28.07.2015

Die Welt am Abgrund

Die Kubakrise 1962 war der gefährlichste Augenblick des Kalten Krieges: Missverständnisse und Fehleinschätzungen brachten die Supermächte an den Rand einer atomaren Katastrophe. Von Klaus Wiegrefe
Das Steuart-Haus ist ein unauffälliges Bürogebäude in einem schäbigen Stadtteil Washingtons. Scherben liegen auf dem Gehweg, im Rinnstein gammeln Abfälle. Die wenigen Passanten blicken kurz auf, als ein gepanzerter Lastwagen der U. S. Navy vor der Eingangspforte hält. Ein Offizier öffnet die Hintertür des Lkw und nimmt einen kleinen Kasten mit Filmdosen heraus.
Im Innern des Hauses haben Geheimdienstler der CIA alles vorbereitet. Lupen mit besonderer Vergrößerungsstärke und Spezialstereoskope stehen bereit. In fieberhafter Eile machen sich Fotoexperten an ihre schwierige Arbeit.
Sie inspizieren Bilder, die mit einer Spezialkamera aus 22 Kilometer Höhe geschossen worden sind. Die Fachleute können auf den Tausenden Aufnahmen alles genau erkennen: die grünen Tabakfelder, die windschiefen Kasuarinen hinter den Stränden, die Bucht von Cojímar, von der aus Ernest Hemingway einst aufs Meer geblickt hatte – Trauminsel Kuba.
Bereits seit Wochen treffen dort Dutzende Frachter und Transportschiffe aus der Sowjetunion ein. Kubanische Militärs riegeln dann weiträumig die Entladehäfen ab, und Lastwagen rumpeln mit geheimnisvoller Fracht über die Insel. Warum?
Schon bald entdecken die Fotoanalytiker sechs lange, mit Zeltplanen bedeckte Objekte. Nervös blättern die Männer in den sogenannten schwarzen Büchern, die alles enthalten, was die Amerikaner über sowjetische Atomraketen wissen. Sie identifizieren die gefürchtete Mittelstreckenrakete SS-4.
Es ist der 15. Oktober 1962, und was nun beginnt, wird sich rasch zur gefährlichsten Konfrontation der beiden Supermächte im Kalten Krieg ausweiten: der Kubakrise. Denn die Amerikaner sind um keinen Preis bereit, die Raketen gleichsam vor ihrer Haustür zu akzeptieren.
Die Marine riegelt deshalb die Insel ab, und innerhalb weniger Tage sind die US-Streitkräfte nur noch eine Alarmstufe vom totalen Krieg entfernt, der wohl über hundert Millionen Menschen das Leben gekostet hätte.
"Ich fragte mich beim Anblick dieses herrlichen Sonnenuntergangs über dem Potomac, wie viele Sonnenuntergänge ich wohl noch sehen werde", erinnert sich der damalige Verteidigungsminister Robert McNamara an den Abend des 27. Oktober, den Höhepunkt der Krise. Zum Glück zog der mächtige Kreml-chef Nikita Chruschtschow die Raketen schließlich ab, gegen eine amerikanische Garantie, die Insel nicht anzugreifen.
Zu keinem Ereignis des Kalten Krieges sind so viele Papiere freigegeben und so viele Memoiren veröffentlicht worden. Briefe zwischen Castro und Chruschtschow, Mitschriften aus dem Präsidium im Kreml – so hieß das Politbüro damals –, die Spionageresultate der Geheimdienste aus Washington und Moskau, alles wohldokumentiert. Selbst die Tonbänder, die US-Präsident John F. Kennedy bei den streng abgeschirmten Beratungen im Weißen Haus heimlich mitlaufen ließ, liegen inzwischen fast vollständig abgeschrieben vor.
