28.01.2014

Die verhinderte Regentin

Anna Komnena hätte gern selbst Geschichte gemacht. Sie wurde Chronistin der Kreuzfahrerzeit.
Bitter dürfte Kaiser Alexios I. es 1097 bereut haben, dass er den Papst um Beistand für die östliche Christenheit im Kampf gegen die Seldschuken gebeten hatte. Denn nun standen sie zu Hunderttausenden vor Konstantinopel, die "riesigen Heere der Franken", wie seine Tochter Anna Komnena in ihrer Chronik "Alexias" berichtet. Und sie dachten gar nicht daran, sich dem Landesherrn zu unterwerfen.
Für Anna Komnena waren die rohen Gesellen, deren "Unwiderstehlichkeit" im Kampf Alexios fürchtete und deren Wankelmut und Geldgier er verachtete, bloße Barbaren. Ihren Vater hingegen, den Kaiser, glorifizierte sie in ihrem Werk, verdrehte sogar die eine oder andere historische Tatsache; ohne ihn, behauptete sie, hätte der Kreuzzug den Untergang Konstantinopels und des gesamten Reichs bedeutet. Überraschend eigentlich, denn sie selbst hatte unter den Entscheidungen des großen Alexios gelitten.
Als Erstgeborene war sie früh auf ein Leben als Kaiserin vorbereitet worden; ihr zukünftiger Ehemann sollte einst den Thron von Byzanz besteigen. Doch die Geburt des Bruders Johannes machte den Plänen ein Ende: Nun wollte Alexios lieber seinen Sohn als Nachfolger. Immer wieder drängte Anna ihren Vater, diese Entscheidung zu revidieren, vergebens. Schließlich zettelte sie gar eine Verschwörung gegen den eigenen Bruder an, um ihren Gatten zum Thronprätendenten zu machen. Doch der Plan scheiterte schon daran, dass dieser, der gutmütige Nikephoros Bryennios, gar keine Herrscherambitionen hegte.
Welch eine Frustration für die ehrgeizige und hochintelligente Prinzessin, die zu Beginn ihrer Chronik voller Stolz auf ihre Studien der Literatur, Rhetorik, Philosophie und der Naturwissenschaften hinweist. "Wäre doch nur ich als Mann und mein Gatte als Frau geboren worden", soll sie geflucht haben. Sie wurde in ein Kloster im Nordwesten Konstantinopels verbannt und widmete sich fortan der Schriftstellerei.
Wohl elf Jahre brauchte sie für ihre "Alexias", ein literarisches Geschichtswerk in 15 Büchern, in dem sie das Leben ihres Vaters vom Beginn seiner militärischen Laufbahn bis zu seinem Tod erzählt. Als Grundlage nahm sie Aufzeichnungen ihres Mannes. Vom Groll über ihre Isolation ließ sie sich dabei als gute Tochter nichts anmerken; das Werk stellte ihren Vater als strahlenden Helden dar. Besonders deutlich wird das in den Kapiteln, die von der Ankunft der Kreuzfahrer berichten.
Alexios I. glänzt darin als genialer Taktiker und selbstloser Retter des Reichs, während die Kreuzfahrer als ungebildete Horden dastehen, die sich Teile des ehrwürdigen Imperiums aneignen wollen. Das stimmte auch oft genug: Neben der Aussicht auf Seelenheil lockte sie auch die auf Beute und vor allem Land - Land, das inzwischen zwar muslimisch beherrscht war, aber weiterhin von Byzanz beansprucht wurde. Erst wenige Jahre zuvor hatten die Normannen unter Bohemund und dessen Vater Robert Guiskard bei Dyrrhachion gegen Alexios gekämpft. Kein Wunder, dass Anna in ihrer "Alexias" Bohemund zum größten Gegenspieler ihres Vaters stilisiert.
Zwischen Juni 1096 und dem Frühling 1097 trafen die Fürsten und Ritter aus dem Abendland nach und nach in Byzanz ein. Anna verkürzt diese Frist in ihrer Darstellung kurzerhand auf 15 Tage. Sie übertreibt die Größe der Heere stark und lässt den verhassten Bohemund als Letzten eintreffen. Dass ihr Vater, der Kaiser, beim Papst um Truppen gebeten hatte, unterschlägt sie komplett: Ihr Vater sei von den plötzlich herannahenden Kriegerscharen völlig überrascht worden.
