28.07.2015

Die Liebe des Dr. Seltsam

Kaum ein Atomwissenschaftler war so umstritten wie der ungarisch-amerikanische Physiker Edward Teller. Er warb vehement für Massenvernichtungswaffen – und sah sich im Dienst des Weltfriedens. Von Hans-Ulrich Stoldt
Wer den kleinen Edward erlebte, der konnte wohl denken, das Kind sei etwas zurückgeblieben. Ganz rätselhaft, warum es nicht sprechen wollte und erst im Alter von drei Jahren erste Sätze formte.
"Mein Großvater nahm auch an, ich würde ein Idiot bleiben", erinnerte sich Edward Teller später. Da war er längst einer der weltweit bekanntesten und einflussreichsten Physiker, beteiligt am Bau der ersten Atombombe und Vordenker einer noch zerstörerischeren Waffe, der Wasserstoffbombe. Ein Mann, verehrt von US-Militärs und Kalten Kriegern, gehasst von Friedensbewegten und Abrüstungsfreunden.
Er habe als Kind nicht sprechen lernen wollen, weil seine Eltern ein deutsch-ungarisches Kauderwelsch pflegten, sagte Teller. "Es war mir klar, dass diese Erwachsenen keine Ahnung hatten, worüber sie sprachen. Sie bezeichneten denselben Gegenstand einmal so und ein andermal so. Das konnte man nicht verstehen."
Anders die Welt der Zahlen, da herrscht Klarheit, die ist vernünftig: "Das Einzige, was mich als Kind wirklich interessierte, war merkwürdigerweise die Mathematik." So rechnete er oft vor dem Einschlafen – wie viele Sekunden hat ein Tag, ein Monat, ein Jahr?
1908 wurde Edward Teller in Budapest als zweites Kind eines Rechtsanwalts und einer Pianistin geboren. Die jüdische, assimilierte Familie war recht wohlhabend, einem Studium des Nachwuchses stand nichts im Wege. Auf Drängen seines Vaters befasste sich Edward zunächst mit Chemie, wechselte dann aber bald zur Mathematik und Quantenmechanik.
Es folgten Studienjahre an verschiedenen deutschen Universitäten, bis er 1930 bei dem Physiker und späteren Nobelpreisträger Werner Heisenberg in Leipzig promovierte. Nach der Machtübernahme der Nazis in Deutschland 1933 emigrierte Teller – wie so viele andere jüdische Wissenschaftler auch – zunächst nach England, dann in die USA, wo er sich bald als herausragender Wissenschaftler profilierte.
So einer passte gut zum "Manhattan Project", in dessen Rahmen im amerikanischen Los Alamos die Atombombe konstruiert wurde. Teller trug seinen Teil zum Gelingen bei, und als am 16. Juli 1945 im Bundesstaat New Mexico ein erster Test stattfand, wollte er nicht fehlen. "Entgegen den Vorschriften blickte ich direkt in die Explosion", protokollierte er begeistert, "ich hatte eine Schweißer-Schutzbrille aufgesetzt, Sonnencreme aufgetragen und Handschuhe angezogen. Ich habe der Bestie ins Auge geschaut."
Drei Wochen später sollte die Bestie in Hiroshima und Nagasaki Zigtausende Menschenleben fordern.
Der Abwurf der Bomben auf die beiden japanischen Städte stürzte viele Forscher von Los Alamos in schwere Gewissensnöte. Die Entwicklung dieser schrecklichen Vernichtungswaffe sei ein Fehler gewesen, befand etwa Robert Oppenheimer, wissenschaftlicher Leiter des "Manhattan Project".
Edward Teller dachte ganz anders. Gewiss, Hiroshima sei fürchterlich gewesen, man hätte die Japaner vorher warnen, ihnen zeigen müssen, über welch gewaltige Kraft man verfügt. Das aber wäre Aufgabe der Politiker gewesen.
Von einer Verantwortung der gelehrten Ingenieure und Nuklearphysiker für ihr Tun wollte er nichts hören. Wissenschaft an sich sei wertfrei, argumentierte er, es komme eben immer darauf an, wer was mit den Ergebnissen anstellt. "Die Vorstellung – diese Forschung dient dem Frieden, die andere dem Krieg – ist total falsch." Die Wissenschaft gebe Wissen, und sie gebe mit dem Wissen verbundene Macht. "Es ist nicht die Sache der Wissenschaft, diese Macht richtig anzuwenden."
Doch seine eigene Arbeit war bald alles andere als frei von Werten und hatte durchaus ein politisches Ziel. In tief verwurzelter Angst vor Diktaturen wollte er mit allen militärischen Mitteln dem Westen die Vormacht sichern helfen. Nachdem die Sowjetunion 1949 in der kasachischen Steppe bei Semipalatinsk ihrerseits eine A-Bombe gezündet hatte, begann ein jahrzehntelanger Rüstungswettlauf zwischen den beiden Großmächten – und Edward Teller mühte sich sehr, dass die USA stets vorn lagen.
Er hatte sich längst einem neuen Forschungsprojekt zugewandt, der Wasserstoffbombe. "Superbombe" nannte er die zu entwickelnde Massenvernichtungswaffe, die auf der Basis thermonuklearer Verschmelzung (Fusion) funktionieren und ein Vielfaches der A-Bombenkraft entfalten sollte.
In Tellers Kollegenkreis sahen das viele skeptisch, vor allem Oppenheimer zählte zu seinen Gegnern. Nicht noch so eine Bestie, war ihr Argument gegen die H-Bombe, schlimm genug, den ersten Geist nicht wieder in die Flasche zurückzubekommen. Doch Teller konnte US-Präsident Harry Truman von der Notwendigkeit des Bombenprojekts überzeugen.