Und eines ist gewiss: Die Kubakrise war eine Abfolge von Irrtümern und Fehleinschätzungen auf beiden Seiten. Schon die Entscheidung Chruschtschows vom Mai 1962, vor der Küste Amerikas Atomraketen zu stationieren, beruhte auf falschen Prämissen. Im Jahr zuvor waren von der CIA unterstützte Exilkubaner in der Schweinebucht gelandet, um einen Aufstand gegen Fidel Castro zu initiieren. Dessen Soldaten bereiteten den Invasoren eine peinliche Niederlage, doch der Sowjetpremier glaubte danach, nun würde Washington einen Frontalangriff auf die Insel planen, und wollte die USA mit Atomraketen davon abschrecken: "Es gibt keinen anderen Weg, die kubanische Revolution zu beschützen."
Dabei zog Präsident Kennedy aus der Blamage seiner Kombattanten eine andere Schlussfolgerung. Er fürchtete, die Sowjets könnten Druck auf Westberlin ausüben, und lehnte deshalb einen erneuten Invasionsversuch ab.
Chruschtschows Plan sah vor, die Karibikinsel insgeheim in eine waffenstarrende Atomfestung zu verwandeln, indem er zur Abschreckung der Amerikaner 40 Startrampen für 60 SS-4- und SS-5-Mittelstreckenraketen – jede hundertmal so stark wie die Hiroshima-Bombe und teilweise mit Reichweiten bis San Francisco – installieren wollte. Darüber hinaus sollten 50 874 Soldaten, ausgerüstet mit 80 atomaren Marschflugkörpern und 18 weiteren Atomsprengköpfen, Castro den Rücken stärken.
Der Kremlchef nahm tatsächlich an, die US-Regierung werde den Aufmarsch akzeptieren. "Warum dürfen wir nicht das tun", rechtfertigte sich Chruschtschow, "was die Amerikaner auch tun? Schließlich sind wir auch von US-Militärbasen und US-Raketen umgeben."
Eine absurde Vorstellung, denn die US-Öffentlichkeit reagierte schon vorher hysterisch auf alles, was mit Castro zu tun hatte. Atomraketen der rivalisierenden Weltmacht auf Kuba hinzunehmen wäre für jeden amerikanischen Präsidenten einem politischen Selbstmord gleichgekommen.
Im Sommer 1962 zog die sowjetische Flotte Schiffe aus allen Erdteilen zusammen. Für zivile Lieferungen nach Kuba heuerten die Russen sogar Schiffe im Westen an. Immerhin 183-mal stampften die Kähne der Sowjetarmada Richtung Westen. Um Agrarhilfe für kubanische Genossen vorzutäuschen, standen auf den Decks meist Trecker und Lastwagen. Und zunächst erwies sich diese Tarnung auch als erfolgreich. Doch dann häuften sich in Washington Hinweise, und Kennedy ließ seinen Pressesprecher eine ernste Warnung formulieren. Gefährde der kommunistische Aufmarsch die Sicherheit der USA, "werden wir tun, was notwendig ist".
Der Präsident übersah allerdings die Möglichkeit, dass bereits Raketen auf der Insel stationiert sein könnten. "Niemand", räumte später sein Sicherheitsberater McGeorge Bundy ein, habe das bedacht – und auch Chruschtschow hatte keinen Plan B für den Fall, dass die Raketen entdeckt würden, bevor sie einsatzbereit waren. Die gefährlichste Konfrontation des Kalten Krieges ließ sich nicht mehr aufhalten.

