28.07.2015

„Als wäre die Sonne vom Himmel gefallen“

Fumiko „Bun“ Hashizume, Überlebende des Atombombenabwurfs auf Hiroshima, über den Horror am 6. August 1945
SPIEGEL: Frau Hashizume, um 8.15 Uhr am Morgen explodierte die Atombombe. Wo waren Sie damals?
Hashizume: Ich war in der Postbehörde, im zweiten Stock, etwa anderthalb Kilometer vom Zentrum der Explosion entfernt. Ich war erst 14, ging noch zur Schule. Aber es war ja Krieg, und ich musste aushelfen, Formulare für Ein- und Auszahlungen bearbeiten. Ich stand neben einem großen Fenster. Da brach ein ungewöhnlich gleißender Lichtstrahl herein, wie ein Bündel aus roten, gelben, grünen Streifen. Das sah ich einen Augenblick lang. Es kam mir vor, als wäre die Sonne vom Himmel gefallen. Dann verlor ich das Bewusstsein.
SPIEGEL: Wann wachten Sie wieder auf?
Hashizume: Das kann ich nicht sagen. Ich lag an einem Pfeiler einige Meter vom Fenster entfernt. Die Druckwelle muss mich dorthin geschleudert haben. Das Gebäude war aus Beton und Stahl, es stand noch. Aber Tische und Stühle waren zerstört. Um mich herum war es stockdunkel. Viele Angestellte waren da, aber alle waren völlig still, keiner sprach ein Wort.
SPIEGEL: Waren Sie verletzt?
Hashizume: Ich spürte, wie etwas lauwarm von meinem Kopf herunterfloss. Das war Blut. Ich wollte aufstehen, da merkte ich, dass überall Glassplitter in meinem Körper steckten. Ich hatte ja neben dem Fenster gestanden.
SPIEGEL: Konnten Sie sich bewegen?
Hashizume: Ja, ich schaffte es aus eigener Kraft nach draußen. Im Treppenhaus musste ich über die Tochter der Putzfrau hinwegsteigen, ein niedliches Mädchen, vier Jahre alt. Sie lag auf den Stufen, aber sie lebte noch. Ihr Bauch war aufgeplatzt, die Eingeweide quollen heraus. Zahlreiche Angestellte kamen die Treppe herunter, sie sahen aus wie Gespenster, ihre Kleider waren zerfetzt.
SPIEGEL: Wie sah es draußen aus?
Hashizume: Darauf achtete ich erst nicht, ich war ja verletzt. Einige Leute, die mich mit meinem blutüberströmten Gesicht sahen, fingen an zu schreien. Eine Angestellte fasste mich unter die Arme und brachte mich zum Rot-Kreuz-Krankenhaus, das sich direkt neben der Post befand. Es stand noch, war aber fast zerstört. Dorthin strömten Verletzte. Viele waren im Freien von der Glutwelle erfasst worden, ihre Gesichter dunkelrot verbrannt, die Lippen dick aufgequollen. Die Haut hing ihnen in Fetzen vom Körper. Ob es sich um Männer handelte oder um Frauen oder wie alt sie waren, konnte ich nicht erkennen. Sie hatten jegliches menschliche Aussehen verloren.
SPIEGEL: Wie haben Sie diesen entsetzlichen Anblick ertragen?
Hashizume: Ich kam mir vor wie in einem schrecklichen Traum, ich fiel wieder in Ohnmacht. Als ich aufwachte, lag ich in dem Krankenhaus auf dem Fußboden, meine Begleiterin hatte mich dorthin geschleppt. Ich hatte keine Kraft, die Augen oder den Mund zu öffnen, schließlich hatte ich viel Blut verloren. Ich hörte, wie ein Arzt oder Sanitäter sagte: "Lassen Sie sie nicht einschlafen, sonst stirbt sie." Um mich wach zu halten, rief meine Begleiterin mich ständig beim Namen. Dann ertönte plötzlich Fliegeralarm, und sie zog mich in den Keller. Dorthin waren schon viele Verletzte geflüchtet, aber keiner schrie, dazu fehlte allen die Kraft.
SPIEGEL: Hatten Sie Schmerzen?
Hashizume: Nein, aber ich fühlte mich so schwach. Immerhin war ich wach, deshalb verließ mich meine Begleiterin, um nach ihrer Mutter zu suchen. Plötzlich breitete sich Feuer im Keller aus, alle flohen, nur ich blieb zurück. Rauch quoll herein, ich dachte, ich würde dort sterben. Da eilte eine Gestalt durch den Rauch und schrie: "Wenn hier noch jemand ist – flieht!" Diese Stimme gab mir die Kraft aufzustehen. Aber ich fühlte den Boden nicht, es war, als schwebte ich.
SPIEGEL: Und so retteten Sie sich ins Freie. Welcher Anblick bot sich dort?
Hashizume: Die Stadt war verschwunden. Die Häuser von Hiroshima ...