Die "Kelten", wie Anna sie abschätzig nennt, wollten gar nicht ins Heilige Land, davon waren die Byzantiner überzeugt. Die bewaffnete Pilgerfahrt, zu der Papst Urban II. 1095 in Clermont aufgerufen hatte, betrachteten sie als Vorwand für einen Angriff auf Konstantinopel. Der Argwohn war berechtigt, denn ein Feldzug ohne Aussicht auf Eroberungen hätte viele Ritter kaum gereizt.
Anna Komnena unterstellt den Kreuzfahrern von Anfang an betrügerische Absichten. Und tatsächlich: Am Gründonnerstag 1097, so erzählt sie, hätten die Krieger "einen Versuch gegen die Mauern von Byzantion" unternommen und sich "im Vertrauen auf ihre große Zahl sogar erkühnt, an das unterhalb des Palastes gelegene Tor Feuer zu legen".
Mag dies auch erfunden sein - für Alexios stellte sich schon die heikle Frage, was er mit den gutgerüsteten Scharen anfangen sollte, die sich auf der europäischen Seite des Bosporus versammelten und seine Unterstützung im Kampf gegen die Heiden forderten. Er musste alles daransetzen, sie möglichst schnell in das nun seit 25 Jahren seldschukisch beherrschte Kleinasien zu schicken.
Um die eroberten Gebiete für Byzanz zu sichern, griff Alexios zu einer List: Er ließ die Kreuzritter Lehnseide schwören. Land oder Titel gab es dafür nicht, stattdessen versprach der Kaiser seine Unterstützung bei den Feldzügen. Ein Kreuzfahrer nach dem anderen ließ sich auf das fragwürdige Abkommen ein.
Zur ersten Belastungsprobe kam es bei der Belagerung von Nicäa. Die Stadt war 19 Jahre zuvor von den Seldschuken erobert worden; nun sollten die Kreuzfahrer sie für Byzanz zurückgewinnen. Hier hielten die Lehnsbündnisse noch. Nach der Aufgabe der Stadt blieben die byzantinischen Truppen vor den Toren, um zu verhindern, dass die beutehungrigen Normannen und Franken plünderten und brandschatzten. Alexios entlohnte die Ritter mit Gold und schickte sie weiter zur nächsten Schlacht, vor das ehrwürdige Antiochia.
Dort war es mit dem Bündnis, das von Beginn an wenig Begeisterung ausgelöst hatte, bald vorbei. Anna schreibt, der listige Normanne Bohemund habe Gerüchte gestreut, dass Alexios den Seldschukensultan im fernen Persien gewarnt habe, damit dieser Verstärkung gegen die Kreuzritter sende. Die Ritter schlossen daraus, dass der Kaiser sie endgültig im Stich gelassen habe. Prompt wendeten sich die Kreuzfahrer gegen die wenigen verbliebenen byzantinischen Truppen und zwangen diese zum Rückzug. Anna hingegen betont die "brennende Ungeduld" des Kaisers, den Franken zu Hilfe zu eilen - dummerweise hätten ihn "Plünderungen und Zerstörungen" an der kleinasiatischen Küste davon abgehalten.
Nun war der Bruch da und ließ sich nicht mehr heilen. Bohemund kündigte seinen Treueschwur auf und gründete in Antiochia ein eigenes Reich. Die Byzantiner ihrerseits verloren nie wieder ihr Misstrauen gegen die Ritter aus dem Westen, die so plötzlich die Kräfteverhältnisse im Vorderen Orient durcheinandergewirbelt hatten.
Anna Komnena, die ihr halbes Leben lang gehofft hatte, auf den Thron zu gelangen, ging zwar zu ihrer großen Enttäuschung nicht als Regentin in die Geschichte ein. Um ihre "Alexias" aber kommt, bei aller Subjektivität, bis heute kein Historiker herum, der sich mit dieser turbulenten Epoche beschäftigt.
So hat die Prinzessin letztlich vielleicht nachhaltigeren Ruhm erlangt, als wenn sie Kaisergemahlin geworden wäre. ■