Sonntag, 14. Oktober 1962

Im Morgengrauen zieht Richard Heyser, Major der US-Luftwaffe, sein U-2-Spionageflugzeug über die enge Floridastraße Richtung Kuba. Im Bauch der Maschine surrt die 90-mm-Spezialkamera, ein Wunderwerk amerikanischer Technik. Bereits 48 Stunden nach Rückkehr des Piloten hängen die vergrößerten Aufnahmen der Raketenbasen auf einem Ständer im Kabinettssaal des Weißen Hauses.
"Diese verdammten russischen Hurensöhne", erregt sich der Justizminister Robert Kennedy, Bruder des Präsidenten.

Dienstag, 16. Oktober, Washington, Weißes Haus

John F. Kennedy berät sich mit seinem Krisenstab, dem Executive Committee (ExComm), das aus den Ministern für Äußeres und Verteidigung und deren Stellvertretern, dem Vorsitzenden der Stabschefs, Russlandexperten und Geheimdienstlern besteht. Unauffällig drückt der Präsident auf einen Knopf und aktiviert damit die beiden Mikrofone in der Wand des Kabinettssaals. Nur eine Sekretärin weiß, dass Spezialisten vom Secret Service in seinem Auftrag den Raum verwanzt haben.
Er wendet sich an einen Fotoanalytiker der CIA:
"Woher wissen Sie, dass es sich um ballistische Mittelstreckenraketen handelt?"
"Die Länge, Sir."
"Die was? Die Länge?"
"Die Länge der Rakete. Ja."
Kennedy schlägt sich anfangs auf die Seite der Falken, die alle weichen Varianten verwerfen. Eine Blockade Kubas, um den Transport weiterer Raketen auf die Insel zu verhindern? Die Russen könnten sie mithilfe von U-Booten umgehen. Ein Ultimatum, um Chruschtschow zum Abzug der Raketen zu zwingen? "Wir können ihnen nicht drohen, dass wir in vier Tagen ihre Raketenstellungen vernichten. Dann werden sie ankündigen, die Raketen in drei Tagen abzuschießen."
Der Präsident sieht am Ende nur die Möglichkeit, einen Luftangriff auf die Raketenbasen zu starten: "Wir werden sie auslöschen." Als unerlässliche Vorbereitungszeit werden drei bis vier Tage veranschlagt.
Drei bis vier Tage – hängt daran das Schicksal der Welt?
Die CIA-Experten nehmen an, die Raketen seien noch nicht einsatzbereit. Doch in Wahrheit sind die Sowjets schon jetzt in der Lage, Washington, Dallas oder St. Louis mit einem Schlag zu vernichten. Gäbe Kennedy den Befehl zum Angriff, wäre ein Atomkrieg fast unvermeidbar.
Ausgerechnet McNamara, der wenige Jahre danach Tausende Amerikaner in Vietnam in den Tod schicken wird, erweist sich als umsichtiger Diplomat. Immer wieder mahnt der Ex-Ford-Manager mit der randlosen Intellektuellenbrille: "Ich glaube nicht, dass wir die Konsequenzen unserer Aktionen ausreichend durchdacht haben."
Ob die Raketen der UdSSR die strategische Balance zwischen den Supermächten verändern, wird der Verteidigungsminister im ExComm gefragt. "Überhaupt nicht", lautet die verblüffende Antwort. Im Atomzeitalter spiele es keine Rolle, ob Miami von einer Interkontinentalrakete aus der Sowjetunion oder von einer Mittelstreckenrakete aus Kuba zerstört werde.
Und auch Kennedy sieht das so. Doch er glaubt, sich ein Nachgeben nicht leisten zu können. Dann werde Moskau als Nächstes die US-Garantie für den Westteil Berlins austesten. Dabei spielt der ewige Krisenherd in Deutschland für Chruschtschow eine untergeordnete Rolle.

Donnerstag, 18. Oktober, Washington, Weißes Haus

Moskaus Außenminister Andrej Gromyko kommt zu Besuch. Da er die Raketen auf Kuba immer noch unentdeckt glaubt, sitzen der miesepetrige Weißrusse und der sonst so charmante US-Präsident mehr als zwei Stunden im Oval Office zusammen und belauern einander. Kennedy muss sich arg zusammennehmen, um seinem Gast nicht die Belege auf den Tisch zu knallen, die in seinem Schreibtisch liegen.
Keine zehn Minuten nach der Visite Gromykos entlädt sich des Präsidenten Empörung vor Mitgliedern des ExComm: "Dieser Lügenbastard."
In der Beraterrunde hat sich die Stimmung gedreht. Die Mahnung des Vizeaußenministers George Ball, der an den japanischen Überfall auf Pearl Harbor 1941 erinnert, wirkt. Für den Angriff aus heiterem Himmel hatten die Amerikaner 1945 japanischen Offizieren den Prozess gemacht – und nun sollten sie Kuba ebenfalls ohne jede Vorwarnung bombardieren? "So ein Verhalten", urteilt Ball mit scharfer Stimme, "erwartet man von der Sowjetunion, aber nicht von den Vereinigten Staaten."
Die Mehrheit der Berater will es mit einer Blockade der Insel versuchen. Kennedy freilich zögert, er will Vorschläge für alle denkbaren Optionen. Abgabetermin: Sonnabend.

Samstag, 20. Oktober, Washington, Weißes Haus

Als Präsident Kennedy im Weißen Haus eintrifft, liegt dort bereits ein Eilbericht der CIA vor. Gerade noch rechtzeitig haben die Geheimdienstler bemerkt, dass acht der stationierten sowjetischen Raketen einsatzbereit sind. Schon in der ersten Sitzung des Executive Committee hatte John F. Kennedy einen Angriff für diesen Fall als zu risikoreich abgelehnt.
Bis auf die Militärs und Sicherheitsberater Bundy sind nun alle dafür, mit einer Blockade Kubas zu beginnen. Ausschließlich Schiffe, deren Ladung in jeder Hinsicht unverdächtig ist, sollen passieren dürfen. Am darauffolgenden Montag, so beschließt der Präsident, wolle er seine Entscheidung verkünden und zugleich der Weltöffentlichkeit die Existenz der Raketen offenbaren.
Eines ist freilich auch klar: Wenn die Russen die Raketen nicht abziehen, wird Kennedy vor einem Angriff nicht zurückschrecken.

