28.07.2015

Zeitzeugen„Ich bin nicht stolz“

Zwei Besatzungsmitglieder des US-Bombers „Enola Gay“ über den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima
Es war kurz nach Mitternacht am 6. August 1945, als die zwölfköpfige Besatzung des B-29-Bombers "Enola Gay" von der Insel Tinian im Pazifischen Ozean startete. Um 8.15 Uhr Ortszeit Hiroshima klinkte die Crew die knapp fünf Tonnen schwere Atombombe in 9470 Meter Höhe aus. Genau 44 Sekunden später explodierte sie in rund 600 Meter Höhe über der Innenstadt von Hiroshima.
Paul W. Tibbets war Pilot und Kommandeur auf diesem Flug, Theodore Van Kirk sein Navigator.
Tibbets gab 2003 dem SPIEGEL ein Interview über den Einsatz, Van Kirk 2005. Auszüge:
...

P ilot Paul W. Tibbets

SPIEGEL: General Tibbets, Sie haben im August 1945 die erste Atombombe in der Menschheitsgeschichte auf Hiroshima abgeworfen. Wie sind Sie zu diesem Auftrag gekommen?
Tibbets: Mitte September 1944 habe ich die Anweisung bekommen. Ich sollte eine Einheit zusammenstellen und den Abwurf von Atomwaffen trainieren. Die Ziele sollten zur gleichen Zeit Europa und Japan sein.
SPIEGEL: Europa hieß Deutschland. Wissen Sie, welche Städte in Deutschland in Betracht kamen?
Tibbets: Im Mai 1945 sollten die Ziele festgelegt werden. Da war der Krieg mit Deutschland aber schon vorbei. Also haben wir über Deutschland gar nicht weiter nachgedacht.
SPIEGEL: Wie lange dauerten die Vorbereitungen der Flüge?
Tibbets: Wir haben 15 Monate das Fliegen geübt und die Detonationen getestet. Die Bombe sollte rund 500 Meter über dem Erdboden explodieren, denn das war der Durchmesser des Feuerballs, und der Feuerball richtete mehr Schaden an als die Wucht der Explosion.
SPIEGEL: Was haben Sie von der Explosion unten in Hiroshima mitbekommen?
Tibbets: Wir haben nicht gesehen, was die Bombe anrichtete. Wir sahen eine schwarze kochende Wolke tief dort unten. Mehr kann ich nicht sagen.
SPIEGEL: Haben Sie sich danach moralische Fragen gestellt?
Tibbets: Als ich in Europa Bombeneinsätze flog, überkamen mich so lange Zweifel, bis ich mir sagte: Wenn ich mir solche Probleme zu eigen mache, werde ich ganz schön zu tun haben, sie zu kurieren. Ich habe sie dann nicht mehr zugelassen. Ich habe Aufträge erfüllt, die man mir gestellt hat. Nicht ich habe den Krieg angefangen.
SPIEGEL: Wie sehen Sie die Dinge im Nachhinein – waren die Bomben auf Japan gerechtfertigt?
Tibbets: Es stellte sich doch nur eine Frage: Handelt es sich eindeutig um militärische Ziele? Unsere Leute sagten Ja.
SPIEGEL: Und wenn Sie heute mit Ihren 88 Jahren zurückblicken auf die vielen Kriege in Ihrer Lebenszeit und natürlich vor allem auf den Zweiten Weltkrieg: Worüber machen Sie sich dann Gedanken?
Tibbets: Ich denke an den General William Tecumseh Sherman, der für den Norden im amerikanischen Bürger-krieg focht. Er sagte, Krieg sei die Hölle. Krieg ist Wahnsinn, und ich sähe es gern, wenn er abgeschafft würde, aber er wird es nicht. Es liegt in der selbstsüchtigen Natur des Menschen, dass er Kriege führen will. So denke ich jetzt darüber.
Tibbets wurde 1937 Soldat, ließ sich zum Piloten ausbil-den und machte schnell Karriere. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er bei Atomwaffentests und an der Entwicklung von Flugzeugen mit. Er war Kommandeur verschiedener Truppenteile der amerikanischen Luftwaffe und in den Sechzigerjahren Militärattaché in Indien. 1966 nahm er seinen Abschied und wechselte ins Management eines Unternehmens, das Flugzeuge an Firmen und Geschäftsleute vermietete. Paul W. Tibbets starb 2007 im Alter von 92 Jahren.
...

