26.01.2016

Der Märtyrer

Kongo Aus Furcht, die junge Republik könne sich mit der Sowjetunion verbünden, wollte der US-Geheimdienst den Ministerpräsidenten Patrice Lumumba ermorden.
Belgiens König Baudouin ist 29 Jahre alt und klingt frohgemut, als er am 30. Juni 1960 den Kongo in die Unabhängigkeit entlässt. Der junge Monarch preist in Léopoldville, dem heutigen Kinshasa, die "kolonialen Errungenschaften und Verdienste", er spricht von Eisenbahnschienen, die Belgien durch das afrikanische Land gelegt hat, von den Schulen, die belgische Missionare gegründet haben. Sein Vorfahre, König Leopold II., sei nicht "als Eroberer gekommen", sondern habe "das Land zivilisiert". Dann richtet Baudouin den Blick auf die neue Regierung. "Es liegt jetzt an Ihnen, ob Sie das Vertrauen, das wir mit der Unabhängigkeit in Sie gesetzt haben, auch verdienen."
Ein Afrikaner ergreift nun das Wort, Patrice Lumumba. Er ist nur fünf Jahre älter als der König, war Führer der Unabhängigkeitsbewegung und ist der erste freigewählte Regierungschef seines Landes. Der afrikanische Politiker entspricht so gar nicht dem Klischee, das die Belgier haben. Lumumba ist weder furchtsam noch naiv. In geschliffenem Französisch spricht der ehemalige Postangestellte über die Verbrechen und Erniedrigungen während der 75-jährigen Kolonialherrschaft: "Wir werden die Massaker nicht vergessen, in denen so viele umgekommen sind, und ebenso wenig die Zellen, in die jene geworfen wurden, die sich einem Regime der Unterdrückung und Ausbeutung nicht unterwerfen wollten."
Mit diesen Worten hat Lumumba bereits am Tag seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten der Republik Kongo sein Schicksal besiegelt. Der König ist beleidigt, will sofort abreisen. Erst nach Zureden belgischer Minister bleibt Baudouin noch bis zum Ende des Festdinners. Lumumba wird wenige Monate später aus dem Amt geputscht und im Januar 1961 ermordet.
Für Larry Devlin ist Léopoldville der erste Posten an der Front im Kalten Krieg. Der 38-Jährige, ein beinharter Antikommunist, hat in Harvard studiert und arbeitet seither als Agent des US-Geheimdienstes CIA. Der Kongo mit seinen unermesslichen Bodenschätzen, da ist sich Devlin sicher, könnte leicht reiche Beute für die "Commies" werden – ein Vorteil für die Sowjetunion. Um das zu verhindern und wohl auch, um persönlich voranzukommen, hat der CIA-Mann das behagliche Brüssel gegen das schweißtreibende Léopoldville getauscht.
Devlin kommt Mitte Juli 1960 an, wenige Tage nach der Unabhängigkeit. Der CIA-Mann trifft auf ein chaotisches Land. In den Straßen wird geschossen, belgische Fallschirmjäger und Söldner haben Teile des Landes besetzt: Angeblich um weiße Landbesitzer zu schützen, vor allem wohl aber, um die Verstaatlichung der Kupfer-, Uran- und Diamantenminen zu verhindern. Lumumba genießt große Sympathie in der Bevölkerung, und seine linkspatriotische Partei sei "gut organisiert", kabelt Devlin Anfang August an die CIA-Zentrale.
Zwei Wochen später erhält der Agent den Auftrag, Lumumba auszuschalten. Die Order hat ihren Ursprung ganz oben, im Weißen Haus. Am 18. August hatte Präsident Dwight D. Eisenhower seine Sicherheitsberater versammelt, die ihm ihre düstere These vortrugen: Lumumba suche Unterstützung, auch militärische, bei der Sowjetunion. Eisenhower soll darauf nach Darstellung des Protokollanten Robert Johnson erklärt haben: "Wir müssen den loswerden."
Devlins oberster Boss, der damalige CIA-Chef Allen Dulles, deutet das als Mordauftrag. Exekutionspläne gehören zum Handwerkszeug der CIA. Im Fall von Lumumba soll vergiftete Zahnpasta zum Einsatz kommen.
Der Plan, Lumumba während der Mundhygiene sterben zu lassen, wird jedoch alsbald fallen gelassen. Offenbar sieht der CIA keine Chance, gefahrlos die schon vorbereitete Zahnpasta im Badezimmer des Ministerpräsidenten auszutauschen. Der "New York Times" wird Devlin im Jahre 2008, wenige Monate vor seinem Tod, sagen, er habe die Aktion "moralisch für falsch gehalten".
Das mag vielleicht für den Giftmord gelten, ansonsten hat der ehrgeizige Agent wenig Skrupel. In jenem Sommer startet die CIA in Léopoldville die verdeckte Operation "Wizard", die nur ein Ziel hat: die Ausschaltung des jungen Ministerpräsidenten. Und dabei ist jedes Mittel recht, wie inzwischen freigegebene CIA-Dokumente belegen.
Schon am 12. September 1960 ist Lumumba entmachtet und unter Hausarrest gestellt. Armeeoberst Joseph Mobutu, ein langjähriger politischer Weggefährte, hat ihn aus dem Amt geputscht. Was auf den ersten Blick wie ein innerkongolesischer Machtkampf erscheint, entpuppt sich bei genauer Betrachtung als Werk des CIA und des belgischen Geheimdienstes, generalstabsmäßig vorbereitet.
Mobutu dient als Werkzeug. Der 29-jährige Offizier ist nicht nur ehrgeizig und skrupellos, sondern auch käuflich. Er soll erst einmal destabilisieren, für Unruhe sorgen, Streiks und Anti-Lumumba-Demonstrationen anzetteln. Dafür erhält er regelmäßig Geld von der CIA, mal sind es 25 000 Dollar, später eine halbe Million. Die Gelder bewilligt eine Kongo-Taskforce des Nationalen Sicherheitsrats in Washington. Alles ist damals strikt geheim, manche Details wie die exakten Summen und Zahlungsströme sind es bis heute.
Auch nach Lumumbas Amtsenthebung setzt der CIA seine verdeckten Aktionen im Kongo fort. Vorrangiges Ziel ist nun, eine prowestliche Militärdiktatur in Léopoldville zu etablieren. Denn noch ist die Machtfrage im Kongo nicht ganz zur Zufriedenheit der USA und Belgiens entschieden. Afrikanische Friedenstruppen der Vereinten Nationen, die bereits seit Monaten im Kongo stationiert sind, sollen einen Bürgerkrieg verhindern und für Lumumbas Sicherheit garantieren. Devlin und seine Truppe befürchten nun, dass der "Uno-Schutz Lumumba die Chance bietet, zum Gegenschlag auszuholen", wie es in einem Telegramm des CIA-Außenpostens Léopoldville an die Zentrale am 16. September 1960 heißt. Man versuche aber mit Mobutu zusammenzuarbeiten, "um Lumumba auszuschalten". Er müsse "möglichst bald von der Bühne entfernt werden".
Am 27. November 1960 gelingt Lumumba die Flucht aus Léopoldville. Er versucht, unterstützt von der Bevölkerung, in den Osten des Landes durchzukommen, wo sein ehemaliger Vizepremier Antoine Gizenga eine Gegenregierung proklamiert hat. Vier Tage später wird Lumumba jedoch von Mobutu-Truppen unter logistischer Hilfe von CIA und belgischem Geheimdienst gefasst und anschließend in einem Militärlager interniert. Seine Ermordung ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit.
40 Jahre später arbeitet eine Kommission des belgischen Parlaments die Umstände, die zu Lumumbas Tod führten, akribisch auf. Der Schlussbericht aus dem Jahr 2001 zieht das Fazit: Der belgische Staat hätte eine "moralische Verantwortung" bei der Ermordung Lumumbas. Die ausgewerteten Unterlagen jedoch legen nahe, dass der Mord vom damaligen belgischen Afrika-Minister Harold d'Aspremont Lynden vorbereitet und von einem belgisch-kongolesischen Kommando exekutiert wurde.