Montag, 22. Oktober, Moskau, Leninhügel-Chaussee 40

Von seinem abendlichen Spaziergang wird Nikita Chruschtschow ans Telefon gerufen. In Washington, erfährt er nun, wurde eine wichtige Rede des Präsidenten angekündigt. "Wahrscheinlich", folgert er, "haben sie unsere Raketen entdeckt."
Der Kremlchef lässt sich sofort in seine Regierungszentrale fahren. Augenzeugen berichten später, der Sowjetführer sei ängstlich gewesen. "Wir wollen keinen Krieg, sondern die Anti-Castro-Kräfte von einem Angriff auf Kuba abschrecken."
Es ist weit nach Mitternacht Moskauer Zeit, als der Text von Kennedys Fernsehrede eintrifft. Die UdSSR, so trägt der Präsident der Weltöffentlichkeit vor, stationiere Atomraketen auf Kuba. Die USA würden deshalb eine Quarantäne verhängen, wirksam ab Mittwoch, 10 Uhr. Jedes Schiff, das sich danach der Insel nähere, werde von der Marine inspiziert und notfalls an der Weiterfahrt gehindert, wenn es Waffen transportiere.
Die Enthüllung der Stationierung macht aus der bis dahin geheim gehaltenen Krise einen öffentlichen Atompoker der Supermächte, der Millionen Menschen in Ost und West von Stund an tagelang in Panikstimmung versetzt.
Chruschtschow schickt sofort ein empörtes Schreiben an Kennedy und ruft die Streitkräfte des Warschauer Pakts zu "erhöhter Gefechtsbereitschaft" auf. Seine 280 Tonnen schweren SS-6-Atomraketen stehen in der Sowjetunion bereits betankt auf ihren Startrampen.
23 Schiffe nähern sich unterdessen der Quarantänelinie, darunter die "Alexandrowsk", beladen mit 68 Atomsprengköpfen, und 4 andere Frachter mit Raketenteilen an Bord. Die "Alexandrowsk" soll Kuba nach dem Willen Chruschtschows unbedingt erreichen, während er alle anderen zurückbeordert. Nur – kommen seine Befehle noch rechtzeitig an? Die Besatzungen haben schließlich Anweisung, ihre Schiffe zu verteidigen.

Dienstag, 23. Oktober, Washington, Sowjetische Botschaft

Kurz nach 21 Uhr fährt eine dunkle Limousine vor, auf dem Rücksitz Robert Kennedy. Über seinen Besucher berichtet Botschafter Anatoli Dobrynin später, dieser sei oft ziemlich "unangenehm" geworden. So auch jetzt: "Sie haben den Präsidenten betrogen!"
Aber Kennedy, Vater von sieben Kindern, lässt auch seine tiefe Besorgnis durchblicken. Was kann man den Russen anbieten, damit sie ihre Raketen abziehen? Dobrynin hat freilich keine Direktiven aus Moskau. Mit ihm, das wird Kennedy rasch deutlich, machen Verhandlungen keinen Sinn.
So steht er schon in der Tür, als er zum Abschied eine letzte Frage stellt: "Können Sie mir sagen, welche Anweisungen die Kapitäne auf den sowjetischen Schiffen haben?" Der Moskauer Repräsentant hat noch keine Ahnung davon, dass Chruschtschow die Schiffe stoppen will. "Nach meiner Kenntnis", sagt er deshalb, "haben unsere Kapitäne Anweisung, Kurs auf Kuba zu halten." Robert Kennedy schüttelt da fast schon resigniert den Kopf: "Ich weiß nicht, wie das enden wird."

