28.07.2015

Der Pazifist und die Bombe

Albert Einstein und seine Angst vor Atomwaffen der Nazis: die Briefe des deutschen Physikers an den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt Von Kathrin Maas
Juli 1939. Zwei Männer sitzen auf der Veranda eines Ferienhauses im US-amerikanischen Örtchen Nassau Point auf Long Island. Es weht ein leichter Wind. Die Sommerhitze lässt sich gut aushalten. Einer der Männer hat weißes, zerzaustes Haar und zieht nachdenklich an seiner Pfeife. Der andere hält bedeutungsvoll ein Blatt Papier in der Hand.
Diese Szene, die 1946 für den Film "Atomic Bomb" nachgestellt wurde, zeigt Albert Einstein und seinen ungarischen Kollegen Leó Szilárd. Die beiden Physiker entwerfen darin jenen legendären Brief, in dem Einstein US-Präsident Franklin D. Roosevelt vor einer deutschen Atombombe warnte. Kaum etwas fürchtete der Vater der Relativitätstheorie mehr als eine Wunderwaffe in den Händen der Nazis – und dennoch bereute er später zutiefst, den Brief geschrieben zu haben.
Seitdem Einstein 1933 Nazi-deutschland endgültig den Rücken gekehrt hatte, forschte und lehrte er an der Princeton University im US-Bundesstaat New Jersey. Die rasanten Fortschritte in der Atomphysik hatte er nur am Rande verfolgt, bis zu jenem Tag, an dem Leó Szilárd in Begleitung eines jungen Kollegen in der Ferienidylle Long Islands auftauchte.
Die Besucher berichteten Einstein, dass es in naher Zukunft möglich sein werde, eine nukleare Kettenreaktion herbeizuführen. Der 60-jährige Professor begriff die Tragweite dieser Nachricht sofort und erklärte sich bereit, auf höchster Ebene vor der aufkommenden Gefahr zu warnen. Also formulierten die Wissenschaftler ein Schreiben an Präsident Roosevelt, das Einstein am 2. August 1939 unterzeichnete.
Einige neue wissenschaftliche Arbeiten würden nahelegen, "dass das Element Uran in absehbarer Zeit in eine neue wichtige Energiequelle verwandelt werden könnte", heißt es darin. Und: "Das neue Phänomen würde auch zum Bau von Bomben führen." Zu Sprengsätzen mit ungeheurer Explosionskraft, wie Einstein weiter ausführte.
Der Nobelpreisträger vermutete, dass deutsche Forscher alles daransetzen würden, eine so verheerende Waffe zu entwickeln. Und so riet er dem Präsidenten, die amerikanische Nuklearforschung in großem Umfang auszubauen, um den Deutschen zuvorzukommen. Gegen die Nazis waren dem sonst so leidenschaftlichen Pazifisten anscheinend alle Mittel recht, selbst die Atombombe.
Als Roosevelt den Brief im Oktober erhielt, setzte er umgehend eine Kommission ein, die allerdings nur über geringe Mittel verfügte und kaum etwas erreichte. Auf Drängen Szilárds schrieb Einstein deshalb ein zweites Mal an den Präsidenten. "Seit dem Ausbruch des Krieges besteht in Deutschland erhöhtes Interesse an Uran", warnte er am 7. März 1940 noch einmal eindringlich. "Ich habe jetzt gehört, dass die Forschungen in größter Verschwiegenheit fortgeführt werden und ... ausgedehnt worden sind."
Bis das gigantische amerikanische Atomprogramm tatsächlich anlief, verging noch über ein Jahr. Am Bau der Bombe war Einstein nicht beteiligt. Die amerikanische Bundespolizei FBI hielt ihn wohl auch wegen seiner zeitweiligen Sympathien für den Kommunismus für ein Sicherheitsrisiko und schloss ihn vom "Manhattan Projekt" (siehe Seite 12) aus.
Doch nach dem Krieg galt Einstein als der Mann, der die US-Nuklearforschung angestoßen und den Weg zur Atombombe mit geebnet hatte. Er selbst empfand eine tiefe Mitschuld, nachdem Deutschland – das einzige Ziel, das er für den Einsatz der Nuklearwaffe gebilligt hätte – kapituliert hatte. "Wenn ich gewusst hätte, dass es den Deutschen nicht gelingen würde, die Atombombe zu konstruieren, hätte ich mich von allem ferngehalten", erklärte er 1947 im Magazin "Newsweek". Und kurz vor seinem Tod 1955 sagte er: "Ich denke, ich habe einen Fehler in meinem Leben gemacht, jenen Brief unterschrieben zu haben."
In seinen letzten Lebensjahren engagierte sich Einstein mehr denn je für den Frieden und gegen das atomare Wettrüsten. ■
Von Kathrin Maas

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2015
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