24.09.2013

„Es gab keinen Alleinschuldigen“

Der Militärhistoriker Sönke Neitzel über die Totalität des Ersten Weltkriegs, Hypernationalismus und das Versagen der politischen Eliten
SPIEGEL: Mit Tränen in den Augen unterschrieb Kaiser Wilhelm II. am Nachmittag des 1. August 1914 die deutsche Mobilmachung - wollte er den Krieg eigentlich gar nicht?
Neitzel: Wilhelm II. war in der Reichsleitung derjenige, der den Krieg am wenigsten anstrebte. Er wurde zu Recht oft für seine martialischen Auftritte gescholten. Aber im Sommer 1914 war er nicht Herr des Verfahrens. Das Krisenmanagement lag in den Händen des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg. Im Spiel der Kräfte war der Kaiser eher Zuschauer.
SPIEGEL: Warum aber drängte das Deutsche Reich seinen Verbündeten Österreich im Konflikt mit Serbien zum Angriff? Und erklärte dann auch noch dem mit Serbien verbündeten Russland den Krieg?
Neitzel: Das basierte auf einem Kalkül Bethmann Hollwegs. Der Reichskanzler sah eine wachsende Macht der potentiellen Gegner Deutschlands, vor allem Russlands. Für ihn war Deutschland von Feinden umringt und lief Gefahr, bald keinen Krieg mehr gewinnen zu können. Den Ausweg sah er in einer Risikopolitik: Wenn wir jetzt Druck ausüben und die Österreicher einen lokalen Krieg gegen Serbien führen, werden die Russen sich möglicherweise heraushalten. Und wenn es doch Krieg geben sollte, dann lieber jetzt als später, in einer für Deutschland ungünstigeren Situation. Damit kalkulierte er einen Krieg voll ein; ein Waffengang galt damals ja gemeinhin noch als Mittel der Politik.
SPIEGEL: Trug Deutschland aber damit die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg, wie es die Sieger auf der Friedenskonferenz von Versailles 1919 postulierten?
Neitzel: Die Forschung hat gezeigt, dass es einen Alleinschuldigen an diesem Krieg nicht gab. Mein australischer Kollege Christopher Clark hat mit seinem neuen Buch "Die Schlafwandler", das ich sehr überzeugend finde, detailliert nachgewiesen, dass es im Sommer 1914 eine gesamteuropäische Krise gab. Jeder hatte die Chance, die Eskalation zu verhindern - und niemand nahm sie wahr.
SPIEGEL: Die Deutschen waren schließlich nicht die einzigen Imperialisten, sagt Clark.
Neitzel: Sie waren voll mitverantwortlich, aber auch die Österreicher hätten sich entscheiden können, den Krieg gegen die Serben nicht zu führen. Die Russen und die Franzosen hätten wegen Serbien nicht in den Krieg ziehen müssen. Aber es existierte kein Konsens zur Krisenlösung mehr wie noch in den Jahrzehnten zuvor.
SPIEGEL: Wäre die Krise im Juli 1914 denn diplomatisch lösbar gewesen?
Neitzel: Da alle Großmächte den Krieg als ein Mittel der Politik ansahen, war keine der fünf Mächte in Europa bemüht, den Frieden zu sichern. Erschwerend kam hinzu, dass große Teile der jüngeren Generation in ihren imperialistischen Ambitionen immer radikaler wurden. Ich habe Dokumente jüngerer Diplomaten des Auswärtigen Amtes gefunden, die 1913 der Auffassung waren: Wir sind am Ende mit der Diplomatie, wir müssen wie Friedrich der Große Krieg führen. Viele sahen den Krieg als ein reinigendes Gewitter an - nicht nur in Deutschland.
SPIEGEL: In seinem damals bahnbrechenden Werk "Griff nach der Weltmacht" hatte der deutsche Historiker Fritz Fischer vor rund 50 Jahren argumentiert, die Führung in Berlin habe einen Krieg gezielt geplant.
