23.07.2013

SeitenblickDer große Unbekannte

Die Geschichten von Till Eulenspiegel sind berühmt, doch über seine Herkunft weiß man wenig. Wer war der Schelm wirklich?
Anno 1339. Gerichtsbezirk der Altstadt Braunschweig. Tile van Cletlinge und seine sechs Kumpane sind vor dem Rat angeklagt, mutmaßlich wegen Straßenraubs. Zum Prozess erscheinen sie jedoch nicht. So verhängt der Rat die "Verfestung" über die Unglücklichen. Jeder, der sie künftig im Raum Braunschweig antrifft, kann sie festnehmen, und niemand darf ihnen Gastfreundschaft gewähren, sonst macht er sich selbst strafbar. Nach der mittelalterlichen Rechtsprechung macht sie das faktisch zu Geächteten.
Die Spießgesellen kommen aus dem verarmten niederen Adel des Braunschweiger Umlands. Oft mittellos und ohne ertragreichen Boden oder Pfründen, geht es dem Landadel im 14. Jahrhundert nicht viel besser als den Bauern. Häufig lassen sich junge Männer von Landesfürsten anstellen. Im Grunde sind sie dann oft nichts anderes als Söldner, die sich mit ihrem Schwertarm an den Meistbietenden verdingen.
Alle sieben geben an, in Diensten des Grafen von Regenstein gestanden zu haben. Dieser führt seit Jahren einen erbitterten Kleinkrieg gegen den Bischof von Halberstadt. Der Anlass sind offenbar Erbschaftsstreitigkeiten. Immer wieder kämpfen die Männer des Bischofs und die Vasallen des Grafen gegeneinander. Ob die sieben Delinquenten tatsächlich in diese Auseinandersetzungen verstrickt waren, ist nicht belegt. In den Braunschweiger Urkunden ist lediglich das Urteil niedergeschrieben. Das Geschlecht derer van Cletlinge aber verlässt den Ort und siedelt in den Magdeburger Raum um.
Viele Informationen enthält das "stadtbraunschweigische Verfestungsbuch", in dem das Urteil und die Namen der Angeklagten festgehalten sind, nicht. Dennoch ist die knappe Notiz aufschlussreich. Belegt sie doch, dass es im 14. Jahrhundert einen Tile van Cletlinge oder in anderer Schreibweise Till von Kneitlingen gegeben hat, der im Raum Braunschweig sein Unwesen trieb. Eines ist auffällig: Sein Name, die Lebensdaten und der zweifelhafte Ruf decken sich mit der Biografie eines berühmten Narren und Helden mittelalterlicher Erzählungen - Till Eulenspiegel.
Seine Streiche kennt jedes Kind. Die volkstümlichen, kurzen und oft derben Erzählformen der Schwänke oder Fazetien waren vor allem unter der einfachen Bevölkerung beliebt, die weder lesen noch schreiben konnte. Eulenspiegel ist schlau, aber er stellt sich dumm: So nimmt er den Wunsch des Königs von Dänemark, dessen Pferd mit den allerbesten Beschlägen auszustatten, wörtlich und lässt dem Gaul Hufeisen aus purem Gold anschlagen. Oder: Nachdem ihm der Herzog von Celle verbietet, sein Land zu betreten, belädt Eulenspiegel einen Karren mit Erde. Darauf setzt er sich, fährt triumphierend vor der Burg des Herzogs herum und tönt, er setze ja keinen Fuß auf dessen Boden.
Selbst der tote Eulenspiegel gibt keine Ruhe. Während der Beerdigung rutscht er den Trägern aus den Händen und fällt so unglücklich ins Grab, dass er aufrecht stehen bleibt. Der Legende nach war es den Bürgen dann auch genug der Scherze: Sie begruben in einfach stehend.
Die Schwänke um den lustigen Schurken wurden schon im 16. Jahrhundert in etliche Sprachen übersetzt und in großen Auflagen gedruckt. Für die damalige Zeit, in der noch wenige Bücher im Umlauf waren, ist diese Verbreitung ein beeindruckender Erfolg. Das Eulenspiegel-Buch wurde zum Klassiker - und Till zum deutschen Nationalnarren.
Dabei diente er unterschiedlichsten Ideologien als Galionsfigur. 1807 deutete der Hochschullehrer Joseph Görres, noch beeinflusst von den Idealen der Französischen Revolution, Eulenspiegel als bäuerlichen Prototyp und "plebeyischen Tribun mit der Schellenkappe". Im Nationalsozialismus musste er als Beleg für die Klugheit der germanischen Rasse herhalten. Die Forschung der DDR sah Eulenspiegel dagegen als Vorreiter des Klassenkampfs.