N avigator Theodore van Kirk

SPIEGEL: Major Van Kirk, vor 60 Jahren warf Ihre Crew die Atombombe über Hiroshima ab. Wie haben Sie den Tag in Erinnerung?
Van Kirk: Als harte, als sehr harte Arbeit. Wir wussten, dass dieses Mal alles ganz anders sein würde. Bei normalen Einsätzen flogen wir nach dem Ausklinken einfach weiter. Doch diesmal mussten wir so schnell wie möglich verschwinden, sonst wäre die Maschine zerstört worden.
SPIEGEL: Wussten Sie eigentlich, was Sie da abwarfen?
Van Kirk: Offiziell haben wir überhaupt nichts erfahren. Aber wer seinen Verstand beieinander hatte, wusste, was los war. Unsere Vorgesetzten haben uns gesagt, ihr werft eine Bombe ab, die eine ganze Stadt vernichtet. Überall auf unserem Stützpunkt Tinian liefen Nuklearphysiker herum.
SPIEGEL: Gab es besondere Anweisungen für den Flug?
Van Kirk: Wir erhielten Regeln für den Fall, dass wir über Japan abgeschossen würden: Seht zu, wie ihr durchkommt, ihr seid auf euch selbst gestellt. Viel später habe ich erfahren, dass Tibbets Zyankali-Kapseln für die gesamte Besatzung dabei hatte.
SPIEGEL: Was passierte, nachdem die Bombe explodiert war?
Van Kirk: Der Heckschütze konnte die Druckwelle sehen. Als sie das Flugzeug traf, wurde es hin- und hergeworfen. Einer von uns schrie, wir seien von der japanischen Flak getroffen worden.
SPIEGEL: Später gab es Berichte, Ihre Mannschaft sei enttäuscht gewesen, dass die Japaner nicht sofort kapitulierten.
Van Kirk: Ja, wir konnten zwar die Stadt nicht sehen, weil Staub und Qualm uns die Sicht nahmen. Aber wir hatten gespürt, welche Energie die Bombe entfaltete, und waren zu dem Schluss gekommen: Dieser Krieg ist vorbei. Jeder vernünftige Mensch hätte auf der Stelle bedingungslos kapituliert. Die Japaner aber haben versucht zu verbergen, dass eine ganze Stadt nicht mehr existierte. Es stand nichts in den Zeitungen.
SPIEGEL: Haben Sie Ihren Hiroshima-Einsatz je bereut?
Van Kirk: Ich bin nicht stolz auf all die Toten, aber wie sonst gewinnen Sie einen Krieg? Wenn man niemanden töten will, sollte man keinen Krieg anfangen. Ich glaube, Leute, die Krieg anfangen, sind verrückt. Wenn es aber so weit gekommen ist, gibt es nur einen Weg: Man muss verdammt sicher sein, dass man den Krieg gewinnt, und alle Möglichkeiten nutzen, um ihn so schnell wie möglich mit so wenig Opfern wie möglich zu beenden.
Van Kirk wurde 1941 Soldat und ließ sich zum Luftfahrt-Navigator ausbilden. 1946 verließ er das Militär als Major. Er studierte Chemietechnik und arbeitete anschließend 35 Jahre für das amerikanische Chemieunternehmen DuPont. Er starb 2014 im Alter von 93 Jahren.

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2015
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