Neitzel: Diese These ist längst widerlegt. Aber Fischer hat mit bis dahin unbekannten Dokumenten eine wichtige Debatte angestoßen, wofür man ihm dankbar sein sollte. Die Deutschen hatten den Weltkrieg nicht geplant, sie gingen sogar ziemlich unvorbereitet in den Krieg. Sie hatten natürlich nationale Interessen, wie die anderen ja auch.
SPIEGEL: Was waren eigentlich die deutschen Kriegsziele?
Neitzel: Anfang August 1914 gab es noch gar keine. Erst als es richtig losgegangen war, begannen vor allem rechte Kreise von Annexionen zu faseln. Auch die Franzosen hatten zunächst keine klar umrissenen Absichten. Bald wurde Elsass-Lothringen zurückgefordert, das Deutschland 1871 annektiert hatte. Schließlich kamen auch Überlegungen auf, das Deutsche Reich aufzulösen.
SPIEGEL: Spielten nicht auch wirtschaftliche und geostrategische Interessen eine Rolle? Das kapitalschwache Russland war abhängig von französischen Krediten; die Impulse für die russische Politik gingen so eher von Paris und London als vom Zarenhof aus.
Neitzel: Der Bau strategischer russischer Eisenbahnlinien wurde mit französischem Geld finanziert. Schon 1905 hat Frankreich durch seine Anleihen das Zarentum vor dem Kollaps bewahrt. In der Julikrise drängte Paris auch durch seinen Botschafter in Richtung Krieg.
SPIEGEL: Der deutsche Kaiser und der russische Zar waren Cousins, warum verständigten sich die beiden nicht persönlich?
Neitzel: Die Monarchen spielten schon keine maßgebliche Rolle mehr, wichtiger waren die Regierungschefs und Außenminister. Natürlich hätte Wilhelm II. sagen können, das mach ich nicht mit. Die damalige Sicherheitsarchitektur kalkulierte seltsamerweise nicht mit ein, was das eigene Handeln bei anderen Staaten auslöste und ob es nicht besser wäre, ein Signal der Entspannung zu senden. Man dachte bloß: Wir machen uns so stark wie möglich, und dadurch bewahren wir schon den Frieden.
SPIEGEL: Aus französischer Sicht war es ja nicht unlogisch, über den Hebel der Russen zu verhindern, dass die deutsche Armee wieder wie 1870 auf Paris vorrückte. Aber ging das tatsächlich nur, indem man Deutschland in einem Zweifrontenkrieg schwächte?
Neitzel: Die französische Wahrnehmung war natürlich, wir müssen alles tun, um zu verhindern, dass die Deutschen wiederkommen, und allein können wir das nicht. Die Deutschen wiederum dachten, die Franzosen sind so aggressiv, dass sie uns auf jeden Fall angreifen werden.
SPIEGEL: Und wie tickte London?
Neitzel: Ähnlich verhängnisvoll: Mit den Liberalen waren dort Imperialisten und Sozialdarwinisten an die Macht gekommen, die einerseits Deutschland bewunderten, aber auch davon ausgingen, dass die Kraft Deutschlands sich gegen Großbritannien wenden müsse. Sie dachten, in einer Allianz mit Frankreich und Russland - vor dem sie allerdings auch Angst hatten - könnten ihnen die so eingekreisten Deutschen nicht gefährlich werden. Sie bedachten aber nicht, was das in Deutschland auslöste. Mit Hilfe von Romanen wurden angebliche deutsche Invasionspläne aufgebauscht. Die britische Propaganda schürte Angst vor der deutschen Flotte, obwohl die Führung wusste, dass ihre viel stärker war.
SPIEGEL: Rechneten die beteiligten Staatsführungen tatsächlich damit, den Feind in einem kurzen Feldzug in wenigen Wochen niederzuwerfen?