Mittwoch, 24. Oktober, Fort Meade, Maryland

An diesem Morgen arbeiten die Spezialisten des größten Abhördienstes der Welt, der National Security Agency (NSA), auf Hochtouren. Seit mehreren Stunden registrieren sie anschwellenden Funkverkehr zwischen Moskau und den Schiffen, die sich der "Walnusslinie" nähern.
So nennen die Amerikaner die Quarantänelinie 900 Kilometer östlich von Castros Insel. Eine beeindruckende Armada hat die U. S. Navy dort zusammengezogen: 22 Zerstörer, zwei Kreuzer, einen Flugzeugträger und mehrere Fregatten. Darunter auch Lenkwaffenzerstörer mit taktischen Atomwaffen. Die Befehlslage ist eindeutig. Wird ein Schiff der U. S. Navy angegriffen, darf es alle Waffen an Bord einsetzen.
Zum Glück für die Welt hat die "Alexandrowsk" mit ihren Atomsprengköpfen bereits einige Stunden vor Beginn der Blockade Kuba erreicht.
Es ist die Ahnungslosigkeit, von der die größte Gefahr ausgeht. Die Amerikaner wissen zwar, dass sich vier sowjetische U-Boote der Karibikinsel nähern, ahnen jedoch nicht, dass jedes einen Torpedo mit einem Atomsprengkopf an Bord hat.
In den U-Booten herrschen schreckliche Zustände. Weil Sauerstoff knapp ist, fallen Matrosen in Ohnmacht. Die Temperatur beträgt über 50 Grad, und das Trinkwasser ist auf täglich gerade mal einen viertel Liter pro Kopf reduziert.
Offiziell dürfen die Kapitäne nur auf Anweisung aus Moskau feuern. Doch oft ist der Funkverkehr unterbrochen, und besondere Sicherungsmaßnahmen für den Nukleartorpedo gibt es nicht.
Die atomar bewaffneten U-Boot-Jäger der U. S. Navy wollen die Eindringlinge aus der Karibik vertreiben. Die Amerikaner werfen Wasserbomben, um den sowjetischen U-Booten zu signalisieren, dass man sie entdeckt hat und sie auftauchen sollen. Drei der U-Boote müssen schließlich hochkommen, weil die Elektroakkus leer sind.

Mittwoch, 24. Oktober, Washington, Weißes Haus, vormittags

Die Stückgutfrachter "Gagarin" und "Komiles" nähern sich als Erste der "Walnusslinie". Gegen Mittag sollen sie geentert und durchsucht werden. Da meldet sich CIA-Chef John McCone bei Kennedy: "Herr Präsident, alle sowjetischen Schiffe in kubanischen Gewässern haben gestoppt oder gewendet."

Donnerstag, 25. Oktober, Kuba

Sowjetische Soldaten heben Verteidigungsgräben rund um die Raketenstellungen aus. Chefingenieur Oberst Anatolij Michailowitsch Burlow lässt 30 Zentimeter dicke Betonringe gießen, Sockel für die 27 Tonnen schweren SS-4-Ungetüme.
Obwohl Chruschtschows Plan, die Raketen heimlich zu stationieren, gescheitert ist, läuft die Montage der SS-4 wie vorgesehen. Sein Vater, sagt Chruschtschows Sohn Sergej später, habe im Atompoker den Verhandlungspreis hochzutreiben beabsichtigt.
Zwei Tage danach sind alle SS-4Regimenter einsatzbereit. Dreieinhalb Stunden braucht man nun noch, um die Raketen abzufeuern, und natürlich die Erlaubnis Moskaus. Das ist zumindest die Befehlslage. Aber der Oberkommandierende auf Kuba, General Issa Alexandrowitsch Plijew, kann auch selbst entscheiden. Es gibt kein Codewort, das er kennen müsste, um die Atomschleudern in Gang zu setzen.
Da, plötzlich, donnern in nicht einmal hundert Meter Höhe amerikanische Düsenkampfflugzeuge vom Typ F-101, Spitzname "Voodoo", heran. "Wir konnten sogar die Piloten sehen", erinnert sich Generalleutnant Michail Georgjewitsch Titow. Seine Männer gehen in Deckung, aber es sind nur Aufklärungsflugzeuge, die Angriffsziele erkunden.

Donnerstag, 25. Oktober, Moskau, Kreml

Das Telegrafieren und Übersetzen von Briefen zwischen Washington und Moskau dauert mindestens einen halben Tag. Und so erhält Chruschtschow erst kurz vor Mittag ein drohendes Schreiben Kennedys vom Vortag. "Sie haben offenbar immer noch nicht verstanden, warum wir uns in dieser Lage befinden."
Der Kremlherrscher ruft das Präsidium zusammen und tritt den Rückzug an. "Die Amerikaner sagen, man muss die Raketeneinrichtungen auf Kuba demontieren. Vielleicht muss man das auch tun." Er beabsichtigt, dem Gegner einen Handel anzubieten: Abzug der Raketen gegen die Zusage Washingtons, die Insel nicht anzugreifen.
Aber Nikita Chruschtschow schätzt die Lage immer noch falsch ein. Er will Kennedy "Zeit lassen, damit er sich beruhigt und uns ein Versprechen in Bezug auf Kuba gibt". Doch die Zeit läuft nicht für Moskau. Die Amerikaner sind nun davon überzeugt, dass mit jedem Tag, den sie warten, ein Angriff für sie gefährlicher wird.

