27.05.2014

PorträtRoyalistischer Heißsporn

Während der preußische König den Revolutionären nachgab, hätte ein junger Abgeordneter beinahe Hochverrat begangen. Sein Name: Otto von Bismarck.
Die "erste Kunde von den Ereignissen des 18. und 19. März 1848" erhielt der Herr des Guts Schönhausen in der Altmark durch einige "Berliner Damen", die aus der Hauptstadt zu einem Gutsnachbarn geflüchtet waren. Sogleich sah der knapp 33-jährige Otto von Bismarck seine "nächste Aufgabe in der Befreiung des Königs, der in der Gewalt der Aufständischen sein sollte".
Als dann am 20. März auch noch Leute aus der nahen Stadt Tangermünde nach Schönhausen kamen und die Dörfler aufforderten, auf dem Kirchturm die schwarz-rot-goldene Fahne zu hissen, war der königstreue Gutsherr nicht mehr zu halten. Er, der Arbeitgeber und Richter seiner Bauern, "empfahl" diesen, "die Städter aus dem Dorfe zu treiben, was unter eifriger Beteiligung der Weiber besorgt wurde". Dann ließ er "eine in der Kirche vorhandne weiße Fahne mit schwarzem Kreuz, in Form des eisernen", auf die Turmspitze setzen.
Nun wollte der royalistische Heißsporn, wie er in seinen Memoiren ("Gedanken und Erinnerungen") festhielt, damit Ernst machen, "dem Könige nach Berlin zu Hilfe zu ziehen". Er "ermittelte, was an Gewehren und Schießbedarf im Dorfe vorhanden war, wobei etwa fünfzig bäuerliche Jagdgewehre zum Vorschein kamen"; er selbst habe "mit Einrechnung der altertümlichen einige zwanzig" besessen und "Pulver durch reitende Boten von Jerichow und Rathenow holen" lassen. Einem benachbarten Gutsherrn von liberaler Gesinnung, der nach Bismarcks Erzählung "abwiegeln" und den Abmarsch der Bauern verhindern wollte, drohte der selbst ernannte Retter Seiner Majestät: "Wenn Sie das tun, so schieße ich Sie nieder."
Zuzutrauen war es ihm. Bismarck war als "toller Junker" berüchtigt, als Säufer und Rabauke, der seine Beamtenkarriere durch Amouren und Spielsucht zerstört hatte. Zechkumpane, die auf seinem Hof nächtigten, weckte er schon mal mit Pistolenschüssen durchs geschlossene Fenster.
Politisch hatte sich Bismarck den Ruf eines Erzreaktionärs erworben. Nachdem er im Mai 1847 als Nachrücker in den preußischen Vereinigten Landtag eingezogen war, hatte er gleich in seiner ersten Rede bestritten, dass es bei den Befreiungskriegen gegen Napoleon auch um die Durchsetzung liberaler Reformen gegangen sei. Stolz hatte er nach der Auflösung der Versammlung einen Monat später seiner Braut berichtet, dass er "einigen Einfluss" auf die Abgeordneten "der sogenannten Hof-Parthei und der sonstigen Ultra-Conservativen" gewonnen habe.
Nun, im März 1848, wollte Bismarck die Gegenrevolution befeuern. Ohne sein bewaffnetes Landvolk fuhr er zunächst allein nach Potsdam. Aber die dortigen Offiziere, denen er seine Bauerntruppe zur Unterstützung einer militärischen Rückeroberung Berlins anbot, erwärmten sich nicht für den Plan. "Schicken Sie uns keine Bauern", beschied ihn General Karl Ludwig von Prittwitz, "haben Soldaten genug." Ohne ausdrücklichen Befehl des Königs, der praktisch ein Gefangener der Revolutionäre sei, könne er aber nicht angreifen.
Das brachte Bismarck nach eigenem Bekunden "auf den Gedanken, einen Befehl zum Handeln, der von einem unfreien Könige nicht zu erwarten war, von einer andern Seite zu beschaffen". Er war nun, so Bismarck-Biograf Lothar Gall, "entschlossen, sich an allen Bestrebungen zur Rettung der traditionellen monarchisch-aristokratischen Ordnung selbst gegen den gegenwärtigen Träger der Krone zu beteiligen".
Zu diesem Zweck suchte Bismarck am 23. März Prinzessin Augusta auf, die Ehefrau des Kronprinzen Wilhelm. Dieser Bruder des Königs hatte sich dafür ausgesprochen, die Revolution mit Kanonen niederzuschießen, und wurde deshalb "Kartätschenprinz" genannt. Jetzt befand er sich auf der Flucht nach England. Wie Augusta später berichtete, ersuchte Bismarck um die Erlaubnis, "sowohl den Namen des abwesenden Thronerben als auch seines Sohnes ... zu einer Contrerevolution zu benutzen, durch welche die bereits vollzogenen Maßregeln des Königs nicht anerkannt und dessen Berechtigung respektive Zurechnungsfähigkeit beanstandet werden sollte". Sie habe sich jedoch, schrieb Augusta ihrem Mann, Bismarcks "Ehrenwort" geben lassen, "dass weder Dein Name noch der unseres Sohnes bei einem solchen Reaktionsversuch kompromittiert werden würde".