Neitzel: Es herrschte lange eine trügerische Hochstimmung. Da war ein überbordendes Kraftgefühl vor dem Hintergrund eines gewaltigen technischen Fortschritts und wirtschaftlichen Aufschwungs, Deutschland explodierte ja geradezu vor Selbstbewusstsein. Das Wissen, dass es mit den neuen Waffen, etwa dem Maschinengewehr und der moderne Artillerie, keinen schnellen Krieg geben konnte, war bei einigen schon da, aber es drang noch nicht ins politische Bewusstsein.
SPIEGEL: Wie groß war die Euphorie zu Kriegsbeginn wirklich?
Neitzel: Die Kriegsbegeisterung war in Berlin vor allem eine Sache des Bürgertums und der Studenten. In den Grenzregionen dagegen herrschte keine Jubelstimmung. Es gab bei manchen Militärs zwar eine böse Ahnung, etwa bei Generalstabschef Moltke: Überlegen sind wir nicht, hoffentlich geht das gut. Aber bei niemandem waren die Zweifel so stark, dass dies zu einer Veränderung der Strategie geführt hätte.
SPIEGEL: Verwickelte sich die deutsche Führung ab Ende 1914 nicht immer mehr in einen Widerspruch zwischen maßlosen Kriegszielen mit Annexionen in Belgien, Frankreich und dem Baltikum und einem militärischen Potential, das dafür gar nicht ausreichte?
Neitzel: Darin unterschieden sich die Deutschen nicht sehr von den Franzosen oder den Briten: Keiner war bereit, einen ernsthaften Verhandlungsfrieden zu suchen. Dabei wusste keine Seite, wie sie die andere eigentlich schlagen sollte. Schon Ende 1914 waren alle im Grunde mit ihrem Latein am Ende. Die Munition wurde knapp, Hunderttausende waren getötet worden. Die Soldaten waren desillusioniert. Es gab nirgendwo einen strategisch überzeugenden Plan, erst recht keinen, wie man durch diesen Krieg eine stabile Neuordnung Europas erreichen könnte. Überall machte man einfach so weiter, holte mehr Artillerie, mehr Soldaten.
SPIEGEL: Warum konnte der Balkan, eine unterentwickelte, wirtschaftlich uninteressante Gegend, überhaupt zum Auslöser für einen Weltkrieg werden?
Neitzel: Prestige und das Bedürfnis, als Weltmacht wahrgenommen zu werden, spielten überall eine große Rolle. Die patriotische Presse in Russland etwa setzte den Außenminister unter Druck: Nach der als skandalös empfundenen Annexion Bosniens durch Österreich-Ungarn 1908 nun die serbischen Brüder hängenzulassen, hätte erneut als schlimme Niederlage gegolten. Frankreich nutzte die panslawistischen Neigungen in Russland sehr geschickt und erklärte den Bündnisfall.
SPIEGEL: Später setzten Frankreich und Großbritannien alle Hebel in Bewegung, Russland in der Kriegskoalition zu halten, selbst nach dem Sturz des Zaren im März 1917. Hatten sie dadurch nicht weit mehr Anteil am Sieg der Bolschewiki als die Deutschen, denen man ja später vorwarf, Lenin die Durchreise aus dem Schweizer Exil gestattet zu haben?
Neitzel: Die Fortsetzung des Krieges hat in Russland endgültig den Boden für die Bolschewiki bereitet. Schon nach dem Vormarsch der Deutschen 1915 mit der Einnahme Warschaus hätte die russische Führung begreifen können, dass der Krieg zum Zusammenbruch ihres Staates führen musste.
SPIEGEL: Während des Krieges wurde die Oberste Heeresleitung unter den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff ein Machtzentrum, das stärker war als Reichsregierung, Reichstag und Kaiser. Herrschte in Deutschland eine Militärdiktatur?
Neitzel: Es war sicher kein totalitäres Regime von der Art Hitlers, aber eine Diktatur war es 1916 bis 1918 durchaus. Ludendorff war die bestimmende Figur in allen außenpolitischen Entscheidungen, nichts ging mehr ohne ihn. Er profitierte dabei von dem Mythos um Paul von Hindenburg, den Sieger in Ostpreußen. Ludendorff stand für eine Radikalisierung: Dem Krieg geben, was des Krieges ist, das war sein Satz. Die massive Mobilisierung hatte schon Züge eines totalen Kriegs. Die Regierungen ordneten sich da vollkommen unter in dem fatalen Glauben, sie brauchten die Militärs, um politisch etwas durchzusetzen. Damit gab es auch keinen Ausweg aus dem Krieg.