Aber wer war Till Eulenspiegel wirklich? Das Buch selbst liefert dafür nur wenige Anhaltspunkte. Till soll im Jahr 1300 geboren sein, seine Eltern werden als schlichte Leute beschrieben. Der Vater besitzt allerdings ein Pferd - im Mittelalter ein Luxus, den sich ein einfacher Bauer nicht leisten konnte. Auch das kaum bekannte Dorf Kneitlingen wurde wohl nicht zufällig als Geburtsort des Narren angegeben. Eines Tages ziehen Eulenspiegels Eltern mit ihrem Sohn in die Nähe von Magdeburg - genau wie die Angehörigen Tile van Cletlinges oder Kneitlingens. Diese Übereinstimmungen sprächen dafür, dass das Leben des Straßenräubers in die Figur des Narren Eulenspiegel eingeflossen sei, meint der Historiker Bernd Ulrich Hucker.
Und wie kam Till zu seinem Namen Eulenspiegel? Eine Antwort findet man in Mölln. Die norddeutsche Stadt hat eine lange Eulenspiegel-Tradition. Hier soll er aufrecht begraben worden sein. Und tatsächlich starb wohl 1350 ein Tilo dictus Ulenspegel in Mölln. Er war angeblich ein Hofbeamter des Herzogs von Sachsen-Lauenburg. Vielleicht sogar ein Hofnarr. Die Spaßmacher im Rang eines Ministerialen waren gebildet und im Mittelalter hoch geachtet. Auf unterhaltsame Weise erzählten sie den Herrschenden, was das Volk so über sie dachte.
Auch in dem Lauenburger Hofbeamten steckt womöglich ein Stück des historischen Till. "Die Überlieferung vom Möllner Ulenspegel verschmolz mit der Sage von seinem Zeitgenossen Tile von Kneitlingen", sagt der Eulenspiegel-Experte Hucker. Tatsächlich erwähnt der spätere Bischof von Lübeck, Johannes Scheele, in einem Brief von 1411 einen Ulenspegel, der einen Streich begangen haben soll. Sechzig Jahre nach dem Tod Tilos sind die beiden Personen demnach schon zu einer Figur geworden.
Der anonyme Verfasser des Eulenspiegel-Buchs dürfte von diesem Ulenspegel gehört haben - einem Tunichtgut, der im Raum Braunschweig sein Unwesen trieb und in Mölln verstarb. Ihm die mitunter bitterbösen Gaunereien anzudichten, wie sie im Eulenspiegel-Buch zu finden sind, lag nahe. Eine Figur, von der man im deutschen Raum berichtete, eignete sich gut als Hauptfigur der Erzählungen. Die Menschen bekamen etwas zu hören, das sie kannten und mit dem sie etwas verbinden konnten. Beweisen lässt sich das alles allerdings nur schwer. Dafür wurden die Geschichten des Nationalnarren über die Jahrhunderte zu sehr verändert; historische Belege fehlen weitgehend.
Zudem stammt das Eulenspiegel-Buch nicht aus einer einzigen Quelle, sondern ist eine Sammlung von Geschichten unterschiedlicher Herkunft. Mit dem gleichbleibenden Titelhelden bekamen sie ihre Rahmenhandlung. In der ältesten erhaltenen Ausgabe von 1510/11 wird Eulenspiegel übrigens ohne Narrenkappe und Schellenkostüm dargestellt. Dieser Ur-Eulenspiegel glich noch sehr viel mehr einem Schurken als dem lustigen Gaukler, den man heute kennt.
Ein aufmerksamer Leser wird schnell feststellen, dass etliche Eulenspiegeleien in einem anderen Stil geschrieben sind als die übrigen Kapitel. Auch die Persönlichkeit des Narren verändert sich.
Und es gibt weitere Ungereimtheiten: So wird Eulenspiegel als Zeuge historischer Ereignisse genannt, die lange vor seiner Geburt oder weit nach seinem Tod stattgefunden haben. So soll er zur Wahl Lothars von Supplinburg zum deutschen König gereist sein. Die fand jedoch bereits 1125 statt, also 175 Jahre vor der Geburt Eulenspiegels. Auch kann er, anders als in der Erzählung behauptet, keinen Papst in Rom besucht haben, da dieser damals in Avignon residierte. So wie viele ihn kennen, hat es Till Eulenspiegel sicherlich nie gegeben. Sein letztes großes Geheimnis behält er also weiter für sich - aber was für ein Schalk wäre er schon, wenn er all seine Schliche verriete.
Von Hubertus J. Schwarz

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2013
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