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Krisenjournalismus

Ausriss aus der aktuellen Ausgabe der "Zeit" Zur Großansicht

Ausriss aus der aktuellen Ausgabe der "Zeit"

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Die Kollegen und Kolleginnen von der "Zeit" beschäftigen sich gründlich mit dem Untergang der "Financial Times Deutschland" und der Krise der "Frankfurter Rundschau", und manchmal scheinen sie eine Krise sämtlicher Printmedien geradezu herbeizusehnen. Nun lassen sie die Reporterinnen Amrai Coen und Caterina Lobenstein über eine "Weltreise in die Zukunft der Medien" berichten; in der aktuellen Ausgabe beschreiben die Beiden einen japanischen Videoblogger.

Die Überschrift: "Heul doch!" Der Ausgangspunkt der Geschichte: "Nachrichten gab es 2011 zwar genug: Die Ägypter stürzten ihren Präsidenten, Karl-Theodor zu Guttenberg stürzte über seine gefälschte Doktorarbeit, in Libyen herrschte Krieg, und in Japan explodierte ein Atomkraftwerk. Aber Zeitungen und Zeitschriften wurden wenig gelesen. SPIEGEL, stern und Focus verkauften sich schlecht, alle großen Tageszeitungen verloren Leser." Und die daraus abgeleitete These: Print war gestern, die Zukunft gehört Online-Medien und dem Videoblogger.

Ryuichi Miyakawa macht ja tatsächlich bewegende Filme; sie liefen auf SPIEGEL ONLINE, und das Echo war großartig. Das eine hat allerdings nichts mit dem anderen zu tun, denn der Ausgangspunkt, auf welchem der Text von Amrai Coen und Caterina Lobenstein aufbaut, existiert nicht. Die Zahlen sagen, jedenfalls beim SPIEGEL, das Gegenteil.

Auf Fukushima haben wir damals reagiert, indem wir in der Nacht von Freitag auf Samstag die Druckmaschinen stoppten und am Samstag ein neues Heft ("Das Ende des Atomzeitalters") an den Start brachten. Die Leser dankten es. Wenn wir unsere (meist außergewöhnlich erfolgreichen) Ausgaben mit DVD-Beilage außer Acht lassen, zählen der Guttenberg-Titel ("Das Märchen vom ehrlichen Karl") und die zwei Fukushima-Titel zu den fünf bestverkauften SPIEGEL-Titeln des Jahres 2011. Der Ägypten-Titel verkaufte sich durchschnittlich, aber so ergeht es uns mit Titeln aus Krisengebieten immer wieder mal; als politisches Nachrichten-Magazin machen wir sie trotzdem.

In ihrer Ausgabe 48/2012 schrieb die "Zeit" auf der Titelseite über die "Krise des Printjournalismus": "Wie guter Journalismus überleben kann". Die Leser scheint das ganze Selbstmitleid und all das Krisengerede der Journalisten allerdings wenig zu interessieren, die Ausgabe verkaufte sich schlecht. Das ist ausnahmsweise eine gute Nachricht.

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3 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Lekcad 14.12.2012
webhamsterz 14.12.2012
spon-facebook-10000276130 19.12.2012

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