30.09.2014

„Der Feind steht rechts!“

Am Tag nach der Ermordung des liberalen Reichsaußenministers Walther Rathenau durch rechtsextreme Terroristen am 24. Juni 1922 in Berlin würdigte Reichskanzler Joseph Wirth im Reichstag den Getöteten in einer emotionalen Rede. Dabei wandte sich der liberale Politiker, Mitglied der katholischen Zentrumspartei, an die rechtsnationalistischen Abgeordneten, die er als Gegner der Demokratie brandmarkte.
"Ist es eine Schande, wenn wir mit jenem gemäßigten Teil des französischen Volkes, der die Probleme nicht nur unter dem Gesichtspunkt sieht: ,Wir sind die Sieger, wir treten die Boches nieder, heraus mit dem Säbel, Einmarsch ins Ruhrgebiet', wenn wir durch persönliche Beziehungen mit allen Teilen der benachbarten Nationen zu einer Besprechung der großen Probleme zu kommen suchen? Dr. Rathenau war wie kaum einer zu dieser Aufgabe berufen. Seine Sprachkenntnisse, die formvollendete Art seiner Darstellung machten ihn in erster Linie geeignet, an dieser Anknüpfung von Fäden zwischen den Völkern erfolgreich zu arbeiten. Wenn dann ein Mann wie Rathenau über trennende Grenzpfähle hinaus bei aller Betonung des Deutschen, seines Wertes für die Geschichte, seiner kulturellen Taten, seines Forschungstriebes, seines Wahrheitssuchens, die großen Probleme der Kulturentwicklung Europas und der Wirtschaft organisatorisch durch seine Arbeiten in allen Ländern, dann als Staatsmann im Auswärtigen Amt mit den reichen Gaben seines Geistes ... gefördert hat ... dann hat er damit dem deutschen Volke einen großen Dienst erwiesen ... Geduld ... wieder Geduld und nochmals Geduld und die Nerven angespannt und zusammengehalten auch in den Stunden, wo es persönlich und parteipolitisch angenehmer wäre sich in die Büsche zu drücken. In jeder Stunde ... Demokratie! Aber nicht Demokratie die auf den Tisch schlägt und sagt: Wir sind an der Macht! - nein, sondern jene Demokratie, die geduldig in jeder Lage für das eigene unglückliche Vaterland eine Förderung der Freiheit sucht! In diesem Sinne ... Mitarbeit! In diesem Sinne müssen alle Hände, muss jeder Mund sich regen, um endlich in Deutschland diese Atmosphäre des Mordes, des Zankes, der Vergiftung zu zerstören! Da steht ( Wirth dreht sich zu den Abgeordneten der Rechtsparteien -Red.) der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt - Da steht der Feind - und darüber ist kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!"

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2014
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