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Recherchereise in die brutale neue Pornowelt

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Peter Lüders / DER SPIEGEL

Der Autor bei der Recherche

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Das Foto, das über diesem Eintrag zu sehen ist, wurde in Los Angeles aufgenommen, in einem Filmstudio, in dem ein Porno gedreht wurde. Ich bin der in der Mitte, der die Füße auf dem Tisch hat und döst. Es war zwei Uhr nachts, ich hatte einen Jetlag, und der Drehbeginn der nächsten Szene wurde immer wieder verschoben. Links neben mir sitzen zwei Statistinnen, sie studieren das Drehbuch, keine Ahnung, warum. Rechts von mir liegen zwei Darsteller, sie bereiten sich auf die nächste Szene vor.

Ich recherchierte in der Pornoindustrie, um zu verstehen, warum Pornos heute so brutal sind. Früher beschränkten sich die Filme meist darauf, die Klassiker zu zeigen, ficken, lecken, blasen, und wenn Teresa Orlowski mal fünf Männer gleichzeitig befriedigte, war das eine große Sache. Bei den aktuellen Pornos denke ich fast immer: "Da kommt jetzt aber gleich der Arzt, oder? Für so was ist der Körper einer Frau doch nicht gemacht."

Begonnen hat die Recherche mit der Bemerkung eines Kollegen, der sagte, dass das Internet ohne die Pornoindustrie technisch nicht so weit wäre, wie es jetzt ist. Schnelle Verbindungen, Videos, sicheres Bezahlen im Internet, all das habe die Pornoindustrie im Netz vorangetrieben, um möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen. Ich fand die Idee interessant, dass ein technisches Werkzeug, das aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken ist, durch Pornos geformt wurde und wird, und ich begann mich umzuschauen, in Büchern, Zeitschriften, in Pornoportalen.

Was ich im Internet sah, irritierte mich. Ich hatte Pornos als Teenager gesehen, und was ich da jetzt sah, hatte mit diesen Pornos nicht mehr viel zu tun. Ich fragte mich, warum diese Filme sich so verändert hatten, und machte mich dann auf den Weg, zunächst einmal Antworten auf diese Frage zu finden. Ich sprach mit Produzenten und Darstellern an der Ost- und Westküste der USA, denn immer noch sind die USA die Porno-Großmacht Nummer eins, ich sprach in Deutschland mit Amateurdarstellerinnen, mit Webcam-Girls. Ich erfuhr, dass manche Männer bereit sind, für Filme zu zahlen, in denen angezogene Frauen furzen. Ich erfuhr, dass Sex mit einer Darstellerin für einen verheirateten Darsteller kein Problem ist, weil es kein echter Sex ist. Denn echter Sex setzt Zweisamkeit voraus, die es beim Pornosex nicht gibt. Ein Produzent erklärte es mir so: "Hier holt sich ein Mann in einer Frau einen runter, was anderes passiert da nicht."

Außerdem erfuhr ich, dass ein Deutscher mit dafür verantwortlich ist, dass die Pornoindustrie heute so aussieht, wie sie aussieht. Der Name dieses Deutschen ist Fabian Thylmann, er sitzt seit vergangenem Donnerstag in einem Gefängnis in Aachen, wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung. Mehr über ihn und den modernen Porno können Sie im aktuellen SPIEGEL lesen.

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