SPIEGEL: ... die meist aus Holz und leicht brennbar waren ...
Hashizume: ... standen nicht mehr da, alles war flach. Gegen Abend breitete sich überall Feuer aus. Die Welt war in Goldgelb getaucht. Flammen loderten empor, Funken regneten auf uns herab. Ein Junge spannte ein Laken auf, darunter verbrachten wir die Nacht und schützten uns vor den Funken. Unsere Oberkörper waren nackt. Meine Haare fingen an zu verschmoren, ich hörte, wie sie sich kräuselten. Um uns herum lagen die Verletzten, ich hörte das Stöhnen der Menschen, die im Sterben lagen. Alle verlangten nach Wasser. Der Junge – nur er konnte sich bewegen – füllte Wasser in einen Kessel und flößte es den Sterbenden in kleinen Schlucken ein. Er kam mir vor wie ein Gott.
SPIEGEL: Wie erging es Ihrer Familie?
Hashizume: Am nächsten Tag konnte ich wieder aufstehen. So begann ich, nach Hause zu gehen. Wir wohnten damals etwa drei Kilometer entfernt im Norden von Hiroshima. Als ich dort ankam, war unser Haus verschwunden. Aber, welch ein Wunder: Ich traf meine Mutter. Allerdings war sie schwer verletzt, denn sie war zum Zeitpunkt der Explosion in der Küche und dort offenbar von Töpfen und anderen herumfliegenden Gegenständen getroffen worden. Mein kleiner Bruder – er ging zur Grundschule, die neben unserem Haus lag – starb am Tag nach dem Bombenabwurf an seinen schweren Verbrennungen. Mein Vater wurde dagegen nur leicht verletzt. Als die Bombe explodierte, fuhr er Bus, etwa fünf Minuten vom Bahnhof Hiroshima entfernt. Der Bus befand sich gerade im Schatten eines großen Gebäudes, mein Vater hatte Glück.
SPIEGEL: Wie haben Sie in der ausgebrannten Stadt überlebt?
Hashizume: Wir hausten in einem Unterstand, den wir aus Trümmern gezimmert hatten. Wir waren 13 Menschen, meine Familie und einige Nachbarn, die ebenfalls überlebt hatten. Es gab nichts zu essen, wir bekamen keine Hilfsgüter, wir tranken Regenwasser. Erst Tage später, als das Gras wieder anfing zu wachsen, haben wir dann Gras gegessen.
SPIEGEL: Dabei hatte die Atombombe alles radioaktiv verstrahlt.
Hashizume: Damals wussten wir nichts von Verstrahlung. Niemand half uns. Etwa ein Jahr später bauten die Amerikaner ein Gebäude auf einem Berg hinter dem Bahnhof. Wir dachten zunächst, das sei ein Krankenhaus, wo man uns behandeln würde. Aber das war kein Krankenhaus. Dorthin haben sie uns Überlebende mitgenommen, uns Blut entnommen, geröntgt und verschiedene Untersuchungen vorgenommen. Sie haben die Folgen der Verstrahlung erforscht. Aber sie haben uns nicht behandelt.
SPIEGEL: In welcher Weise litten Sie unter den Folgen der Verstrahlung?
Hashizume: Eine Woche oder zehn Tage nach der Explosion bekam ich sehr hohes Fieber. Ich blutete aus Nase, Mund und wohl auch aus dem Unterleib. Dann bekam ich am ganzen Körper lila Flecken. Alles tat mir so weh, als würde ich zerbrechen.
SPIEGEL: Trotzdem sind Sie alt geworden.
Hashizume: Ja, aber ich habe stets unter Krankheiten gelitten. Ich musste wegen Darmkrebs operiert werden, und jetzt leide ich an Brustkrebs. Wenn ich mich leicht verletze, höre ich nicht mehr auf zu bluten. Als ich das erste meiner drei Kinder zur Welt brachte, verlor ich so viel Blut, dass ich fast gestorben wäre. Ich leide an chronischen Entzündungen der Schleimhäute. Meine Lippen waren in meinem Leben oft so stark vereitert, dass ich den Mund nicht öffnen konnte. Die Ärzte probierten viele neue Medikamente an mir aus, auf die ich teilweise heftig reagierte, einmal wäre ich fast gestorben.
SPIEGEL: Zu alldem kommen die traumatischen Erinnerungen an die Atombombe.
Hashizume: Immer wenn ich das Gebäude wiedersah, in dem ich verstrahlt wurde, wurde mir übel. Ich wollte vergessen. Aber ich kann nicht vergessen.
Interview: Wieland Wagner
Von Wieland Wagner

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2015
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