28.07.2015

Hausmitteilung August

Am 6. August 1945, um 8.15 Uhr morgens, warf die Besatzung des US-Bombers "Enola Gay" ihre mörderische Fracht über Hiroshima ab, in 600 Meter Höhe explodierte die Atombombe. Rund 70 000 Menschen starben unmittelbar nach der Detonation, Zehntausende erlagen danach den Folgekrankheiten. Noch nie hatte der Mensch eine derart zerstörerische Waffe entwickelt, zum ersten Mal in seiner Geschichte ist er seitdem in der Lage, jegliche Zivilisation auszulöschen, ja, alles Leben zu vernichten. "Mit dem Einsatz der Atombombe am Ende des Zweiten Weltkriegs hat ein gänzlich neues Zeitalter begonnen", sagt SPIEGEL-Redakteur Joachim Mohr, der dieses Heft konzipiert hat .
Nun jährt sich der Schrecken von Hiroshima zum 70. Mal. Wieland Wagner, Korrespondent des SPIEGEL in Tokio, sprach mit einer der letzten Überlebenden (Seite 44). Daneben beschreiben die Autoren des vorliegenden Hefts, wie Wissenschaftler, darunter viele Nobelpreisträger, die tödlichste aller Waffen entwickelten. Wie die entfesselte nukleare Macht zum Kalten Krieg und einem bis dahin ungekannten Wettrüsten führte. Wie die Atombombe bis heute die internationale Politik bestimmt und welch immense Gefahr sie für unsere Zukunft darstellt. Und wie sie sogar, ganz nebenbei, die Filmgeschichte geprägt hat.
Die USA und Russland arbeiten derzeit an der Modernisierung ihrer Nuklearstreitkräfte, allein Washington will dafür in den nächsten zehn Jahren 350 Milliarden Dollar ausgeben. In beiden Ländern werden zudem Drohungen laut. Im März dachte ein hoher Beamter des Moskauer Außenministeriums laut über die Stationierung von Nuklearwaffen auf der Krim nach. Die Amerikaner wiederum modernisieren ihr Arsenal taktischer Atomwaffen in Europa grundlegend.
Um zu schildern, welche enormen Risiken von Atomwaffen ausgingen und in Zukunft ausgehen werden, gerade auch in Zeiten des internationalen Terrorismus, sprachen SPIEGEL-Redakteure mit den beiden Friedensnobelpreisträgern Michail Gorbatschow, dem ehemaligen Kremlchef, und Mohamed ElBaradei, dem früheren Inspektor der Internationalen Atomenergiebehörde. Das Interview mit Gorbatschow wäre fast gescheitert, weil der ehemalige Sowjetführer überraschend in eine Klinik musste. Gorbatschow war das Gespräch allerdings so wichtig, dass Fragen und Antworten dann eben schriftlich ausgetauscht wurden (Seite 100).
Der ehemalige deutsche Außenminister und Grünen-Politiker Joschka Fischer berichtet über seine Erinnerungen an die deutsche Friedensbewegung in den Achtzigerjahren. "Die Einseitigkeit, die westlichen Raketen zu verdammen, aber nicht die östlichen, das gab es natürlich. Aber zu diesen Leuten gehörte ich nie." Mit Blick auf die aktuelle politische Lage warnt Fischer vor einer weiteren Verbreitung von Atomwaffen und der Gefahr, die von Fanatikern ausgeht. "Ein echter Albtraum wäre doch vagabundierendes Nuklearmaterial, das in die Hände von Terroristen gelänge." Um die Welt davor zu schützen, brauche man Geheimdienste, glaubt Fischer. Auch die umstrittene technische Auslandsaufklärung der USA, die National Security Agency. "Ohne Nachrichtendienste geht es nicht", so die nüchterne Erkenntnis des grünen Realpolitikers (Seite 84).

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2015
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