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Eine Prügelei unter Verfassungsschützern und was sie auslöste

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Der fünfzigste Jahrestag der sogenannten SPIEGEL-Affäre war für viele Medien ein Anlass, sich damit zu beschäftigen, wie die Pressefreiheit in der Bundesrepublik erkämpft werden musste. Dieser Kampf manifestierte sich nicht nur in der Auseinandersetzung um den SPIEGEL-Artikel "Bedingt abwehrbereit" im Herbst 1962. Auch vorher schon gab es spektakuläre Einschüchterungsversuche. Eine besonders schillernde Geschichte ist die, wie der Verfassungsschutz 1958 und 1959 gegen den Journalisten Mainhardt Graf von Nayhauß vorging, erst beim SPIEGEL, dann beim "Stern".

"Daß von den in der Bundesrepublik tätigen Journalisten ein Angehöriger des SPIEGEL das erste Ermittlungsverfahren wegen Landesverrats auf sich ziehen würde, hatten wir wohl immer vermutet", schrieb Rudolf Augstein im Sommer des Jahres 1958. "Auf die Idee, daß eine Prügelei unter Verfassungsschützern ... Gegenstand eines gegen uns gerichteten Verfahrens sein würde", so setzte er fort, wären aber "selbst die einfallsreichsten Propheten nicht verfallen".

"Prüfen Sie selbst", forderte er im Anschluss die lieben SPIEGEL-Leser auf, "ob Bestand und Sicherheit der Bundesrepublik durch solch einen Artikel gefährdet werden können" - und druckte die merkwürdige Geschichte über eine schließlich tätliche und lautstarke Auseinandersetzung in dem Nachtlokal "Hamburg Ahoi" frech und selbstbewusst ein zweites Mal ab. Autor des inkriminierten SPIEGEL-Artikels ("Dummes Zeug nach zehn", erstmals: SPIEGEL vom 19. Februar 1958) war der Bonner Korrespondent Mainhardt Graf von Nayhauß-Cormons, Spross einer alten schlesischen Adelsfamilie und damals 32 Jahre alt. Seine Vorfahren waren nach der Verteidigung von Wien gegen die Türken 1698 in den Grafenstand erhoben worden und sein Großvater hatte die Zentrumspartei mitbegründet. Nun richtete sich ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Landesverrat gegen ihn.

Die deutsche Presse, ansonsten oft wenig solidarisch, stellte sich einigermaßen geschlossen hinter den SPIEGEL-Mann: "Besonderer Schutz für V-Männer", hieß es zeitlos aktuell in der "Welt", "Neuer Anschlag auf die Pressefreiheit" titelte die "Stuttgarter Zeitung", "Verfassungsschützer betrunken - Journalist angezeigt", fasste die "Morgenpost" das Geschehen knapp und richtig zusammen.

"Wo immer in Bonn ein schreiender Mißstand an die Öffentlichkeit kommt, sucht man nicht den Mißstand zu beseitigen, sondern den Informanten" schrieb Augstein. Denn man hatte Nayhauß insgeheim Straffreiheit zugesichert, wenn er denn den Namen seines Informanten preisgäbe. Aber das tat er nicht.

Nayhauß hatte im SPIEGEL den Verfassungsschutz lächerlich gemacht. Das war für die Kölner bedauerlich, aber nicht strafbar. Der justiziable Vorwurf zielte darauf, dass er Namen und Dienststellung von Geheimnisträger öffentlich gemacht hatte, darunter den, eines Dr. Nollau, also eben jenes Günther Nollau, der 1972 Präsident des Bundesamtes und damit Nachfolger von Hubert Schrübbers wurde, der die Kölner Behörde seit 1955 führte.

Augstein: "Aus dem Mummenschanz mit falschen Namen und Bärten entsteht ja jenes zwielichtige Arbeitsklima, das dem Verfassungsschutz Blamage auf Blamage und den Ruf einer eher schädlichen als nützlichen Institution eingetragen hat."

Kein Kommentar.

Es folgte im März 1958 ein weiterer Artikel über die Gepflogenheiten im Amt und im August des gleichen Jahres ein zweites Verfahren wegen angeblichen Landesverrats, wiederum gegen Nayhauß. (Beide Verfahren wurden dann eingestellt). Dazu gesellte sich diesmal noch eine Klage wegen Beleidigung gegen den verantwortlichen Ressortleiter. Einer der sich beleidigt Fühlenden war Schrübbers selbst.

Schrübbers: Noch so eine Geschichte und er könne Stock und Hut nehmen. Das hat er mit seinen Nachfolgern bis heute gemein.

In Sachen Beleidigung trafen sich hinter den Kulissen Vertreter des Amts und des SPIEGEL im Herbst 1958. Schrübbers forderte eine Spende in Höhe von 10.000 Mark seitens des SPIEGEL für ein Kölner Waisenhaus, den Abdruck eines richtigstellenden Editorials, geschrieben von seinen Anwälten, aber öffentlich gezeichnet vom SPIEGEL-Herausgeber Augstein, sowie die Übernahme der Anwaltskosten durch den SPIEGEL.