Freitag, 26. Oktober, Moskau, Kreml

Kennedy ist entschlossen, innerhalb der nächsten 24 Stunden aufs Ganze zu gehen. Das hat zumindest ein TASS-Journalist, der zugleich KGB-Mann ist, in der Bar des National Press Club in Washington aufgeschnappt. Die Quelle ist Warren Rogers, Korrespondent der "New York Herald Tribune". Der KGB glaubt, der Journalist sei gut informiert, doch in Wahrheit spekuliert er nur. Andererseits weiß man in Moskau, dass der Gegner für 1500 Atombomber des Strategic Air Command die höchste Alarmstufe ausgegeben hat.
Irgendwann am Vormittag landet die KGB-Ente auf Chruschtschows Schreibtisch. Und nun endlich – ausgerechnet nach einer Fehlmeldung des eigenen Geheimdienstes – erkennt der Kremführer, dass ihm die Zeit davonläuft.
Er diktiert einen seiner typischen mäandernden Briefe, voller Vorwürfe und zugleich Friedensbeteuerungen. Im 25. Absatz kommt die entscheidende Passage. "Lassen Sie uns staatsmännische Weisheit zeigen", beschwört der sowjetische Diktator den amerikanischen Präsidenten. Die USA sollten offiziell auf eine Invasion verzichten, dann gebe es auch keine Notwendigkeit mehr "für die Anwesenheit unserer Militärspezialisten auf Kuba". Das ist ein verklausuliertes Angebot: Bestandsgarantie für Castro gegen Abzug der Raketen.
Zum ersten Mal scheint ein friedliches Ende absehbar, dabei steht der Höhepunkt der Krise noch bevor.

Samstag, 27. Oktober, Moskau, Kreml, vormittags

Was ist in dieser Nacht von Freitag auf Sonnabend geschehen? Hat wirklich jemand aus dem Umfeld des US-Präsidenten den Sowjets einen Tipp gegeben, dass sie mehr verlangen könnten als nur eine Nichtangriffsgarantie für Castros Insel?
Denn der eben noch verängstigte Kremlführer glaubt nun auf einmal, das Schlimmste sei überstanden. Die Amerikaner sind "nicht bereit, uns anzugreifen". Keine 24 Stunden nach seinem ersten Brief will er deshalb mit einem zweiten Schreiben an Kennedy draufsatteln. In der Türkei stehen – vergleichbar den sowjetischen Waffen auf Kuba – 15 "Jupiter"-Raketen der Amerikaner. Nun sieht er eine Chance, sie wegzuverhandeln.

Samstag, 27. Oktober, Washington, Weißes Haus

Das ExComm berät die Antwort auf Chruschtschows ersten Brief, als die Tickermeldung von den neuen Forderungen hereingebracht wird. Die Tonbänder halten das Durcheinander fest:
"Das hat er", hört man einen Berater Kennedys, "nicht wirklich gesagt, oder?"
"Nein, nein ...", beschwichtigt ein anderer.
"Das steht doch nicht in dem Brief", stellt Kennedy fest, "den wir bekommen haben."
Hätte Chruschtschow seinen Vorschlag diskret unterbreitet, wäre er in Washington wohl auf wenig Gegenwehr gestoßen. Seit über einem Jahr erwog die US-Regierung ohnehin, die "Jupiter"-Raketen abzuziehen, weil man sie für überflüssig hielt. Aber nun, unter öffentlichem Druck, einen Nato-Verbündeten quasi entwaffnen?

Samstag, 27. Oktober, Havanna

Die Kubaner drehen durch. Castro ist sicher, dass die Würfel in Washington gefallen sind – für einen Angriff. Morgens um 2 Uhr läuft er beim sowjetischen Botschafter Alexander Alexejew auf. Der Máximo Líder will Chruschtschow einen Brief schreiben. Alexejew hat die Szene für die Nachwelt aufgezeichnet:
Castro fängt an zu diktieren, unterbricht, setzt erneut an, bricht wieder ab. Von "legitimer Verteidigung, wie schrecklich sie auch ausfallen möge", ist die Rede, und der Russe weiß zunächst nicht, was der Kubaner damit meint. Schließlich fragt er ihn: "Willst du damit sagen, dass wir als Erste einen Atomangriff auf den Feind durchführen sollen?" So will Castro einerseits nicht verstanden werden, aber andererseits hält er es für richtig.
Einige Stunden später tritt ein, was Chruschtschow immer befürchtet hat: eine Eigenmächtigkeit seiner Militärs auf Kuba. Denn die haben eine amerikanische U-2-Spionagemaschine entdeckt, und in der Flugabwehrstellung von Banes herrscht helle Aufregung. Wo ist Plijew, der Kommandeur der sowjetischen Truppen?
Eigentlich darf nur er den Feuerbefehl geben, aber er ist nicht aufzutreiben. Da die U-2 den kubanischen Luftraum gleich wieder verlassen wird, gibt statt seiner General Stepan Gretschko die entsprechende Order. Zwei SA-2-Raketen holen mit dreifacher Schallgeschwindigkeit die Maschine vom Himmel. Pilot Rudolf Anderson, Major der US-Luftwaffe, ist sofort tot.