MARGINALIE Rache des Pöbels

Dokument
Wie erbarmungslos das Volk von Konstantinopel einen gefallenen Machthaber behandeln konnte, zeigt das Ende von Andronikos I., der 1185 als letzter Komnene in einem Volksaufstand abgesetzt wurde. Niketas Choniates hat in seiner Chronik geschildert, was dann passierte:
Andronikos wurde also in den Anemasturm gebracht. Man legte um seinen früher so stolzen Nacken zwei schwere Ketten, an denen sonst die eisernen Halsbänder gefangener Löwen hingen, und schloss seine Füße in Fußeisen. So wurde er an die Öffentlichkeit gebracht und Kaiser Isaakios gegenübergestellt. Dieser gab ihn der allgemeinen Misshandlung preis. Man überschüttete ihn mit Schmähungen, hieb ihn mit Stöcken auf Kopf und Rücken, raufte ihn am Bart, schlug ihm die Zähne ein und riss ihm alle Haare aus. Sogar Frauen misshandelten ihn und schlugen mit der Faust auf seinen Mund, besonders solche, denen er den Gatten getötet oder geblendet hatte. Dann hieb man Andronikos mit einem Beil die rechte Hand ab und warf ihn wieder in das gleiche Gefängnis, ohne Essen, ohne Trank, ohne die geringste Pflege.
Nach einigen Tagen wurde ihm ein Auge ausgestochen. Dann setzte man ihn auf ein räudiges Kamel und führte ihn im Triumph auf dem Marktplatz herum. Die einen schlugen ihn mit Knütteln auf den Kopf, andere steckten ihm Mist in die Nase oder tauchten Schwämme in den Urin von Rindern und Menschen und drückten sie über seinem Gesicht aus; einige stachen ihn sogar mit Bratspießen zwischen die Rippen oder warfen schamlos mit Steinen nach ihm. So wurde Andronikos in das Hippodrom gebracht und mit einem Bastseil an den Füßen aufgehängt.
Trotz so vieler Leiden benahm sich Andronikos dem Grauenhaften gegenüber, das ihm widerfuhr, mannhaft und vornehm, er war auch noch bei vollem Bewusstsein. Selbst als Andronikos schon an den Füßen aufgehängt war, ließ der hirn- und herzlose Pöbel nicht von dem Vielduldenden ab; sie rissen Andronikos das Kleid herunter und misshandelten seine Zeugungsglieder. Ein ruchloser Kerl bohrte ihm ein langes Schwert durch den Schlund in die Eingeweide, und einige Lateiner trieben mit beiden Händen ein Krummschwert in seinen After, um zu schauen, wessen Waffe schärfer sei. Unter so vielen Drangsalen und Leiden gab Andronikos endlich qualvoll seinen Geist auf.
Von Charlotte Klein

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


SPIEGEL GESCHICHTE 1/2014
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:00

Humanoid-Roboter lernt turnen "Atlas" schafft Rückwärtssalto

  • Video "Neue Autos von Tesla: Tesla präsentiert Elektro-LKW und neuen Roadster" Video 00:47
    Neue Autos von Tesla: Tesla präsentiert Elektro-LKW und neuen Roadster
  • Video "Missbrauchsvorwürfe: Trumps verräterisches Schweigen im Fall Moore" Video 01:43
    Missbrauchsvorwürfe: Trumps verräterisches Schweigen im Fall Moore
  • Video "Überwachungskamera filmt Einbruch: Das Prinzip Selbstbedienungs-Restaurant" Video 01:02
    Überwachungskamera filmt Einbruch: Das Prinzip Selbstbedienungs-Restaurant
  • Video "Überwachungsvideo: Mit aller Gewalt ins Parkhaus" Video 00:52
    Überwachungsvideo: Mit aller Gewalt ins Parkhaus
  • Video "Deutscher Arzt im Jemen: Die meisten Verletzten sind Frauen und Kinder" Video 02:47
    Deutscher Arzt im Jemen: "Die meisten Verletzten sind Frauen und Kinder"
  • Video "130 Kilometer: Super-Stau in der Wüste Gobi" Video 01:22
    130 Kilometer: Super-Stau in der Wüste Gobi
  • Video "Überwachungsvideo: Triebwerk vs. Flughafenmitarbeiter" Video 00:37
    Überwachungsvideo: Triebwerk vs. Flughafenmitarbeiter
  • Video "Fliegendes Auto: Volvo-Mutterkonzern schluckt US-Startup" Video 00:48
    Fliegendes Auto: Volvo-Mutterkonzern schluckt US-Startup
  • Video "Filmstarts im Video: Superheldenviererpack" Video 07:29
    Filmstarts im Video: Superheldenviererpack
  • Video "Donald Trump: Eigenlob und eine Trinkpanne" Video 01:57
    Donald Trump: Eigenlob und eine Trinkpanne
  • Video "Kretschmanns Wutauftritt: Das geht mal gar nicht" Video 01:17
    Kretschmanns Wutauftritt: "Das geht mal gar nicht"
  • Video "Amateurvideo: Feuerball am Himmel über Süddeutschland" Video 00:39
    Amateurvideo: Feuerball am Himmel über Süddeutschland
  • Video "Kurz nach dem Start: Blitz trifft Boeing 777" Video 00:52
    Kurz nach dem Start: Blitz trifft Boeing 777
  • Video "Norwegen: LKW-Fahrer rettet Schuljunge das Leben" Video 00:41
    Norwegen: LKW-Fahrer rettet Schuljunge das Leben
  • Video "Alexander Dobrindts Jamaika-Querschüsse: Welchen Plan hat der Krawallbruder?" Video 03:30
    Alexander Dobrindts Jamaika-Querschüsse: Welchen Plan hat der "Krawallbruder"?
  • Video "Humanoid-Roboter lernt turnen: Atlas schafft Rückwärtssalto" Video 01:00
    Humanoid-Roboter lernt turnen: "Atlas" schafft Rückwärtssalto