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Jörg Kachelmann und sein Mitbringsel aus dem Knast

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Man muss Jörg Kachelmann nicht mögen. Es gibt wohl sogar ziemlich viele Bundesbürger, die ihn trotz seines Freispruchs vom Vorwurf der Vergewaltigung im vergangenen Jahr für irgendwie schuldig halten: Nicht weil er so viele Liebschaften gleichzeitig hatte. Sondern weil er wohl einige der Frauen schlicht belogen hat. Wie gesagt: Man kann ihn dafür ablehnen. Und übrigens diskutieren Frauen über die Causa Kachelmann meiner Ansicht nach auch heute noch ganz anders als Männer (ich empfehle einen Selbsttest im eigenen Bekanntenkreis). Aber es ist ganz interessant, sich mal offen der Frage zu stellen: Und wenn er wirklich unschuldig ist?

Ehemalige Mannheimer GefängnisschabeZur Großansicht
Harald Legner / DER SPIEGEL

Ehemalige Mannheimer Gefängnisschabe

Wenn er also seine Ex-Freundin Claudia D. NICHT vergewaltigt hat? Dann wurde da einer über ein Jahr lang tatsächlich nach allen Regeln der Kunst vorgeführt, vorverurteilt und am Ende ziemlich zerschreddert wieder ausgespuckt: von der Polizei, der Justiz, einer in diesem Fall völlig durchgeknallten Alice Schwarzer, die als "Bild"-Gerichtsreporterin nun wirklich alle Maßstäbe des journalistischen Gewerbes konsequent ignoriert hat. Und von den Medien generell ... uns Medien, denn ich bin ja auch ein kleiner Teil davon.

Ich kannte Jörg Kachelmann nicht persönlich, als ich ihn das erste Mal kontaktierte. Die Mails habe ich gar nicht mehr, aber es muss Anfang des Jahres gewesen sein. Es war damals klar, dass er ein Buch über seine Erinnerungen plante. Mich interessierte einfach, wie dieser Mann heute zu sich und seinem Fall und den ganzen Umständen steht. Vielleicht war meine Laienhaftigkeit in diesem Fall sogar ganz hilfreich, trotzdem dauerte es etliche Monate, ihn davon zu überzeugen, das erste Interview zu seinem Buch dem SPIEGEL zu geben, auch wenn aufgrund seiner "Medienerfahrungen" eh nicht mehr allzu viele Verlage für ihn übriggeblieben wären.

Tja, und dann war's Ende September endlich so weit, und ich saß ihm in den Räumen seines Verlags in München gegenüber. Ihm und seiner jungen Frau Miriam, die Teile des Buches mitverfasst hat. Und das erste, was er mir in die Hand drückte, war eine alte Plastikschale mit einer toten Schabe. Er hatte sie einst in der Mannheimer U-Haft gefangen, nachdem - so erzählte er es - der SPIEGEL damals als erstes Medium kritisch über die Staatsanwaltschaft berichtet hatte und er dem Magazin daraufhin irgendwas schenken wollte. So wurde ich also stolzer Besitzer einer toten Schabe, die ich schon deshalb in den nächsten Tagen an meinen Chefredakteur weiterreichen werde, weil das Geschenk ja dem SPIEGEL, nicht mir galt und die Frage des geldwerten Vorteils auch noch unbeantwortet ist.

Jörg Kachelmann vor dem FreispruchZur Großansicht
Getty Images

Jörg Kachelmann vor dem Freispruch

Vielleicht hat Kachelmann das wirklich nett gemeint. Vielleicht wollte er einfach meine Humorgrenzen testen. Jedenfalls lernte ich in den darauffolgenden drei Stunden Gespräch in München ein einerseits sehr gelöstes, andererseits auch verbittertes Ehepaar kennen: einen 54-Jährigen, den das Verfahren am Ende trotz Freispruchs unglaublich viel Nerven, Kraft, Geld und Reputation gekostet hat. Und eine sehr kämpferische 26-jährige Psychologiestudentin, die ihrer Empörung über das Schicksal ihres Mannes zum ersten Mal öffentlich Luft verschaffte: über Polizei und Justiz, über Opfer-Verbände und Alice Schwarzer, "Bild", "Bunte" und den Rest.

Man muss auch ihren Ärger nicht sympathisch finden. Man kann ihr widersprechen. Ich hielt das an manchen Stellen für wichtig. Aber man sollte den beiden doch zuhören. Sie haben mehr zu bieten als ein paar Rechtfertigungsphrasen. Und sie haben auch mehr verdient als jene schon kurz nach Erscheinen unseres SPIEGEL-Gesprächs zu beobachtenden Beiß-Reflexe von einigen der Attackierten. Dazu ist das Thema zu ernst und zu wichtig. Und das Thema ist eben nicht nur die Geschichte des Herrn K.