Samstag, 27. Oktober, Washington, Weißes Haus, Kabinettssaal

Die US-Stabschefs bedrängen den Präsidenten. Durch Chruschtschows zweiten Brief sehen sie sich in ihrer Annahme bestärkt, nach der "die Blockade ein bei Weitem zu weicher Kurs" ist. Ihr Vorschlag: "Luftangriff am Montag, gefolgt wenig später von einer Invasion."
Die Generäle ahnen nicht, dass die sowjetischen Truppen auf Kuba neben weitreichenden Mittelstreckenraketen auch über gut 90 taktische Atomwaffen verfügen, die zum Kampf gegen eine Invasionsarmee vorgesehen sind.
Da meldet ein Offizier den Abschuss der U-2. Seit Wochen schon haben die Amerikaner einen solchen Vorfall erwartet, und sie wollen nun darauf antworten. 16 Kampfbomber stehen für einen Gegenangriff auf die Flugabwehrstellungen bereit. Im Morgengrauen, da ist sich die Runde zu diesem Zeitpunkt einig, sollen die Flugzeuge abheben.
Doch der Präsident korrigiert seinen Kurs abermals. Er will keinen Krieg "mit all diesem Blut", wenn er ihn denn durch einen Abzug der Raketen aus der Türkei, die nicht einmal die Falken behalten wollen, verhindern kann.
Bobby Kennedy und der Redenschreiber Theodore Sorensen gehen nach nebenan ins leere Oval Office und entwerfen binnen 45 Minuten einen Brief an Chruschtschow. Bestätigt wird darin ein amerikanischer Invasionsverzicht im Tausch gegen den Abzug der Raketen aus Kuba, darüber hinaus freilich geben die USA nur ein laues Versprechen ab. "In anderen Rüstungsfragen", also bei den "Jupiter"-Raketen in der Türkei, könne man zu einer "Vereinbarung" kommen. Um 19.45 Uhr löst der Präsident die Runde auf. Bruder Robert soll den Brief dem sowjetischen Botschafter Dobrynin übergeben.
John F. Kennedy bittet Außenminister Rusk und einige andere zu bleiben. Der engste Führungszirkel verabredet, kein Sterbenswörtchen von dem zu verraten, was er in den folgenden 20 Minuten beschließt – aber es ist dann, Jahre später, peu à peu doch bekannt geworden. Moskau wird der Abbau der in der Türkei stationierten Raketen zugesagt, unter der Voraussetzung, dass die Sowjets die Absprache diskret behandeln. Die US-Öffentlichkeit und die Nato-Verbündeten sollen glauben, dass Kennedy die Raketen ausschließlich aus eigenem Antrieb abzieht.
Bobby Kennedy eilt aus dem Weißen Haus hinüber in das Justizministerium, wo Botschafter Dobrynin schon wartet. Dieser telegrafiert hinterher an den Kreml: "Während unseres Treffens war R. Kennedy sehr aufgewühlt ... Er hat nicht einmal versucht, mit mir über verschiedene Themen zu streiten, wie er das sonst immer tut, sondern hat immer nur eines betont: wie wichtig der Zeitfaktor sei und dass wir diese Chance nicht verpassen sollten."
Die Amerikaner verlangen innerhalb von 24 Stunden eine Antwort.

