29.07.2014

HintergrundEwiges Scheusal

Richard III. war gar nicht böse, glauben seine Fans. Seit unter einem Parkplatz seine Knochen gefunden wurden, sehen sie ihn rehabilitiert.
War es Intuition, unbegreifliches Glück oder gar ein Wink aus dem Jenseits? Jedenfalls reiste die schottische Amateurhistorikerin Philippa Langley vor einigen Jahren ins mittelenglische Leicester. Hier irgendwo sollte König Richard III., das Idol ihrer Forschungen, begraben sein. Und sie, so ihre Hoffnung, würde vielleicht diejenige sein, die seine Gebeine findet.
Philippa Langley schlenderte durch die alte Stadt - bis sie im Zentrum einen Parkplatz der Stadtverwaltung erreichte. Da durchfuhr sie, so schilderte sie den Moment später, urplötzlich die Gewissheit: Unter diesem Boden liegt Richard.
Im August 2012 kehrte sie zurück, diesmal mit einem Trupp Archäologen und Geld, das sie von Richard-Fans eingesammelt hatte. An der fraglichen Stelle am Parkplatz hatte jetzt jemand ein "R" gemalt für "reserved". Die Enthusiastin Langley deutete dies als weiteres Zeichen: "R" wie "Richard".
Die Mannschaft begann zu graben. Und so seltsam, wie das Leben bisweilen spielt, geschah es, dass sie gleich am ersten Tag und ziemlich genau unter dem "R" tatsächlich auf Knochen stießen. "Richard", sagt Philippa Langley feierlich, "war bereit, gefunden zu werden."
Forscher der University of Leicester bargen die Gebeine: Der Schädel wies Hiebverletzungen auf, wie sie der damals 32-jährige Richard III. bei der Schlacht von Bosworth erlitten haben könnte. Die Wirbelsäule war krankhaft gekrümmt, ein Makel, der Richard der Überlieferung zufolge tatsächlich plagte. Die Altersbestimmung, die Fundortforschung, vor allem aber die DNA-Analyse zeigen: Das Skelett ist "ohne Zweifel" der Überrest Richards, bestätigt Richard Buckley, Chefarchäologe der Universität.
Dort, wo man die Knochen fand, da ragte Ende des Mittelalters die Kirche eines Franziskanerklosters empor. Hier wurde Richard 1485 bestattet, nein, verscharrt: ohne Aufhebens, ohne Sarg. Seine Totengräber hatten es eilig. Sie hatten seine Leiche, die von Dolchstößen durchbohrt war, in ein Loch gepfercht und den nackten Körper nicht einmal ausgestreckt zur ewigen Ruhe.
Die hat nun, einstweilen zumindest, ein Ende: Richard III. ist wieder da, einer der berühmtesten und berüchtigtsten Könige Englands.
Zeitlebens war er in mörderischen Streit verstrickt. Posthum wurde dieser nur noch erbitterter geführt. Shakespeare nannte ihn ein Jahrhundert später die "bucklige Giftkröte" und machte ihn zum Inbegriff des Tyrannen auf dem Thron. In England ist dieser tote König bis heute gegenwärtig wie wenige andere. Selbst seine Knochen beschwören neuen Streit herauf.
Kaum war Richard 1452 geboren, brachen die Rosenkriege aus. Über Jahrzehnte stritt das Haus York mit dem Haus Lancaster um den englischen Thron. Dies war eine Art Familienfehde, denn beide Häuser gehörten zu Nebenlinien der Herrscherdynastie Plantagenet, aus der seit nahezu 300 Jahren alle englischen Könige hervorgegangen waren. Richard sollte das letzte gekrönte Haupt der noblen Sippe werden.
Das Haus York, dem er angehörte, hatte eine weiße Rose zum Wappen, Lancaster eine rote. Weniger blumig war, was die rivalisierenden Clans im Kampf um die Macht einander antaten: Nichts ließen sie unversucht, um die jeweiligen Konkurrenten der anderen Linie zu meucheln, hinterrücks oder auch in offener Feldschlacht. Nach und nach, Kopf für Kopf, gewann das Haus York die Oberhand. 1471 war auch der letzte männliche Thronanwärter aus der direkten Lancaster-Linie ermordet worden. Für eine Weile herrschte Frieden.
Dann aber starb 1483 auf Yorker Seite plötzlich König Eduard IV. Er hinterließ zwei Söhne, zwölf und neun Jahre alt. Deshalb wurde Richard, Bruder des Verstorbenen, zum Regenten bestellt, der bis zur Volljährigkeit des Thronfolgers regieren sollte. Doch offenbar fand Richard Gefallen an der Macht.
Der junge Thronerbe und sein Bruder wurden zunächst im Tower von London festgehalten. Dann machten Gerüchte die Runde, die Zweifel an ihrem Thronanspruch streuten. Kurz darauf setzte das Parlament Richard, offenbar auf dessen Betreiben, als rechtmäßigen König ein.
