35/2009, "Der Krieg der Deutschen. 1939: Als ein Volk die Welt überfiel", war sogar das mit Abstand meistverkaufte des Jahres - allerdings war Hitler selbst ausnahmsweise gar nicht auf dem Cover abgebildet.

Auch "Hitlers Vollstrecker. SS-Chef Heinrich Himmler: Aus dem Leben eines Massenmörders" (45/2008), "Der Anfang vom Untergang. Hitlers Machtergreifung" (3/2008) und "Hitlers Ende" (35/2004) waren Bestseller.

So gesehen müsste man fast fragen, warum Hitler nicht häufiger auf dem Cover des SPIEGEL zu sehen ist.

Dabei ist dessen Hang zu Hitler legendär. Als das Deutsche Historische Museum 2009 eine große Ausstellung über den Diktator eröffnete, zeigte es im letzten Raum 46 SPIEGEL-Titel über Hitler. Die Berliner Hip-Hopper K.I.Z. rappten in ihrem Frühwerk "Hurensohn":

"Jeder wär gern mein Spiegel, denn ich bin schöner und schicker /
irgendwann auf dem Cover des SPIEGELs wie Adolf Hitler."

Und das aktuelle Heft mit der Titelgeschichte über Erwin Rommel (Unterzeile: "Hitlers Helfer, Hitlers Opfer", und der Führer mit im Bild) rief viele Kritiker auf Twitter auf den Plan, die etwas Ähnliches diagnostizierten wie der Leserbriefschreiber, der sich über die "Hitleritis" des SPIEGEL beschwerte:

@plomlompom: "Wenn auf dem Cover des SPIEGEL so viel Platz für Hitler-Aufmacher ist, sollte da auch gelegentlich Platz für die deutsche Asyl-Politik sein."

@KaiMeyer: "Wieder ein kleiner, verkaufsfördernder Hitler im Hintergrund des neuen 'Spiegel'-Titelbilds. Allmählich taugt das zum Trinkspiel."

@UweMuggel2012: "Ich weiß nicht, ob der #Spiegel schonmal ein ganzes Jahr am Stück ohne Hitler erschienen ist."

@Sternenkind: "Oh, Hitler ist mal wieder auf dem Spiegel-Cover. Gab's defintiv noch nicht oft genug dieses Jahr!"

@Seb666: "'Was ist neuer Spiegel-Titel, Schatz?' 'Rate mal.' 'US-Wahlkampf?' 'Nein, was was dauernd vorkommt.' 'Hitler?' 'Ja!' - Gibt's sonst nix!?'"

@annalist: "Oh, ein Hitler-Spiegel. Wie originell."

Ja. Naja.

Wenn man alles mitzählt, also nicht nur das Erwähnen oder Zeigen des Führers, sondern auch Themen, die sich mit der Nazi-Zeit beschäftigen, gab es in diesem Jahr einen Hitler-Titel, im vergangenen Jahr einen und in den beiden Jahren davor je zwei.

Dies sind die SPIEGEL-Titel mit Hilter-Bezug der vergangenen 20 Jahre:

44/2012: Des Teufels Feldmarschall.
24/2011: Hitler gegen Stalin: Bruder Todfeind
47/2010: Der Hetzer: Joseph Goebbels. Der Mann, der Hitler machte
33/2010: Allein gegen Hitler: Wie Winston Churchill die Nazis stoppte
35/2009: Der Krieg der Deutschen. 1939: Als ein Volk die Welt überfiel
21/2009: Die Komplizen. Hitlers europäische Helfer beim Judenmord
45/2008: Hitlers Vollstrecker. SS-Chef Heinrich Himmler: Aus dem Leben eines Massenmörders
11/2008: Die Täter. Warum so viele Deutsche zu Mördern wurden.
03/2008: Der Anfang vom Untergang. Hitlers Machtergreifung
18/2005: Albert Speer und sein Führer. Der Manager des Bösen
05/2005: Als der Krieg nach Deutschland kam
35/2004: Hitlers Ende
29/2004: 20.07.1944. Protokoll eines Staatsstreichs
08/2004: Der zweite Dreißigjährige Krieg
02/2003: Als Feuer vom Himmel fiel. Der Bombenkrieg gegen die Deutschen
51/2002: Hitlers Stalingrad
23/2002: Das Spiel mit dem Feuer
26/2001: Der barbarische Krieg
19/2001: Hitlers langer Schatten
04/2001: Preußen
25/2000: Marlene
43/1999: Hitler
45/1998: Das 20. Jahrhundert
22/1998: Umzug in die Geschichte
07/1998: 1848: Die halbe Revolution
30/1997: Wagners Mythen, Hitlers Wahn
25/1997: Stasi-Spione aus dem Nazi-Lebensborn
11/1997: Verbrechen der Wehrmacht
10/1997: Der Sündenfall
33/1996: Hitler: Vollstrecker des Volkswillens?
21/1996: Die Deutschen: Hitlers willige Mordgesellen?
08/1996: Wie komisch sind die Deutschen?
06/1996: Aggressor Hitler, Aggressor Stalin?
19/1995: Bewältigte Vergangenheit
14/1995: Hitlers letzte Tage
04/1995: Auschwitz. Die letzten Tage
21/1994: Der Todesstoß. Normandie 1944.
08/1994: Der gute Deutsche
02/1994: Der Hetzer

Das macht einen Schnitt von knapp zwei Hitlern pro Jahr, was natürlich die Frage noch nicht beantwortet, ob das noch ein gesundes Interesse, schon eine beunruhigende Obsession oder bloß eine naheliegende Fixiertheit auf einen Auflagenbringer darstellt.