Sonntag, 28. Oktober, Moskau, Kreml

Chruschtschow hat im Büro übernachtet. Um 10.45 Uhr Ortszeit hört er von dem eigenmächtigen Abschuss der U-2 durch seine Truppen auf Kuba. "Hat der General irgendjemanden konsultiert?", tobt der Kremlchef.
Um 12 Uhr ist eine Sitzung des Präsidiums in Nowo-Ogarjewo auf einer Regierungsdatscha angesetzt. Wie immer spricht der Sowjetpremier zuerst. In der ihm eigenen schäumenden Diktion ist da vom "Ende der menschlichen Rasse" die Rede. "Um die Welt zu retten", sieht er endlich ein, "müssen wir uns zurückziehen."
In diesem Augenblick wird Chruschtschows außenpolitischer Berater ans Telefon gerufen. Das Telegramm Dobrynins über das Gespräch mit Bobby Kennedy ist eingegangen. Es gebe, soll der gesagt haben, "viele unvernünftige Köpfe unter den Generälen und nicht nur dort, die ,heiß auf einen Kampf'" seien.
Chruschtschow schließt daraus, dass der US-Präsident einen Staatsstreich seiner Militärs fürchtet. Eine absurde Annahme, aber sie überzeugt ihn endgültig davon, dass er von Präsident Kennedy nicht mehr erwarten kann. Um 17 Uhr – 9 Uhr morgens in Washington – verkündet Radio Moskau: "Die sowjetische Regierung hat den Abbau der Waffen auf Kuba angeordnet."
Dem Westen droht Chruschtschow an, die Raketen in der DDR zu stationieren. Doch dann lässt er sie zu Übungszwecken abfeuern – und sie funktionieren ohne Ausnahme.
Mitarbeit: Axel Frohn, Uwe Klußmann
Von Klaus Wiegrefe

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


SPIEGEL GESCHICHTE 4/2015
Titelbild
Abo-Angebote

SPIEGEL GESCHICHTE lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:14

Russisches Kriegsschiff Liegt in diesem Wrack ein Goldschatz?

  • Video "Rugby in Frankreich: Endzone im Schwimmbecken" Video 00:50
    Rugby in Frankreich: Endzone im Schwimmbecken
  • Video "#ausgehetzt-Proteste in München: Eine Volksdemonstration gegen die Politik der CSU" Video 04:22
    #ausgehetzt-Proteste in München: Eine Volksdemonstration gegen die Politik der CSU
  • Video "Wie ein Schneesturm: Eintagsfliegen plagen weißrussische Stadt" Video 00:54
    Wie ein Schneesturm: Eintagsfliegen plagen weißrussische Stadt
  • Video "Wunderkind Laurent Simons: Mit 8 Jahren an die Uni" Video 04:16
    Wunderkind Laurent Simons: Mit 8 Jahren an die Uni
  • Video "Amateurvideo: Wasserwirbel fasziniert Badegäste" Video 00:50
    Amateurvideo: Wasserwirbel fasziniert Badegäste
  • Video "Rohingya-Frauen: Gejagt, gefoltert, vergewaltigt" Video 04:04
    Rohingya-Frauen: Gejagt, gefoltert, vergewaltigt
  • Video "Zwischen Angst und Faszination: Seiltanz in 35 Metern Höhe - ohne Sicherung" Video 01:46
    Zwischen Angst und Faszination: Seiltanz in 35 Metern Höhe - ohne Sicherung
  • Video "Umweltverschmutzung in der Karibik: Plastikmüll statt Sandstrand" Video 01:41
    Umweltverschmutzung in der Karibik: Plastikmüll statt Sandstrand
  • Video "Webvideos der Woche: Spektakuläres Manöver" Video 03:01
    Webvideos der Woche: Spektakuläres Manöver
  • Video "WM-Wanderarbeiter in Katar: Eine Art Zwangsarbeit" Video 05:20
    WM-Wanderarbeiter in Katar: "Eine Art Zwangsarbeit"
  • Video "Nicht mit ihr: Kellnerin wirft Grabscher in die Ecke" Video 00:55
    Nicht mit ihr: Kellnerin wirft Grabscher in die Ecke
  • Video "Extrem-Bergsteigen: Der 14+7+2-Grand-Slam" Video 01:16
    Extrem-Bergsteigen: Der "14+7+2"-Grand-Slam
  • Video "Titan der Lüfte: Jungfernflug des Beluga XL" Video 00:58
    Titan der Lüfte: Jungfernflug des Beluga XL
  • Video "Merkels Sommer-PK: Urlaubsreif? Erschöpft? Amtsmüde?" Video 03:32
    Merkels Sommer-PK: Urlaubsreif? Erschöpft? Amtsmüde?
  • Video "US-Geheimdienstchef Coats: Putin kommt? Keine Ahnung!" Video 02:43
    US-Geheimdienstchef Coats: Putin kommt? Keine Ahnung!
  • Video "Russisches Kriegsschiff: Liegt in diesem Wrack ein Goldschatz?" Video 01:14
    Russisches Kriegsschiff: Liegt in diesem Wrack ein Goldschatz?