29.07.2014

Nahaufnahme„Ein Schelm, der Böses dabei denkt“

Vor mehr als 650 Jahren gründete König Eduard III. den britischen Hosenbandorden. Die Queen beruft bis heute neue Ritter - und Ladies.
Jedes Jahr im Juni kleiden sich Queen Elizabeth II., ihr Sohn Prinz Charles und Enkel Prinz William in dunkelblaue Samtroben und Hüte mit weißen Straußenfedern. In einer feierlichen Prozession schreiten sie über das königliche Anwesen von Windsor zur Kapelle - es ist Garter Day. Alljährlich treffen sich an diesem Tag die Ritter des Hosenbandordens, darunter auch Mitglieder der königlichen Familie.
Mehr als 650 Jahre alt ist der "Order of the Garter", so der englische Name, den König Eduard III. 1348 gründete. Zu der Zeit hatte der Niedergang des kämpfenden Ritterstandes schon begonnen, sein Ethos aber war weiter angesehen. In Anlehnung an die geistlichen Orden bildeten sich so im Spätmittelalter höfische Ritterorden. Die genaue Entstehungsgeschichte des Hosenbandordens bleibt unklar, denn die Aufzeichnungen sind lückenhaft.
Schon 1344 soll Eduard angekündigt haben, die legendäre Tafelrunde des bewunderten König Artus aufleben zu lassen und einen runden Tisch von 300 Rittern einzuberufen.
Dabei verfolgte der Monarch ein recht pragmatisches Anliegen: Ritterorden dienten auch dazu, die Mitglieder an den Landesherrn zu binden. Und Eduard III. konnte die Unterstützung des Adels und der Ritterschaft gut gebrauchen. Englands Herrscher erhob Anspruch auf Frankreichs Thron und führte Krieg gegen die Franzosen. 1340 hatte er sich selbst zum französischen König erklärt. Im Sommer 1346 fügte er den französischen Streitkräften bei Crécy eine empfindliche Niederlage zu. Seine Langbogenschützen waren den mit Armbrüsten bewaffneten französischen Rittern weit überlegen.
Das Motto des Ordens "Honi soit qui mal y pense" ("Ein Schelm, der Böses dabei denkt") sowie das blaue Ordensband verbinden viele Forscher denn auch mit dem Streben nach der französischen Krone - blau ist die Grundfarbe des französischen Königswappens. Bei dem etwas anderen Ritterschlag wird Männern das blaue Band unterhalb des linken Knies, Frauen oberhalb des linken Ellenbogens umgebunden. Das mit einer Schnalle versehene Band interpretieren Historiker zudem als Symbol für die Riemen, die die Platten der Ritterrüstung zusammenhielten.
Wesentlich amüsanter liest sich die pikante Legende, die sich um den Hosenbandorden rankt: Auf einem Ball verliert Eduards angebliche Geliebte, Catherine Montacute, Gräfin von Salisbury, ihr Strumpfband. Der König hebt es auf, bindet es sich kurzerhand selbst ums Bein und ruft so Gelächter hervor. Oder amüsieren sich die Ballgäste über das verrutschte Kleid der Gräfin? Jedenfalls soll der Monarch auf die Witzeleien mit eben jenem "Honi soit qui mal y pense" geantwortet und sogleich kundgetan haben, er werde das Tragen des Bandes zu einer ehrenvollen Angelegenheit machen. Tatsächlich ist es das bis heute.
Der Hosenbandorden ist nicht nur der älteste der drei britischen Hoforden, er ist auch der exklusivste. Zwar ist die adelige Herkunft heute nicht mehr Voraussetzung für die Ernennung zum Ritter. So können auch Bürger, die sich um Land und Krone verdient gemacht haben, in den Orden berufen werden: Zuletzt ernannte die Queen eine frühere Generaldirektorin des britischen Geheimdienstes sowie den Ex-Präsidenten der Bank von England zu Hosenbandrittern. Auch Winston Churchill, der Mount-Everest-Bezwinger Edmund Hillary und Ex-Premier Margaret Thatcher gehörten dem Orden an.
Nach wie vor ist die Zahl der aktuellen Mitglieder jedoch streng reglementiert. Insgesamt 24 Männer und Frauen kann Elizabeth II. zum Knight oder zur Lady of the Garter ernennen. Hinzu kommen Mitglieder der königlichen Familie und ausländische Würdenträger. Diese Tradition wurde im Ersten Weltkrieg zum Problem: Eigentlich auf Lebenszeit zum Ritter ernannt, mussten etliche deutsche und österreichische Fürsten 1915 aus dem Ordensregister gestrichen werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verhalf der Vater der Queen, Georg VI., dem Orden, der inzwischen an Bedeutung verloren hatte, zu neuer Popularität. Seitdem kommen die Hosenbandritter wieder jedes Jahr zusammen, natürlich höchst exklusiv - Publikum und Kameras sind beim Ritterschlag nicht zugelassen.
Von Britta Kessing

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2014
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