Das Interview mit Miriam und Jörg Kachelmann im aktuellen SPIEGEL.

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4 Leserkommentare
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lillyjoe 10.10.2012
Lieber Thomas Tuma, so viel Laienhaftigkeit in so einem Interview darf nicht sein. Nur 5 Prozent aller Vergewaltigungen werden angezeigt, nur 13 Prozent aller angezeigten Vergewaltigungen werden verurteilt. Der Anteil der nachgewiesenen Falschbeschuldigungen liegt in allen Studien der letzten zehn Jahre, unabhängig davon, wer sie gemacht hat zwischen 2 und drei Prozent. Ich finde, das kann man einem Kachelmann, der von "kranker Opferindustrie" spricht, und von der Falschbeschuldigung als quasi Allround-Waffe gekränkter oder böser Frauen, ruhig entgegenhalten. Wenn mans weiß. Sollte man wissen. Was überhaupt nicht heißt, dass Kachelmann nicht zu Unrecht beschuldigt wurde. Aber er sollte in einem Spiegel-Gespräch seinen Fall nicht unwidersprochen derart generalisieren dürfen. Gerade wurde vom Landgericht Essen übrigens ein 33jähriger, einschlägig vorbestrafter Gewalttäter freigesprochen, der mit einem 15jähriges Mädchen gegen ihren Willen Sex hatte. Sie hat sich nicht genug gewehrt, denn sie hatte Angst, er schlägt sie tot. Ihm konnte nicht nachgewiesen werden, dass er erkennen musste, dass das Mädchen nicht will. Ein juristisch korrektes Urteil, wenn auch menschlich bitter. Der Paragraf 177 ist ein weites Feld, und ein bißchen mehr Ahnung hätte dem Gespräch nicht geschadet.
Liebe lillyjoe, ich denke, Sie bringen ein paar Sachen durcheinander. Von der "kranken Opferindustrie" spricht zum Beispiel nicht Jörg Kachelmann, sondern Miriam Kachelmann. "Unwidersprochen generalisieren" tut Herr K. gar nichts, denn ich habe die beiden mehrfach in dem Gespräch darauf hingewiesen, dass sie pauschalisieren bzw. von ihrem Einzelfall bisweilen stark auf den Rest der Welt schließen. Andererseits will ich in Gesprächen aber Menschen auch zu Wort kommen lassen, ohne immer sofort meinen eigenen Senf dazu geben zu müssen, um den Lesern (und Leserinnen) die Möglichkeit zu geben, sich selbst ein Urteil zu bilden. Und schließlich hatte ich schon bei der Vorbereitung des Interviews den Eindruck, dass die Fachwelt durchaus andere Meinungen zum Thema Zahl und "Dunkelziffer" von "Falschbeschuldigungen" debattiert, als Sie es hier mutmaßen lassen. Aber Sie haben völlig recht, da bin ich nur Laie. Da lese ich nur Zeitung. Wie kürzlich in der "SZ" noch mal das Stück über den ziemlich anrührenden Fall des Horst Arnold, den ich vorher schon von meiner verehrten Kollegin Gisela Friedrichsen aus dem SPIEGEL kannte: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-87347217.html Das ist natürlich auch nur ein Einzelfall. Wie so oft. Aber auch das gibt mir zu denken... als Laie.
Jan_der_Wolf 11.10.2012
Irgendwie scheint mein Kommentar von gestern (oder war es vorgestern?) verloren gegangen zu sein, also nochmal: Diese Schaben-Geschichte hätte man ruhig aus diesem Eintrag und auch aus dem SPIEGEL raushalten können. Es ist zwar Mutmaßung, aber Herr Kachelmann wollte doch bestimmt genau dies bezwecken, um Sympathien zu gewinnen. Aber tut es was zur Sache? Nein!
theresarain 12.10.2012
Ich gebe der Leserin lillyjoe uneingeschränkt recht. Kachelmanns Rundumschlag gegen Opferverbände beispielsweise, da widerspricht Herr Tuma lediglich sehr sanft. Was mir auch fehlt, ist die Neutralität, die gerade in diesem Fall geboten wäre. Auch hier, in diesem Beitrag. Herr Tuma lässt allzu deutlich seine Sympathien durchschimmern. Der Seitenhieb gegen A. Schwarzer hätte auch nicht sein müssen, der Ausdruck "durchgeknallt" lässt mich sogar zweifeln, ob da der Autor nicht von seinen Gefühlen mitgerissen wurde. Zumindest hätte man in einem Atemzug mit Schwarzer auch S. Rückert von der Zeit nennen müssen und deren unselige Küngelei mit Herrn Schwenn, die schlicht nur noch peinlich war und einem Medium wie der Zeit nicht angemessen (eher hätte ich auch dies von der BILD erwartet).
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