Der SPIEGEL bot an: erstens kein Geld, zweitens kein Editorial, sondern nur einen Rückspiegel und von den Anwaltskosten der Verfassungsschützer nur die Hälfte. Der Rückspiegel erschien dann im November 1959.

Da war Nayhauß lange beim "Stern" und dort bereits das nächste Kapitel im Streit mit dem Verfassungsschutz aufgeschlagen.

Nayhauß hatte im Frühjahr zum Oktober 1958 beim SPIEGEL gekündigt, nicht wegen der Ermittlungsverfahren, sondern aus "persönlichen Gründen". Zum Ärger des SPIEGEL ging der Graf nicht mit leeren Händen zum "Stern", er nahm Recherche-Material über den Verfassungsschutz mit.

Augstein ließ deshalb durch seinen Bruder, den Anwalt Josef Augstein, prüfen, ob "Schadensersatzansprüche gegen einen ehemaligen SPIEGEL-Mitarbeiter" möglich seien, "der im Auftrag des SPIEGEL zusammengetragenes Material an ein anderes Presseorgan weitergibt". Antwort: "Nein".

Also versuchte Rudolf Augstein es am 22. Oktober 1958 mit der Moral und schrieb dem "lieben Grafen" einen freundlichen Brief. Darin bot er Nayhauß und dem "Stern" ein Ausfallhonorar an, verbunden mit der Bitte, auch den nun für den "Stern" vorgesehenen Artikel über den Verfassungsschutz doch, wie zunächst geplant, im SPIEGEL erscheinen zu lassen:

"Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass ich es nicht für fair und richtig halte, wenn Sie den Artikel, den Sie mir versprochen und den ich, fußend auf ihrem Versprechen, angekündigt habe, nun im 'Stern' erscheinen lassen. Schließlich haben sie einen Teil des Materials ... während ihrer SPIEGEL-Zeit gesammelt. Ich denke, nach der Art, wie ich selbst ihren Geheimnisverratsfall behandelt habe, dürften Sie mich nicht hängen lassen, dies um so weniger, da das Verhältnis zwischen ihrer früheren Redaktion und ihrer jetzigen Redaktion gut, um nicht zu sagen freundschaftlich ist. Herr Nannen würde für meinen Wunsch sicherlich Verständnis haben."

Hatten Nayhauß und Nannen offenbar nicht.

Mag dabei eine Rolle gespielt haben, dass der SPIEGEL kleinlich, wie er sein kann, im September 1958, also kurz bevor Nayhauß zum "Stern" wechselte, die bei Recherchen zum Verfassungsschutzkomplex entstandenen Spesen und Reisekosten zurückforderte, weil dafür angeblich kein vom Vorgesetzten ordentlich erteilter Auftrag vorlag. Schließlich bot Nayhauß entnervt an, den strittigen Betrag aus eigener Tasche zu zahlen, "nur um den versteckten Verdacht der Spesenritterei eindeutig zurückzuweisen".

Jedenfalls erschien im Februar 1959 im "Stern" unter der heute noch schönen Überschrift "Wer schützt uns vor dem Verfassungsschutz" ein Beitrag aus der Feder von Nayhauß. Dieser Artikel löste erneut eine Aktion der Bundesbehörden aus, und zwar wiederum nicht gegen Mißstände im Kölner Amt, sondern gegen die Presse. Die fragliche Ausgabe des "Stern" sollte, nachdem Schrübbers beim Hamburger Landgericht interveniert hatte, sogar per Einstweiliger Verfügung beschlagnahmt, sprich zensiert werden. Da lag die Ausgabe aber schon am Kiosk.

Das sei "das Schlimmste, was gegenüber der Presse seit Kriegsende exerziert worden ist", empörte sich Augstein und sprang dem "Stern" im März 1959 ebenso wie viele andere publizistisch bei.

Diesen Fall von Pressezensur (allerdings ohne die oben geschilderte Vorgeschichte) hat der Jenaer Professor Norbert Frei jüngst wieder ausgegraben und darüber in der "Zeit" berichtet.

Dafür sei ihm gedankt. Nur warum diese latente Anti-SPIEGEL-Note, die bereits im Untertitel seines Artikels anklingt, dieser irgendwie halbherzige Versuch, der SPIEGEL-Affäre ihren Rang in der Pressegeschichte streitig machen zu wollen?

Treten wir doch bitte nicht in einen albernen Wettstreit ein, wer zuerst ein Ermittlungsverfahren wegen Landesverrats am Hals hatte.

Ja, wir räumen gerne ein: Es gab staatliche Aktionen gegen die Pressefreiheit und wehrhafte Reaktionen seitens der Presse und der Bürger bereits vor der SPIEGEL-Affäre. Ja, der kritische Journalismus und das Demonstrationsrecht sind nicht im Oktober 1962 vom SPIEGEL erfunden worden. Doch wer hätte das je behauptet?

Dank an David Schoenbaum, der mich auf den Fall Nayhauß aus dem Jahre 1958 aufmerksam machte.

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