SPIEGEL: Hat die Dominanz der Militärs zu der verheerenden Materialschlacht in Verdun geführt?
Neitzel: Das war einzig die Entscheidung der Militärs; die Politiker fühlten sich dafür gar nicht kompetent. Wir wissen bis heute nicht genau, was Erich von Falkenhayn, Generalstabschef seit September 1914, zu dieser Entscheidung trieb, was er wirklich vorhatte. Auf allen Seiten waren es die Militärs, die immer wieder sagten: Diesmal klappt es.
SPIEGEL: Scheiterte die deutsche Führung auch daran, dass die Kriegslasten sozial sehr ungleich verteilt waren? Während Millionen Arbeiterfamilien hungerten, prassten Kriegsgewinnler in Luxusrestaurants. Lag darin die Ursache für die Revolution 1918?
Neitzel: Die deutsche Gesellschaft des Ersten Weltkriegs war keine Volksgemeinschaft mit einer gleichen Verteilung der Kriegslasten, wie sie die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg anstrebten. In der Gesellschaft fehlte das einigende Band. Selbst im Krieg wurde das anachronistische Dreiklassenwahlrecht in Preußen zunächst einmal nicht abgeschafft, auch nicht die Adelsprivilegien. Man hat es nicht geschafft, die notwendigen Reformschritte zu gehen, die Parlamentarisierung voranzutreiben. Das ist das innenpolitische große Scheitern im Ersten Weltkrieg. Veränderung kam erst durch den Druck Wilsons.
SPIEGEL: Der Friedensplan des US-Präsidenten, war das der erste Versuch der neueren Geschichte, durch Einflussnahme auf den Gegner einen politischen Machtwechsel zu erreichen?
Neitzel: Woodrow Wilson war der Einzige, der überhaupt ein sinnvolles Konzept hatte. Europa kann dankbar sein, dass es ihn gab und er eine neue Idee einbrachte. Die Monarchien der Mittelmächte waren diskreditiert. Mit einer frühen Liberalisierung wären sie vielleicht sogar zu retten gewesen. Doch zu spät wandelte sich Deutschland im Oktober 1918 zu einer parlamentarischen Monarchie - auch als Voraussetzung, um mit Wilson verhandeln zu können.
SPIEGEL: Waren dessen 14 Punkte nicht teilweise eine Mogelpackung? Denn beim Friedensschluss 1919 werden die Deutschen und Österreicher gehindert, sich nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker zu einer Republik zu vereinen. Hitler nutzte diesen Umstand ja dann sehr geschickt.
Neitzel: Da gab es ein großes Missverständnis. Für Wilson meinte Selbstbestimmungsrecht innere Demokratisierung. Zudem: Er wollte ein neues Europa mit überlebensfähigen Staaten aufbauen. Er glaubte nicht, dass jedes Volk seinen eigenen Staat schaffen solle. Das war in Osteuropa ja auch vollkommen unrealistisch. Bezeichnenderweise hat Wilson das Selbstbestimmungsrecht der Völker auch nicht in seine 14 Punkte aufgenommen.
SPIEGEL: Sie haben den uneingeschränkten U-Boot-Krieg als den schwersten Fehler Deutschlands im Ersten Weltkrieg bezeichnet. Hätte Deutschland ansonsten den Krieg noch gewinnen können?
Neitzel: Ohne den U-Boot-Krieg wäre es für die Amerikaner schwer gewesen, in den Krieg einzutreten. Und 1917 waren die Franzosen und Briten am Ende ihrer Kraft. Die einzige Hoffnung für sie weiterzumachen waren die Amerikaner. Da wäre ein Kompromissfrieden im Westen durchaus möglich gewesen. Bethmann Hollweg war ja im Juni 1917 in der Hinsicht so weit wie nie zuvor. Das aber wollte die deutsche Oberste Heeresleitung nicht. Und entschied sich, mit dem U-Boot-Krieg va banque zu spielen. So haben die Deutschen ihr eigenes Grab geschaufelt.