Feststellen lässt sich jedenfalls, dass der Hang, Hitler auch dann auf dem SPIEGEL zu zeigen, wenn es um Hitler gar nicht geht, in den vergangenen Jahren nachgelassen hat. Im Jahr 2000 noch hatte er sich auf einem Cover über Marlene Dietrich breit gemacht, 1997 marschierte er mehrfach geklont als Personifikation des Bösen neben Albert Einstein, Claudia Schiffer und Dolly, dem Schaf, und 1996 illustrierte er neben vielen anderen (damals) aktuellen und historischen Deutschen die Frage: "Wie komisch sind die Deutschen?"

Der Auflage diente das aber offenbar ähnlich wenig wie dem Erkenntnisgewinn.

Klaus Wiegrefe ist seit 1997 beim SPIEGEL zuständig für den Bereich Zeitgeschichte. Er meint, dass sich die Wellen der Beschäftigung mit Hitler journalistisch erklären lassen. Viele Jahrzehnte lang hätte man sich nur mit dem Opfern des Nationalsozialismus beschäftigt, in den neunziger Jahren sei man zu den Tätern gekommen. "Von der Wissenschaft gab es massiven Input, jede Woche erschienen neue Bücher", sagt er. Die Hitler-Biographie von Ian Kershaw habe zu einem veränderten Blickwinkel geführt. Weg von der Frage, wie böse Hitler war, hin zu der, warum so viele Menschen einem solchen Irren folgten und ihm dadurch Macht gaben.

Hinzu kam ein "großes öffentliches Interesse der Nachgeborenen", meint Wiegrefe. Und viele Holocaust-Überlebende hätten erst kurz vor ihrem Tod ihre Geschichten erzählt. Auch aktuelle Entwicklungen wie der Krieg in Jugoslawien brachte die Deutschen dazu, sich grundsätzlichen Fragen und ihrer Geschichte neu zu widmen. Die ethnischen Säuberungen hätten das Thema der Vertreibungen wieder präsent gemacht.

Eines der ersten großen Stücke Wiegrefes beim SPIEGEL war 1997 ein Bericht über die Milliardenklage, die Holocaust-Überlebende in den USA gegen europäische Versicherungen wie die Allianz anstrengten. Das alles, gemeinsam mit Einflüssen aus der Popkultur ("Schindlers Liste") und den neuen wissenschaftlichen Arbeiten hätte den Journalisten "ununterbrochen Stoff" geliefert.

Diese Berichterstattungs-Welle sei von dem schlichten Gedanken ausgelöst worden: Es gibt etwas Neues. Danach, sagt Wiegrefe, habe es eine zweite Welle gegeben, die sich eher an Jubiläen festmachte und auf dem Kalkül beruhte: "Wenn das Interesse an diesen Themen so groß ist, dann bedienen wir das."

Diese Phase sei aber nun definitiv auch vorbei. Die Devise sei jetzt: "Wir machen nur etwas, wenn es etwas Neues zu erzählen gibt - oder einen aktuellen Anlass wie den Rommel-Film in der ARD."

Anders als noch zum 60. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad ist deshalb zur 70. Wiederkehr des Datums Anfang nächsten Jahres wohl eher kein SPIEGEL-Titel zu erwarten. Über das, was die Auswertung von Interviews mit Sowjetsoldaten an Erkenntnissen ergab, berichtete der SPIEGEL vor knapp zwei Wochen bloß im Inneren des Magazins.

Ist das immer noch zuviel Hitler? Oder hängt dem SPIEGEL nun ein Ruf nach, den er sich vielleicht vor Jahren erarbeitet und verdient hat, der heute aber nur noch ein Vorurteil ist? - Was meinen Sie?

Übrigens: Das aktuelle Heft mit Rommel soll sich nach vorläufigen Zahlen "sehr ordentlich" verkauft haben, heißt es im Haus, auch für ein Heft mit DVD, was sich ohnehin meist positiv auf die Auflage auswirkt.

Alle SPIEGEL-Titelbilder können Sie sich hier ansehen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Was hier passiert
  • Reden Sie mit uns über den SPIEGEL. Hier im SPIEGELblog stellen wir uns der Diskussion, geben Einblicke in die Arbeit der SPIEGEL-Redaktion und führen Debatten weiter, die der SPIEGEL ausgelöst hat.

    Wir freuen uns, wenn Sie unter Ihrem richtigen Namen kommentieren, und möchten Sie bitten, sachlich und beim Thema zu bleiben. Bitte haben Sie etwas Geduld, falls Ihr Kommentar - insbesondere nachts - nicht sofort erscheint.

    Themen-Anregungen, Kritik und Hinweise gerne an: spiegelblog@spiegel.de

SPIEGEL-Redakteure auf Twitter

Folgen Sie dem SPIEGEL