27.01.2015

SeitenblickDas Murren der Narren

Schon im Mittelalter gab es Menschen, die Gottes Existenz bezweifelten. Gebildeten aber galt das als Gipfel der Dummheit.
Friedrich II., bis 1250 römisch-deutscher Kaiser, ging als Atheist in die Geschichte ein. Moses, Christus und Mohammed - alle drei Religionsstifter hätten die Welt betrogen, soll er gelästert haben. Den intellektuell aufgeschlossenen Herrscher feierten Historiker als frühen Aufklärer. Friedrich Nietzsche lobte den "Atheisten und Kirchenfeind comme il faut" als einen "Nächstverwandten".
Die Verehrung hat jedoch einen Schönheitsfehler: Friedrich II. selbst hat seine angebliche blasphemische Äußerung energisch dementiert. Es war sein erbitterter Gegner Papst Gregor IX., der dem Kaiser den Ausspruch über die Religionsgründer vorhielt. Allerdings: Nicht einmal beim Versuch, den Kaiser abzusetzen, führte Rom die ungeheuerliche Aussage an - wohl, weil Beweise fehlten. Denn Friedrich II. zeigte durchaus fromme Züge: Er bedachte mehrere Klöster mit üppigen Spenden.
Dennoch wird Friedrich II. weiterhin als Ausnahmegeist in einer Epoche fragloser Gläubigkeit gehandelt. Der österreichische Mediävist Peter Dinzelbacher hat den Herrscher erst 2009 wieder als Freidenker auftreten lassen, in seinem Bändchen "Unglaube im 'Zeitalter des Glaubens'" - einer Sammlung saftiger mittelalterlicher Gotteslästereien.
Sogar manche Kleriker beschreibt Dinzelbacher als Renegaten, wie etwa den Kanoniker Giraldus Cambrensis, der um 1200 einem Priesterkollegen gegenüber zu Protokoll gab: "Das ist doch alles nur Täuschung, was wir da tun. Unsere Vorfahren haben sich das ja schlau ausgedacht, um den Menschen Angst einzujagen."
Tatsächlich drückt sich in vielen authentischen Zitaten deutliche Skepsis aus. Cambrensis bezog seine Kritik allerdings explizit auf kirchliche Dogmen. Dass beim Abendmahl aus Brot und Wein Leib und Blut Christi werde oder Maria ohne Geschlechtsverkehr schwanger geworden sei, konnte der Stiftsherr nicht glauben. Ob der fromme Mann aber die Existenz eines Gottes rundweg infrage stellte, bleibt offen.
Gab es im Mittelalter echte Atheisten? Die Konstanzer Religionsforscherin Dorothea Weltecke hat unlängst eine umfassende Studie erstellt, in der sie eine Fülle von Äußerungen über Unglauben zwischen 1100 und der Neuzeit akribisch seziert. Klare Belege für Atheismus fand sie indes nirgends.
Beliebte Beispiele vermeintlicher Gottesleugner, darunter der Graf von Soissons (1054 bis 1118), der in der Osternacht angeblich nur zur Kirche ging, um schöne Frauen zu begaffen, überzeugen Weltecke nicht. Keiner dieser Frevler habe sich selbst als ungläubig bezeichnet: Stets waren es Gegner, die die angebliche Gottlosigkeit genüsslich publik machten. Umgekehrt sieht Weltecke fehlende Belege nicht als Beweis dafür, dass es keinen Atheismus gab.
Tiefe Glaubenszweifel gab es jedenfalls. Und sie waren sogar viel weiter verbreitet als angenommen - allerdings vor allem bei einfachen Menschen. Aber mit welchen Begriffen lassen sich die Phänomene genau beschreiben? Atheismus, abgeleitet von "ohne Gott" (altgriechisch), ist ein Terminus der Neuzeit für die Überzeugung, dass es keinen Gott gibt. Der mittelalterliche Begriff "Unglauben", lateinisch "infidelitas", war dagegen vieldeutig. Als "Ungläubige" wurden auch Andersgläubige, etwa Muslime, bezeichnet. Vielfach diente die Zuschreibung auch der Stigmatisierung von Menschen, die unchristlich handelten. Und selbst dann, wenn jemandem Unglaube vorgeworfen wurde, weil er wirklich an Gott zweifelte, hieß das ja nicht, dass dieser die Existenz eines höheren Wesens komplett verneint hätte.
Die blanke Gottesverneinung hätte logischerweise die größte aller Sünden sein müssen. Tatsächlich aber zählte sie nicht einmal zu den sieben Hauptsünden. Nur einmal, nämlich in Giottos Fresken in Padua, taucht Unglaube als Laster auf. "Infidelitas" steht über der um 1305 gemalten Figur eines schweren Mannes am Gängelband einer antiken Göttin. Giottos Ungläubiger ist also in Wirklichkeit ein Götzenanbeter. Das Laster der Idolatrie galt als weiteste Entfernung vom Glauben an Gott - und nicht etwa dessen Leugnung.