So weit kam es erst gar nicht. Ebenso scheiterte Bismarcks Versuch, den Kommandanten der Magdeburger Garnison zu einer Offensive gegen die Aufständischen anzustacheln. Dessen Adjutant beschied ihn, laut Bismarcks Erinnerungen, er solle schnellstens abreisen, um sich "eine Unannehmlichkeit und dem alten General eine Lächerlichkeit zu ersparen"; der Kommandant habe vor, ihn "als Hochverräter festnehmen zu lassen".
Alle Rückeroberungspläne wurden ohnehin rasch hinfällig. Am 25. März kam der König nach Potsdam und erklärte den versammelten Offizieren: "Ich bin niemals freier und sichrer gewesen als unter dem Schutze meiner Bürger." Bismarck, der unter den Zuhörern war, bemerkte noch in seinen Erinnerungen bitter, dass sich bei diesen Worten "ein Murren und Aufstoßen von Säbelscheiden" erhoben habe, "wie es ein König von Preußen inmitten seiner Offiziere nie gehört haben wird und hoffentlich nie wieder hören wird". Die angeblichen Missfallensbekundungen sind nach Ansicht des Bismarck-Biografen Ernst Engelberg "wohl als Legende zu bewerten", von Bismarck erfunden in seinem Zorn über die vermeintliche Feigheit des Königs.
Doch als Anfang April der Vereinigte Landtag noch einmal einberufen wurde, nahm der junge Abgeordnete resignierend die Revolution als vollendete Tatsache hin. Die Vergangenheit sei "begraben", sagte er, und "keine menschliche Macht" sei imstande, "sie wieder zu erwecken, nachdem die Krone selbst die Erde auf ihren Sarg geworfen hat". Als der Landtag allerdings dem König für seine Bereitschaft dankte, eine Verfassung einzuführen, war Bismarck einer von zwei Abgeordneten, die dagegenstimmten.
Die Eskapaden im März 1848 blieben für die weitere Karriere des Junkers aus Schönhausen folgenlos. Friedrich Wilhelm IV., der von Bismarcks Intrige nichts wusste, lud ihn Anfang Juni sogar an seine Tafel in Schloss Sanssouci. Forsch erklärte der Gast, der Monarch hätte den Revolutionären niemals nachgeben dürfen. "Man ist immer klüger, wenn man vom Rathause kommt", erwiderte der König. Vorwürfe seien aber "nicht das Mittel, einen umgestürzten Thron wieder aufzurichten".
Das änderte zwar nichts an Bismarcks Urteil über Friedrich Wilhelm. Der sei, schrieb er später, ein "ganz schwankender Charakter" gewesen, man habe ihn "nicht bei einer Sache festhalten" können: "Wenn man fest zugriff, blieb nur eine Handvoll Schleim."
Aber Bismarck begleitete von nun an die Rückeroberung der königlichen Macht publizistisch. In der von Konservativen gegründeten "Neuen Preußischen Zeitung", die wegen des Eisernen Kreuzes im Titel bald allgemein "Kreuzzeitung" genannt wurde, verhöhnte er liberale Politiker. Seine Hoffnung, nach der Gegenrevolution im November 1848 mit einem Ministerposten belohnt zu werden, erfüllte sich jedoch nicht, da er selbst in konservativen Kreisen als zu extrem galt. Der König notierte auf einer Vorschlagsliste neben dem Namen des Junkers: "Nur zu gebrauchen, wenn das Bajonett schrankenlos waltet."
Bruder Wilhelm, der Friedrich Wilhelm IV. 1858 als Regent folgte, holte Bismarck 1862 dann aber sogar als preußischen Ministerpräsidenten. Der einstige "Kartätschenprinz" und spätere Kaiser Wilhelm I. ließ sich auch von seiner Gattin Augusta, die ihm empört die Ereignisse jenes Märztags schilderte, nicht umstimmen. Über Kaiserin Augusta schrieb Bismarck im Alter, sie habe ihm als Erzfeindin "mehr Schwierigkeiten bereitet als alle fremden Mächte und die gegnerischen Parteien im Lande".
Von Norbert F. Pötzl

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL GESCHICHTE 3/2014
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Kerber-Frust in Miami: "Größte Drama-Queen aller Zeiten"
  • Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt