26.01.2016

Aufstand der Mandarine

Vietnam Als Kaiser Ham Nghi sein Volk 1885 zum Widerstand gegen die Franzosen aufforderte, hatte das Land seine Unabhängigkeit schon verloren.
Die Briten, immer wieder die Briten: Über Indien und Singapur herrschten sie bereits, würden sie nun auch noch China an sich reißen? Das fürchteten Mitte des 19. Jahrhunderts viele in Frankreich – und sie wollten etwas dagegen tun. In der Hoffnung, über den Mekong den lukrativen chinesischen Markt zu erschließen, entsandte Kaiser Napoleon III. Kanonenboote nach Vietnam. Die Christenverfolgung, über die Missionare dort seit Jahren klagten, bot sich ihm als willkommener Vorwand.
1858 griffen französische Truppen das zentralvietnamesische Danang an, aber sie mussten nach Süden ausweichen, wo sie Saigon besetzten. 1862 trat der vietnamesische Kaiser Saigon und die umliegenden Provinzen an die Franzosen ab. Er hoffte, so den Rest seines Reiches zu sichern.
Das allerdings sollte ihm nicht gelingen. Als die Franzosen erkannten, dass nicht der Mekong, sondern der Rote Fluss den Handelsweg nach China öffnete, verlagerte sich ihr Interesse nach Norden. Die vietnamesische Regierung, die sich in ihrer Hilflosigkeit auf eine Politik nach dem Motto "Hoa nghi" einließ ("Frieden und verhandeln"), machte ein Zugeständnis nach dem anderen – bis zum totalen Verlust der Souveränität Vietnams im Jahr 1884.
Die Folge war, dass sich immer mehr Menschen vom Hof abwandten, sogar ranghohe Mandarine, oberste Staatsbeamte. Auch wenn sie der Monarchie als einer idealisierten Institution treu blieben, waren sie zunehmend feindlich gegenüber der politischen Führung eingestellt. Viele ehemalige Mandarine machten sich als Widerstandskämpfer einen Namen, ganze Dörfer wurden als Bollwerke der Selbstverteidigung ausgebaut, sogar buddhistische Mönche führten Partisanengruppen an. Ein französischer Augenzeuge berichtete: "Das Zentrum des Widerstands ist überall. Es wäre wohl angebracht, jeden Bauern, der ein Reisbündel auf dem Rücken trägt, ein Zentrum des Widerstands zu nennen."
Dieser Kampf der Bevölkerung lief jedoch den kaiserlichen Befehlen aus Hue, dem Sitz der Monarchie, entgegen. Der Hof setzte noch immer auf eine Verständigung mit den Franzosen. Das änderte sich erst 1885.
Am 5. Juli 1885 floh der hohe Mandarin Ton That Thuyet mit dem 14-jährigen Kaiser Ham Nghi in eine Bergfestung. Dort erließ der junge Kaiser das "Can vuong"-Edikt ("Hilfe dem Kaiser"): "Hunderte von Mandarinen und Kommandeure aller Ebenen, ihr, die ihr nicht das Herz habt, mich im Stich zu lassen, vereinigt euch wie nie zuvor. Diejenigen mit Verstand, helft zu planen; diejenigen mit Kraft, kämpft; diejenigen mit Reichtümern, steuert zu den Vorräten bei."
In den folgenden Tagen wurden weitere, detaillierte Anordnungen verschickt, mit Aufrufen, dem Kaiser zu helfen, und der Erlaubnis, lokale Aufstände zu organisieren.
Landesweit erhoben sich Rebellen, von kaisertreuen konfuzianischen Gelehrten geleitet und von großen Teilen der Bevölkerung unterstützt. Im zentralvietnamesischen Ba Dinh verschanzten sich 3000 Männer in einer Dorfbastion, die sie mit Tunneln, Gräben und Mauern gesichert hatten. Die Franzosen siegten nach wochenlangen Kämpfen nur durch die Unterstützung mehrerer Tausend vietnamesischer Katholiken. Heute trägt der größte Platz Hanois, auf dem das Ho-Chi-Minh-Mausoleum steht, den Namen Ba Dinh.
Kaiser Ham Nghi floh immer tiefer in die Berge. Dort allerdings war er auf die Unterstützung ethnischer Minderheiten angewiesen, auf Menschen, die von seinen Vorgängern nicht gerade freundlich behandelt worden waren. 1888 verriet ihn einer aus dem Volk der Muong – für etwas Opium, Geld und einen militärischen Titel. Ham Nghi wurde gefangen genommen und ins Exil nach Algerien geschickt. Er war jetzt 16 Jahre alt.
Die Festnahme des Monarchen bremste die "Can vuong"-Bewegung, sie bedeutete aber nicht ihr Aus. Phan Dinh Phung beispielsweise, einst ein hoher Hofmandarin, begann seinen Widerstand nun erst richtig. Anders als die meisten Anführer, die nur lokal agierten, baute er ein weitverzweigtes Netzwerk aus Spionen, Stützpunkten und kleinen Waffenfabriken auf. Dort kopierte er französische Waffen und Munition.
Spätere antikoloniale Generationen erhoben Phan Dinh Phung zum Vorbild und zum Symbol für einen selbstlosen Patriotismus. Tatsächlich stellte er sein Heimatland vor die eigene Familie. Nach einem Angriff auf zwei katholische Dörfer war er entkommen, sein ältester Bruder allerdings wurde gefangen genommen. Dem konfuzianischen Werteempfinden zufolge hätte Phan sich ergeben müssen, um den Bruder, die Familiengräber und das ganze Dorf zu retten. Doch er weigerte sich. "Seit ich der ,Can vuong'-Bewegung beigetreten bin, bin ich entschlossen, Familie und Dorf zu vergessen. Ich habe jetzt nur noch ein Grab, ein sehr großes, das verteidigt werden muss: das Land von Vietnam." Er soll sogar noch sarkastisch hinzugefügt haben: "Wenn irgendjemand meinen Bruder zerstückelt, denkt daran, mir etwas von der Suppe zu schicken."
Die schillerndste Figur der antikolonialen Bewegung allerdings war Hoang Hoa Tham, besser bekannt als De Tham oder Tiger von Yen The. Anders als die meisten Anführer gehörte er nicht zur gebildeten Elite. Aufgewachsen in den zerklüfteten Bergen nördlich des Rote-Fluss-Deltas, wurde er früh Waise. Es heißt, ein Tiger habe seine Mutter verschlungen. Als Kaiser Ham Nghi zum Widerstand gegen die Franzosen und ihre Sympathisanten aufrief, hatte De Tham bereits den Ruf eines vietnamesischen Robin Hood, der die Reichen bestahl und es den Armen gab. Obwohl sich die Kolonialherren fest in Hanoi etabliert hatten, waren große Gebiete Nordvietnams noch mehr oder weniger autonom, bevölkert von ethnischen Gruppen wie Chinesen, Thai oder Muong, die keiner Macht eng verbunden waren. Stabilität existierte nur dort, wo bewaffnete Gruppen Absprachen miteinander getroffen hatten.
Den Franzosen war nicht bewusst, dass die Befriedung der Ebenen von der Kontrolle über diese Bergregionen abhing. Denn dorthin konnten Guerillagruppen immer wieder entkommen, sich zurückziehen und neu formieren. Und solange die Menschen in der Ebene wussten, dass in den Bergen der Widerstand aufrechterhalten wurde, hatten auch sie den Mut, die Kolonialherrschaft abzulehnen.
De Tham, ein bulliger Typ mit finsterer Miene, war berüchtigt für seine gut geplanten Attentate und seine Überfälle auf die Lang-Son-Eisenbahnlinie Richtung China. "De Thams Bande", wie die Franzosen sie nannten, bestand nur aus wenigen Männern. Bauern boten ihnen Verstecke, Informationen – und Kämpfer. War ein Attentat oder Angriff geplant, ließen die Bauern ihre Felder brach liegen und griffen zu den Waffen. Wenn alles vorbei war, kehrten sie auf ihre Reisfelder zurück, als wäre nichts gewesen.
1894 entführte De Tham den Chefredakteur der französischen Zeitung "L'Avenir du Tonkin". Für seine Freilassung zahlten die Franzosen ein Lösegeld und überantworteten De Tham das Gebiet um seine Heimatregion Yen The. Diese Waffenruhe nutzte De Tham, um seine Truppen neu aufzustellen. Immer wieder lancierte er Angriffe. 1908 war er an dem Versuch beteiligt, französische Gäste eines Banketts zu vergiften. Die Franzosen setzten ein Kopfgeld auf ihn aus. 1913 wurde er schließlich von Spitzeln der Franzosen verraten und ermordet.
Um die Jahrhundertwende war der bewaffnete Widerstand praktisch beendet. De Tham blieb eine Ausnahme. Die strategische Schwäche der "Can vuong"-Bewegung war ihre regionale Beschränkung. Gewöhnlich agierten die einzelnen Anführer nur in ihrem eigenen engen Machtbereich. Langfristig erlaubte das den Franzosen und einheimischen kolonialen Einheiten, ein Segment nach dem anderen zu zerschlagen. Die Gefangennahme oder der Tod einzelner Anführer bedeutete meist auch das Ende des jeweiligen Aufruhrs. Es fehlte an einer übergreifenden Organisation.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts formierten sich neue nationale Widerstandsgruppen. Sie waren überwiegend beeinflusst von aufklärerischen Philosophen wie Rousseau und panasiatischen Ideen, die sich an der Modernisierung Japans orientierten. Dieser intellektuelle Ansatz allerdings fand bei der Masse des Volkes wenig Anklang. Erst die Kommunisten unter Ho Chi Minh schafften es schließlich, Menschen aus allen sozialen Schichten im ganzen Land zu mobilisieren. ■
Von Nora Luttmer

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2016
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