Über die Idee, dass es vielleicht keinen Gott gibt, dachten Theologen im Mittelalter durchaus nach - etwa im Zusammenhang mit biblischen Stellen wie "Die Toren sagen in ihrem Herzen: ,Es gibt keinen Gott'" (Psalter 14). Doch genau wie in der Bibel wurde diese Vorstellung bis zur Neuzeit nicht als durchdachte Überzeugung, sondern als krankhafte Dummheit abgetan. Der Satz, dass kein Gott ist, sei im Mittelalter weder der Gipfel der Sünde noch der Radikalität gewesen, sondern der "Gipfel der Narretei", so Weltecke.
Altchristliche Psalmkommentatoren gingen davon aus, dass den Menschen die Kenntnis von Gott durch die Natur eingegeben sei. Man werde kaum jemanden treffen, der auch nur im Herzen denkt, es gebe Gott nicht, befand etwa der Kirchenvater Augustinus (354 bis 430). Jahrhunderte später waren es die Scholastiker, Anselm von Canterbury (1033 bis 1109) und Thomas von Aquin (1225 bis 1274), die die Narren-Frage nach Gottes Sein stellten - als Ausgangspunkt für Gottesbeweise.
Thomas etwa stellte die Vorstellung von Gott als etwas unendlich Gutem der unbezweifelbaren Tatsache gegenüber, dass es Böses auf der Welt gibt. Aus diesem Widerspruch scheine zu folgen, dass es Gott nicht gibt. Das aber widerlegt Thomas mit komplexen philosophischen Überlegungen, wobei der Verstand am Ende Gottes Existenz beweist. Dass die Scholastiker mit ihren klugen methodischen Zweifeln den Weg für den neuzeitlichen Atheismus bereiteten, war ein ungewollter Effekt.
Existenzielle Skepsis gegenüber dem himmlischen Hirten fand man vor allem bei den einfachen Menschen, den "Toren". Belege für Gotteszweifel findet Weltecke in der spirituellen Erbauungsliteratur zuhauf. Dauerthema darin war das "Murren" des Volkes, die Abkehr vom Glauben an den dreifaltigen Gott, ein theologisches Konstrukt, das ungebildete Menschen sowieso kaum verstanden. Gerade angesichts von Tod und Krankheit kamen da oft grundsätzliche Zweifel auf. Traktate über Traktate wurden verfasst, um Sterbende bei der Stange zu halten, denen der "boß (böse) geist ein murmelung wyder gottes gerechtigkeit eingibt", wie der Wiener Propst Stephan von Landskron festhielt.
Im frühen 13. Jahrhundert systematisierte der Dominikaner Guillaume Peyrault sogar das Übel des "murmur": Über Gott werde gemurrt aus Neid, Hochmut, Habgier, Ungeduld, aus Armut, Krankheit oder wegen schlechten Wetters. Oft wurden die Zweifler belächelt, etwa in der Geschichte über den Kranken, den der Priester damit tröstete, dass Gott gerade im Leiden seine Freundschaft zeige. Woraufhin der Kranke entgegnete, dann wundere ihn nicht, warum Gott so wenig Freunde habe.
Glaubenszweifel galten nicht zwangsläufig als Häresie, für die manche auf dem Scheiterhaufen landeten. Noch die heftigsten Anfechtungen konnten die Inquisitoren eher wie ein Leiden denn als Laster behandeln. Bezeichnend ist der Fall der Aude Fauré aus dem südfranzösischen Dorf Merviel: Neunmal vernimmt sie der Inquisitor im Jahr 1318. Aude, gibt eine Zeugin zu Protokoll, habe nicht einmal mehr beten können aufgrund ihrer tiefen Glaubenszweifel.
Dennoch wird Aude nicht verurteilt. Nachdem der Inquisitor sich gewissenhaft überzeugt hat, dass kein anderer der Frau die Skepsis eingeflüstert hat als sie sich selbst, legt er ihr eine Buße aus Beichten und Fasten auf. Das gelbe Ketzerkreuz aber bleibt der Zweiflerin erspart.
Von Annette Bruhns

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


SPIEGEL GESCHICHTE 1/2015
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Gorilla-Forscherin in Afrika: Immer schön Abstand halten!
  • Weihnachtsbraten: "Kann ich selber eine Gans schlachten?"
  • Unterwegs mit einem Jäger: Darum ist Wild das bessere Fleisch
  • Schülerrede auf dem UN-Klimagipfel: Wie eine 15-Jährige mit Politikern abrechnet