SPIEGEL: Die Kriegsmüdigkeit wuchs bereits ab 1916 auf allen Seiten, da gab es schon Millionen Tote. Warum hat es dann noch so lange gedauert, bis im November 1918 ein Waffenstillstand geschlossen wurde?
Neitzel: Die Propaganda schürte überall den Glauben, diesen Krieg auf jeden Fall und nahezu um jeden Preis gewinnen zu müssen. Mit jedem Toten mehr wuchs die Überzeugung, siegen zu müssen, weil man ja schon so viel investiert hatte. Franzosen und Briten sahen die Deutschen als die bösen Hunnen. Umgekehrt hassten die Deutschen das "perfide" Albion, so der antike Name für Britannien, das ihnen die Weltstellung nicht gönnte. Das waren die Bilder, die sich in den Köpfen der Schaltzentralen festsetzten. Und die Soldaten taten, was Soldaten halt tun, die Vorstellung, Befehle zu verweigern, die gab es so noch nicht. Das waren ja alles Patrioten, in dieser Zeit des Hypernationalismus war der Ruf des Vaterlandes übermächtig.
SPIEGEL: Dafür gab es gegen Ende des Krieges dann aber doch ziemlich viele Streiks und Meutereien. Auch die massenhaften Verbrüderungen von Soldaten waren ein neues Phänomen.
Neitzel: Die Hoffnungslosigkeit des Stellungskriegs brachte diese Verbrüderungen hervor. Dennoch schossen die Soldaten am nächsten Tag wieder aufeinander. Erst als der Druck so groß wurde, dass alles sinnlos erschien, ließen sich Soldaten vermehrt gefangen nehmen oder versteckten sich, um nicht kämpfen zu müssen.
SPIEGEL: Anders als im Zweiten Weltkrieg, wo Drückeberger massenhaft drakonisch bestraft wurden, griff der Staat hier nicht durch. Woran lag das?
Neitzel: 48 deutsche Soldaten wurden im Ersten Weltkrieg hingerichtet wegen Verweigerung, im Zweiten Weltkrieg waren es schätzungsweise 20 000. Die meuternden Matrosen von Kiel hätte man im Dritten Reich an die Wand gestellt, aber hier wurde die geplante Feindfahrt sogar abgeblasen. Die Propaganda im Ersten Weltkrieg war teilweise radikaler als die Taten gegenüber den Kriegsgegnern.
SPIEGEL: Was war für den Ausgang des Kriegs entscheidender, der moralische oder der materiell-technische Faktor?
Neitzel: Auch dieser Krieg wurde letztlich in den Fabriken entschieden. Und mit dem Eintritt der USA 1917 war der Krieg für die Deutschen nicht mehr zu gewinnen. Von der Truppenstärke bis zum Luftkrieg war die Überlegenheit der Westmächte eindeutig.
SPIEGEL: Was unterschied diesen Krieg von allen vorhergegangenen?
Neitzel: Es war erstmals ein globaler und ein totaler Krieg. Anders als im 19. Jahrhundert, wo man noch versuchte, die Kämpfe einzuhegen. Er war der erste Krieg mit einer globalen Öffentlichkeit, mit Massenpresse. Das führte zu einer immensen nationalen Aufwallung, das hatten die Kabinette nicht mehr im Zaum. Und er unterschied sich in der Massenmobilisierung und in der Radikalisierung der Methoden wie der Ziele. Die stehenden Heere des 18. Jahrhunderts waren sehr teuer, da einigte man sich im Notfall auch schon mal auf ein Unentschieden.
