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Syrien-Fotos im SPIEGEL: Zu stark, um echt zu sein?

SPIEGELblog: Verletzte in Aleppo Fotos
Elias Edouard/ Getty Images/ DER SPIEGEL

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SPIEGEL-Leser Hans-Peter Stricker aus Berlin hatte eine ernste Frage:

"Ich habe erhebliche Zweifel, dass die beiden Fotos zum Beitrag 'Das Experiment von Manbij' auf den Print-Seiten 93 und 94 'echt' sind: mir und jedem anderen Laien, den ich darauf hingewiesen habe, sprang ins Auge, dass mit diesen beiden Bilder 'etwas' nicht stimmt: sie wirken 'zu schön um wahr zu sein', zu gestellt, zu komponiert, zu sehr barocke 'Kreuzabnahme' und 'Pietà'...

Zufälligerweise stammen sie vom selben Fotografen und derselben Agentur. Ist beim SPIEGEL niemand misstrauisch geworden? Wurde nachgeforscht, ob die Bilder authentisch sind?

Bitte nehmen Sie diese Anfrage ernst und nicht zu leicht: ich erwarte eine ernsthafte Antwort darauf. Und bin dementsprechend sehr gespannt.

Mit freundlichen Grüßen"

Bild aus dem SPIEGEL: Verwundete Zivilisten in Aleppo Zur Großansicht
Elias Edouard / Getty Images / DER SPIEGEL

Bild aus dem SPIEGEL: Verwundete Zivilisten in Aleppo

Wie in diesem Leserbrief, so wurden auch in der wöchentlichen Heftkritik Zweifel an der Authentizität der Bilder aus Syrien geäussert, die der SPIEGEL exklusiv in Deutschland gedruckt hat (hier den Artikel als PDF ansehen). Die beiden Fotos schienen zu perfekt, um echt zu sein. Die Szenen erinnerten zu sehr an die Kreuzigung Jesu.

Erhalten hatten wir die Fotos von der Agentur Getty Images. Die Quelle ist seriös, doch der 21 Jahre junge Fotograf Elias Edouard ist kein fest angestellter Mitarbeiter der Agentur, sondern ein Freelancer, ein Freiberufler. Die leben nur von den Abdrucken oder Honoraren, die sie für einzelne Aufträge erhalten. Für den schnellen Ruhm eignet sich die Kriegsfotografie genauso wie die Paparazzi-Fotografie aus Hollywood. Gerade in Syrien sind Fotos und Videos von beiden Seiten schon als Propaganda missbraucht worden.

Der SPIEGEL war zwar das einzige deutsche Medium, das von Beginn des Konfliktes an eigene Redakteure und Fotografen im Land hatte (siehe Veröffentlichungen in den Heften 34/2011, 52/2011, 18/2012), bei der Entstehung der Fotos, um die es hier geht, war aber kein festangestellter SPIEGEL-Mitarbeiter dabei.

Auch deshalb hat sich die Bildredaktion die gesamte Produktion des Fotografen Elias Edouard vor der Veröffentlichung sehr genau angesehen.

Als einziges Medium in Deutschland verfügen wir über eine Bildverifikation mit insgesamt sieben Mitarbeitern. Deren Hauptaufgabe ist es, Fotomaterial auf seine Echtheit zu überprüfen. Von Personen etwa werden Vergleichsbilder aus unterschiedlichen Quellen herangezogen. Die angegebenen Orte und Aufnahmedaten der Fotografen und Agenturen überprüfen wir kritisch.

Das zweite Foto aus dem SPIEGEL Zur Großansicht
Elias Edouard / Getty Images / DER SPIEGEL

Das zweite Foto aus dem SPIEGEL

Die Auswertung der Produktion aus Syrien zeigte, dass sich Elias Edouard einen Tag lang vor Ort bei den Verwundeten aufgehalten hatte. "Bei dem großen Foto aus dem provisorischen Krankenhaus in Aleppo haben wir bei der Prüfung besonders auf die Details in dem unbeschnittenen Bild geachtet", sagt SPIEGEL-Dokumentar Tobias Mulot, der die Fotos verifiziert hat. Im Original ist auf der rechten Seite ein Arzt mit Latexhandschuhen zu sehen, der einen schwer verletzten Syrer versorgt. Im gedruckten Foto ist von dem Arzt kaum noch etwas zu sehen.

Im zweiten Foto, das einen verletzten Widerstandskämpfer an einer Mauer zeigt, ist die Verwundung auf dem Rücken des Kämpfers der Freien Syrischen Armee nicht zu sehen. Sie wird aber in der Bildsequenz deutlich (siehe Bildergalerie oben).

Außerdem gibt es Videoaufnahmen von der Situation im Krankenhaus (Achtung, das Material ist sehr heftig, vor allem am Anfang):

Natürlich können auch trotz penibler Prüfung Fehler passieren. Bilder können am Computer leicht und überzeugend manipuliert werden.

Wir haben den Fotografen Elias Edouard mit dem Misstrauen an seiner Produktion konfrontiert. Seine Antwort:

"Ich kann verstehen, dass Leser Bilder anzweifeln, aber ich hoffe auch, dass sie sich nicht nur darüber Gedanken machen, ob die Fotos echt sind, sondern auch nachempfinden können, was die Menschen in Syrien durchmachen, die seit 19 Monaten unter ständigem Beschuss stehen. Ich hoffe, meine Serie trägt zur Aufklärung bei."

Der verwundete Mann, der an der Mauer zu sehen ist, heißt Abu Steff. Er wurde in der Nähe der Altstadt von Heckenschützen getroffen. Er hat überlebt.

Bei der Person in der Mitte des anderen Fotos handelt es sich um eine Frau, die sich aus Scham oder muslimischer Tradition ein blutiges Tuch über den Kopf gezogen hat.

Die Website des Fotografen Elias Edouard.

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