1952 gelang es den Vereinigten Staaten erstmals, im Pazifik einen Sprengsatz mit einer Zerstörungswirkung zu zünden, die alle bisherigen Explosionen in den Schatten stellte. Tellers Anteil an der Entwicklung dieser Massenvernichtungswaffe ist umstritten – "Vater der Wasserstoffbombe" wird er zwar oft genannt, andere Forscher trugen aber wohl mehr zum Gelingen des Projekts bei. Unbestritten ist indes Tellers hartnäckiges politisches Werben für die Bombe und weitere Rüstungsvorhaben. Sein Intimfeind Oppenheimer sollte ihm dabei nicht mehr in die Quere kommen.
Der wurde inzwischen wegen seiner gewachsenen Atomskrupel verdächtigt, sowjetischer Agent zu sein, und musste sich 1954 vor dem inquisitorischen "Komitee für unamerikanische Umtriebe" rechtfertigen.
Auch Teller war als Zeuge geladen, und einzig er belastete den früheren Gefährten. "Seine Handlungen erschienen mir offen gesagt konfus und kompliziert", sagte er aus, "es wäre klüger, ihm die Unbedenklichkeitsbescheinigung nicht zu gewähren." Das Komitee folgte Teller, und Oppenheimers wissenschaftliche Karriere war schwer beschädigt. Zu Geheimprojekten hatte er viele Jahre keinen Zugang mehr.
Beschädigt war aber auch Tellers Ansehen. Er galt in Kollegenkreisen fortan als Denunziant und skrupelloser Karrierist. "Selbst unter alten Freunden wurde ich praktisch zum Geächteten", klagte er später. Die Kernwaffenindustrie indes liebte ihn. Filmschaffende auch.
Mit seinen buschigen dunklen Augenbrauen und dem ungarischen Akzent gab Teller das wunderbare Zerrbild eines genialen, durchgeknallten Wissenschaftlers ab. Und dann zog er auch noch ein Bein nach! Ein Straßenbahnunfall hatte ihn als jungen Mann den rechten Fuß gekostet. Der Regisseur Stanley Kubrick dachte angeblich an Teller, als er 1964 die exzentrische und bizarre Figur des Wissenschaftlers Dr. Strangelove schuf: "Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben" war der Film auf Deutsch übertitelt.
Seltsam war er gewiss, der Doktor Teller, was er immer wieder mit abenteuerlichen und skurrilen Äußerungen zur Atomkraft unter Beweis stellte.
Etwa wenn er radioaktiven Niederschlag von Atombombenversuchen mit einem kräftigen Gewitterregen verglich und in diesem Zusammenhang auf angebliche Gefahren langer Beinkleider hinwies: "Auf die Sitte, dass Männer lange Hosen tragen, sind mindestens hundertmal so viele Mutationen zurückzuführen wie auf die jetzigen radioaktiven Niederschlagsmengen", behauptete er 1962. "Die Ursache ist die Temperaturerhöhung der Fortpflanzungsorgane bei langen Hosen."
Grandios verrückt auch die Erklärung eines Herzinfarktes, den er 1979 erlitt. Schuld daran sei nämlich die Schauspielerin Jane Fonda gewesen, sagte er. Anlass war der Kinofilm "Das China-Syndrom" über einen Atomstörfall mit Fonda als Hauptdarstellerin. Zufällig kam der Streifen knapp zwei Wochen vor dem Reaktorunfall bei Harrisburg 1979 in die Kinos, und Fonda startete daraufhin einen Propagandafeldzug gegen die Gefahren der Atomkraft.
Teller hielt mit Macht dagegen. Dabei habe er sich so verausgabt, dass sein Herz rebellierte, behauptete er. "Man könnte sagen, dass ich die einzige Person bin, deren Gesundheit durch den Reaktorunfall nahe Harrisburg beeinträchtigt wurde. Aber das wäre falsch. Es war nicht der Reaktor, sondern Jane Fonda. Kernreaktoren sind nicht gefährlich."
Derlei Sprüche machten ihn weltweit zum Feindbild von Kernkraftgegnern und Friedensbewegten. Seine Freunde saßen dagegen in der Atom- und Rüstungsindustrie. Und immer wieder gelang es ihm, amerikanische Präsidenten von der Notwendigkeit eines hochgerüsteten Abschreckungsarsenals zu überzeugen. So spielte er eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung des SDI-Programms von Ronald Reagan, eines weltraumgestützten Raketenabwehrsystems. "Ohne SDI wird der Westen nicht weiterleben", behauptete Teller – und irrte sich bekanntlich.
Abrüstungsbemühungen und vertrauensbildende Maßnahmen zwischen den Supermächten waren ihm ein Graus, und als Präsident George W. Bush 2001 den fast 30 Jahre geltenden ABM-Vertrag mit Russland zur Begrenzung von Raketenabwehrsystemen kündigte, war Teller des Lobes voll.
Bis zu seinem Tod im September 2003 pries er stattdessen die friedensstiftende Wirkung von Massenvernichtungswaffen: "Ich wurde oft gefragt, ob ich es bedaure, an Atom- und Wasserstoffbomben gearbeitet zu haben, meine Antwort lautet nein", sagte er und zeigte sich tief davon überzeugt. "Ohne die Existenz von Atombomben, ohne die Wichtigkeit der Physik in der Waffentechnologie hätten die Kommunisten den Kalten Krieg sicher gewonnen."
Von Hans-Ulrich Stoldt

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2015
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