Am 17. Januar 1961 wird Lumumba in einer DC-4 nach Katanga ausgeflogen. Bereits während des Fluges wird der Expremier schwer gefoltert. Jahrzehnte später präsentierte ein belgischer Geheimdienstoffizier bei einem Fernsehinterview stolz die ausgeschlagenen Schneidezähne Lumumbas.
Noch in der Nacht des 17. Januar stirbt Lumumba im Hagel von Maschinenpistolensalven. Die Kugeln töten auch zwei seiner Begleiter. Tage später beseitigt ein belgisches Kommando alle Spuren. Die Leichen werden ausgegraben, in Stücke gehackt und in Schwefelsäure aufgelöst.
Danach streuen die Belgier das Gerücht, aufgebrachte Dorfbewohner in der Savanne hätten Lumumba erschlagen, als Rache für angebliche Mordtaten seiner Leute. "An diese Legende glaubt niemand", heißt es aber bereits in einem CIA-Memo Ende Februar 1961. Der US-Geheimdienst berichtet nach Washington, wie der verhasste Politiker zu Tode kam. "Ein belgischer Offizier, ein Flame, richtete Lumumba am 17. Januar, 23 Uhr mit einer Salve aus einer Maschinenpistole hin. Ein Ohr wurde abgeschnitten und an Albert Kalonji, den Präsidenten von Süd-Kasai geschickt", heißt es in einem CIA-Bericht vom 7. Februar. Der tote Lumumba wird von den Befreiungsbewegungen in Afrika nun als Märtyrer verehrt.
Der Kongo bleibt das gesamte Jahrzehnt ein Unruheherd, Tummelplatz für Geheimdienste und Söldner, wie jenen legendären Siegfried Müller ("Kongo-Müller"), einem ehemaligen Wehrmachts-Oberfähnrich, der sich vor der deutschen Presse gern in Szene setzte: locker an die Motorhaube eines Geländewagens gelehnt, dekoriert mit menschlichen Knochen, einem Totenschädel auf der Kühlerhaube und Gewehr im Anschlag. Oder der Flame Jean Schramme, dem der SPIEGEL 1967 eine Geschichte widmet, im damals gepflegten Offiziersjargon: "Wie Leoparden schlugen sich Schramme und seine Söldner durch den Dschungel, um weiße Kollegen zu entsetzen."
Mobutu hat in jener Zeit auch mithilfe westlicher Söldner seine Macht weitgehend gefestigt. Er afrikanisiert seinen Namen in Mobutu Sese Seko und wird den Kongo (seit 1971 Zaire) drei Jahrzehnte lang bis kurz vor seinem Tod im Jahre 1997 beherrschen – vorwiegend zu seinem privaten Vorteil. Bereits in den Achtzigerjahren wird sein Privatvermögen auf vier Milliarden US-Dollar taxiert. Mobutu plündert sein Land nicht nur aus wie ein Jahrhundert zuvor Belgiens König Leopold II. Er errichtet auch ein ähnliches Schreckensregime: Politische Gegner lässt er brutal foltern und ermorden, aufständische Gebiete niederbrennen und die Bevölkerung massakrieren.
Für die US-Amerikaner bleibt er dennoch bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks ein geschätzter und teurer Partner. Insgesamt mindestens 150 Millionen Dollar zahlt der CIA über verschwiegene Kanäle als Schmiergeld an Mobutu und seine Entourage.
Auch für den CIA-Agenten Larry Devlin sollte sich sein Vertrauen in den korrupten Mobutu während der Lumumba-Affäre auszahlen. Nach seinem Ausscheiden aus dem Geheimdienst steigt er in den internationalen Handel mit Blutdiamanten aus dem Kongo ein. "Ich kannte alle Minister, die für die Minen verantwortlich waren", prahlte Devlin in einem Interview.
Für die Vorbereitung von Lumumbas Ermordung musste sich Devlin sein Leben lang nicht verantworten. Auch alle anderen Drahtzieher des Staatsstreichs in der jungen Republik Kongo kamen ungeschoren davon. Lumumbas Mörder standen niemals vor Gericht.

Von Andreas Wassermann

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2016
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