SPIEGEL: Die nationalistische Mobilisierung hielt nach dem Krieg noch an. Auch in der Weimarer Republik marschierten noch Hunderttausende für den militaristischen Frontkämpferbund "Stahlhelm". Warum hat der Erste Weltkrieg das Bewusstsein nicht in der Weise verändert wie der Zweite Weltkrieg nach dem Motto: Nie wieder Krieg?
Neitzel: Es war unterschiedlich. In Frankreich etwa gab es nach dem Scheitern der Besetzung des Ruhrgebiets 1923 eine starke pazifistische Strömung, die fand: Krieg ist sinnlos. In Deutschland sehen wir einen gespaltenen Umgang mit dem Ersten Weltkrieg. Es herrschte Trauer, es gab Pazifisten, aber auch die nationalistische Deutung, die ab Ende der zwanziger Jahre dominierte. Da reüssierte Ernst Jünger dann mit seinem den Krieg verklärenden Buch "In Stahlgewittern", das er zunächst nur im Privatdruck herausgegeben hatte.
SPIEGEL: Dass ihre Truppen den Nordosten Frankreichs verwüstet hatten, das machten sich die Deutschen nicht bewusst?
Neitzel: Der Erste Weltkrieg fand ja nicht in Deutschland statt, das Land blieb heil. Die Bomben des Zweiten Weltkriegs waren da natürlich viel verheerender. Zudem waren die Mitglieder der neuen Reichsregierung an der Front gar nicht dabei gewesen. Es dominierte der Zorn über den "Diktatfrieden" oder auch "Schmachfrieden" von Versailles. So hielt sich auch der Irrglaube, man sei 1918 einem Dolchstoß im Inland erlegen. Die gut zwei Millionen toten deutschen Soldaten waren offenbar nicht genug. Für uns ist das heute nur schwer zu verstehen.
SPIEGEL: Ist die Angst vor der deutschen Hegemonie auch heute noch politischer Sprengstoff in Europa, und schwingen da noch Ängste aus der Zeit des Ersten Weltkriegs mit?
Neitzel: Das ist das deutsche Dilemma. Deutschland war und ist so groß, um Konkurrenzängste zu schüren, aber zu klein, um den Kontinent zu dominieren. Heute stehen wir wieder vor dem Problem, dass die Deutschen zwar nicht militärisch, aber wirtschaftlich so stark sind, dass manche Europäer Angst vor einer deutschen Dominanz haben. Die Politik sollte den Jahrestag von 1914 als Gelegenheit zu einem Akt gemeinsamer Erinnerung nutzen, nicht die Frage der Schuld in den Vordergrund stellen, sondern vielmehr die gesamteuropäische Krise von damals. Die Regierungschefs könnten an einem früheren Schlachtort ein Zeichen setzen gegen die Selbstzerfleischung Europas. Das ist eine große Gelegenheit.
SPIEGEL: Fast 100 Jahre sind vergangen, viel Zeit für die Forschung. Sind nun alle Fragen aufgearbeitet?
Neitzel: Kriegsverbrechen sind ein Thema, das insgesamt noch unzureichend erforscht ist. Über das Gros der Gräueltaten, die an der Ostfront und auf dem Balkan stattfanden, wissen wir sehr wenig. Die Kämpfe in Afrika und die afrikanischen Opfer sind in Europa nur wenig im Blick. Wir sehen den Krieg immer noch zu wenig als globales Ereignis.
SPIEGEL: Herr Professor Neitzel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Der Professor für internationale Geschichte an der London School of Economics mit dem Schwerpunkt Militärgeschichte ist Autor des Standardwerks "Blut und Eisen. Deutschland und der Erste Weltkrieg". Ein großes Echo erlangte sein 2005 erschienenes Buch "Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945".
Sönke Neitzel
"Da war ein überbordendes Kraftgefühl bedingt durch technischen Fortschritt und wirtschaftlichen Aufschwung."
"In Deutschland hielt sich der Irrglaube, man sei 1918 einem Dolchstoß im Innern erlegen."
Das Gespräch führten die Redakteure Annette Großbongardt und Uwe Klußmann.
Von Annette Großbongardt und Uwe Klußmann

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2013
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