Seither steht Richard III. im Ruch, den Thron usurpiert zu haben. Niemand sah die Prinzen im Tower je wieder. Hat Richard tatsächlich die Neffen auf dem Gewissen? Manches spricht dafür - allerdings hatten auch andere Intriganten Motive, die beiden umzubringen. Der Kriminalfall um die verschwundenen Jünglinge gilt bis heute als ungeklärt.
Zwei Jahre nur war Richard König, und es war kein Honigschlecken. Immer musste er auf der Hut sein, viele trachteten ihm nach dem Leben. Erst starb sein junger Sohn, dann seine Frau; beide entgegen böswilliger Gerüchte wohl aber auf natürliche Weise. Und ihn selbst holte bald der letzte Akt der Rosenkriege ein. Heinrich Tudor, der im Exil in Frankreich lebte, besann sich auf seinen allenfalls entfernten Anspruch, anstelle des untergegangenen Hauses Lancaster den englischen Thron zu fordern.
Heinrich landete in Wales, scharte eine Armee um sich und zog mit 5000 Mann Richtung London. Nahe Leicester traf er zur Schicksalsschlacht auf die Truppen Richards. Dessen Übermacht nützte ihm nichts: Eine Hellebarde oder eine Streitaxt traf Richards Hinterkopf und riss ein faustgroßes Loch in seinen Schädel. Dies war das Ende der Plantagenets - und der Beginn der Tudor-Dynastie.
Shakespeare ließ später kein gutes Haar an Richard III. Er machte ihn zu einem der widerlichsten Bösewichte der Literaturgeschichte - hässlich, bucklig, mit verkümmertem Arm, ein Scheusal innerlich wie äußerlich, das sich ohne jeden Skrupel an die Macht mordet und im Blut watet. Dieses Bild prägt Richards Ruf bis heute.
Aber ist das fair? Seit 1924 kämpfen die Mitglieder der "Richard III.-Gesellschaft" für die Rehabilitation des Königs, den sie für einen modernen und gerechten Reformer halten und für ein Opfer der Tudor-Propaganda. Die neuen Herrscher, so glauben sie, wollten den besiegten Vorgänger als Monstrum diskreditieren, um so davon abzulenken, dass ihr eigener Thronanspruch fragwürdig war. Erst die Gut-gegen-Böse-Legende habe den Tudors zur politischen Legitimation verholfen.
Um Richards Ansehen zu rehabilitieren, finanziert die Gesellschaft heute Ausgrabungen und Studien. Ihre Mitglieder nennen sich "Ricardians", und angeblich gibt es Tausende von ihnen weltweit. Wie einem Fußballidol hält Richards Fanclub ihm treu die Stange.
Die Königsknochen vom Parkplatz sind für die Ricardians ein Geschenk des Himmels. Welche Genugtuung, als Mediziner belegten, dass der echte Richard keineswegs so bucklig war wie das Geschöpf Shakespeares. Er hatte nur eine durchschnittliche Skoliose, eine verformte Wirbelsäule, die eine Schulter höher stehen ließ als die andere.
Noch beglückender war für sie wohl der Moment, als die Ricardians endlich in das Antlitz des verehrten Königs blickten. Forscher hatten es in ihrem Auftrag anhand seines Schädels rekonstruiert. Ihr Richard sieht aus, wie die Fans ihn sich wünschen: warmherzig und nachdenklich.
Der Höhepunkt für viele Richard-Anhänger aber steht noch bevor. Sie können dabei sein, wenn ihr König feierlich neu beigesetzt wird, nur wenige Schritte vom Parkplatz entfernt. Im Frühjahr 2015 soll Richard in der Kathedrale von Leicester eine Grabstätte bekommen, die eines Monarchen würdig ist.
Um die Frage, wo seine Knochen hingehören, gab es bis zum Schluss bizarren Streit. Eine bis dahin unbekannte Gruppe von Richard-Freunden hatte verlangt, dass er nach York überführt werde, dem Stammsitz seiner Familie. Um ihre Forderung zu legitimieren, hatte die "Plantagenet Alliance" behauptet, sie bestehe aus Blutsverwandten Richards. Aus Pietätsgründen habe sie deshalb unbedingt ein Mitspracherecht. Es bedurfte eines höchstrichterlichen Urteils des High Court in London, um Richards Gebeine in Leicester zu halten.
Die Stadt freut sich. Für vier Millionen Pfund baut die klamme Kommune derzeit ein Besucherzentrum, wo unter anderem das Parkplatz-Grab und eine Nachbildung des royalen Skeletts zu bestaunen sein werden. Der böseschillernde König, so das Kalkül, könnte jedes Jahr mehr als 100 000 Touristen in seinen Bann ziehen.

Von Marco Evers

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2014
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