27.05.2015

Hüllenlos glücklich

An vielen DDR-Ufern fand der Sozialismus im Adamskostüm statt.
Wer um das Jahr 1953 bei sommerlichem Wetter in Bansin auf der Insel Usedom ans Wasser strebte, konnte dort ethnologische Feldforschung treiben: Ungeniert entledigten sich Bürger der jungen DDR als Strandgäste aller Kleidung; Zauderer in Badehose oder Bikini mussten mit flapsigen Bemerkungen rechnen.
Anfangs schauten die Sittenwächter nicht so genau hin – gab es doch eine Polizeiverordnung von 1942, die Nackten ihr Treiben gestattete, solange sie "von unbeteiligten Personen nicht gesehen werden" könnten. Als es dann aber in Ahrenshoop, dem beliebten Badeort auf der Ostsee-Halbinsel Darß, angeblich zu nie genauer beschriebenen "Ausschreitungen" gekommen war, wurden Neuankömmlinge vom Feriendienst des Kulturbundes ermahnt, man könne "das Nacktbaden nicht mehr gestatten". Am 14. August 1954 sprach die Regierung gar ein Verbot für die gesamte Ostseeküste und das Stettiner Haff aus.
Doch die Funktionäre hatten den Freiheitsdrang der Bürger unterschätzt. Scharenweise widersetzten sie sich dem Verhüllungszwang. Schon im Mai 1956 wurde eine neue "Anordnung zur Regelung des Freibadewesens" beschlossen. Sie erlaubte totale Ausgezogenheit an Orten, die "ausdrücklich von den zuständigen örtlichen Räten freigegeben und entsprechend gekennzeichnet" seien. Oder auch wenn, wie zu Führers Zeiten, "das Baden ohne Badebekleidung von unbeteiligten Personen nicht gesehen werden" konnte.
Damit begann eine Massenbewegung ungeahnten Ausmaßes. Immer größere Scharen von Urlaubern genossen Meer und Sonne barfuß bis zum Kinn und eroberten weite Areale an Küste und Binnenseen. Aus freizügigen "Kamerunfesten", wo man in Muschelketten und Kriegsbemalung gefeiert hatte, entwickelten sich die bis heute stattfindenden züchtigeren "Neptunfeste". Im ersten und einzigen Spezialreiseführer für DDR-Nackedeis wurden 1982 etwa 40 Ufer aufgelistet, wo Bikinis und Badehosen entbehrlich waren. Das nie gelockerte Verbot, Klubs zu gründen, war von Nudisten frühzeitig ausgehebelt worden, indem sie "Sportgemeinschaften" bildeten. Im Jahr der deutschen Vereinigung 1990 hatten zwei von drei DDR-Jugendlichen Erfahrung mit der Freikörperkultur.
Lässt sich der jahrzehntelange Boom als kleine Flucht vor dem Anpassungsdruck erklären, als "Ventilsitte", wie der Sozialforscher Konrad Weller vermutet hat? Volkskundlern genügt das nicht. Sie weisen darauf hin, dass in der DDR mit ein bisschen historischem Glück geläufig wurde, was schon um 1900 Naturapostel und Lebensreformer umgetrieben hatte. Stießen FKK-Fans in Westdeutschland auf mancherlei Vorbehalte, speziell von katholischer Warte, so mochten stolze Atheisten wie auch lebenslustige Lutheraner in unbedeckten Blößen kein Tabu sehen. Bis heute existieren im Osten Deutschlands einige sogenannte Sportvereine, in denen während der Sommermonate friedliche Laubenkolonisten ihre Textilfreiheit genießen.
Neue Mitglieder allerdings stießen nach der Wende nur noch selten hinzu. Ausgerechnet europäische und globale Freizügigkeit scheinen den Fortbestand der Nacktbadekultur zu bedrohen. Spätestens 2008 schüttelten polnische Spaziergänger am deutschen Strand über die Menge der FKK-Freunde den Kopf; seit Jahren beobachten Freizeitkundler europaweit unter Jüngeren eine Abkehr vom hüllenlosen Badevergnügen. Setzt der Trend sich fort, könnte die DDR bis auf Weiteres historischen Ausnahmerang beanspruchen: als Paradies der nackten Tatsachen.
Von Johannes Saltzwedel

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2015
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