26.07.2016

SeitenblickDer Traum vom billigen Strom

Im Jahr 1961 ging das erste deutsche Kernkraftwerk ans Netz. Eine große Atomeuphorie hatte das Land erfasst.
Voller Enthusiasmus schaute das "Hamburger Abendblatt" nach vorn: "Wer von Atomen spricht, denkt an die Bombe. Die Atomkraft soll aber auch unsere Zukunft sichern", hieß es im November 1958 in der Tageszeitung. Ein Grund für die Begeisterung: In der beschaulichen unterfränkischen Gemeinde Großwelzheim wurde damals das erste deutsche Atomkraftwerk gebaut. Zwar produzierte die Anlage ab 1961 mit ihren 15 Megawatt Leistung zunächst nur genug Strom für eine Kleinstadt, doch die Symbolkraft des Reaktors war enorm.
Das deutsche Atomzeitalter hatte 1955 mit dem Inkrafttreten der Pariser Verträge begonnen, die das seit Ende des Zweiten Weltkriegs geltende Besatzungsstatut für die Bundesrepublik aufhoben. Die Bundesrepublik war von da an ein weitgehend souveräner Staat, der nun auch die Atomkraft zivil nutzen durfte.
Unter Politikern war die Angst groß, das atomare Zeitalter könnte ohne die Deutschen stattfinden. In den USA und England arbeiteten bereits Kernkraftwerke. US-Präsident Eisenhower hatte in seiner berühmten Rede "Atoms for Peace" 1953 vor der Uno-Vollversammlung vorgeschlagen, eine internationale Atomenergiebehörde zu schaffen, die nicht zuletzt "den stromhungrigen Ländern der Welt elektrische Energie in Hülle und Fülle zur Verfügung stellen" solle und damit "den Bedürfnissen, nicht den Ängsten der Menschheit" diene.
Auf Konferenzen entwarfen Wissenschaftler Utopien, in denen Flugzeuge, Raketen, sogar Heizungen mithilfe von Atomkraft funktionierten. Der Automobilhersteller Ford präsentierte 1958 eine Studie namens "Nucleon", einen schnittigen roten Flitzer mit einer angeblichen Reichweite von 8000 Kilometern. Ein kleiner Kernreaktor sollte die Energie liefern. Gebaut wurde das Auto nie.
Franz Josef Strauß, der erste "Bundesminister für Atomfragen", verkündete 1955: "Die Ausnutzung der Atomenergie für wirtschaftliche und kulturelle Zwecke bedeutet denselben Einschnitt in der Menschheitsgeschichte wie die Erfindung des Feuers für die primitiven Menschen." Und er trieb den Ausbau voran. Wobei auch der politische Gegner, die SPD, von der Atomeuphorie mitgerissen war. In ihrem Atomplan verkündeten die Sozialdemokraten 1956: "Die Atomenergie kann zu einem Segen für Hunderte von Millionen Menschen werden, die noch im Schatten leben."
Das Versuchsatomkraftwerk Kahl, so der offizielle Name der Anlage in Großwelzheim, sollte Experimenten dienen, aber auch unter realen Bedingungen Strom produzieren. Der zu Bayern gehörende Ort, gut 20 Kilometer östlich von Frankfurt am Main, wurde ausgewählt, weil das benachbarte Wärmekraftwerk bereits ein Kühlwassersystem hatte, das mitgenutzt werden konnte. Die Energiekonzerne RWE und Bayernwerk AG holten sich das technische Know-how und den Brennstoff aus den USA; 34 Millionen Mark kostete der Bau, den die Ingenieure in etwas mehr als zwei Jahren hochzogen.
Ein 21 Meter hoher gelber Betonzylinder neben einem vierstöckigen Betriebsgebäude gehörte zu den neuen Attraktionen von Großwelzheim. 25 Meter tief reichte er in die Erde und schützte das Herzstück, den Reaktordruckbehälter. Als er angeliefert wurde, feierten die Anlieger auf dem Werksgelände ein Volksfest; Stacheldraht gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Etwas skeptischer waren da die deutschen Reedereien gewesen: Sie hatten sich geweigert, die benötigten 6,5 Tonnen Uran aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland zu schiffen, und hatten den Transport Amerikanern überlassen.
Am 13. November 1960 exakt um 22.04 Uhr wurde der Siedewasserreaktor zum ersten Mal kritisch, wie es in der Fachsprache heißt; ein halbes Jahr später speiste er Strom ins Netz. "Der kleine Weihnachtsbaum aus den Wäldern des Spessarts, aufgerichtet auf dem Atomkraftwerk Kahl, verheißt den Menschen die größte Chance, die sie auf ihrer Erde hatten: sich eine Energie zur Dienerin zu machen, die dem kühnsten Höhenflug der Menschheit nichts mehr in den Weg stellt." So feierte die "Frankfurter Rundschau" Weihnachten 1960 das Ereignis.
Die Leistung des Meilers war gering, der Strom teuer. Seinen Versuchszweck erfüllte der Reaktor allerdings: Hier konnten Wissenschaftler über zwei Jahrzehnte hinweg verschiedene Materialien und Brennelementtypen testen und Personal ausbilden – ohne die Öffentlichkeit ernsthaft über mögliche Risiken zu informieren.
Denn trotz aller Beteuerungen: Sicher war das Kraftwerk wohl nie. Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit listete immer wieder Schäden auf: rissige Rohre, undichte Stellen, Überhitzung von Brennelementen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland nimmt an, dass es zu sieben ernsthaften Störfällen kam. Der allgemeinen Begeisterung für die Atomkraft taten die Mängel zunächst keinen Abbruch.
Alles schien möglich mit diesem Überfluss an Energie, alles und jeder sollte mit Atomstrom versorgt werden. In den Augen der Regierung war dieser günstige Strom auch nötig, denn der Verbrauch stieg in der Bundesrepublik damals um rund 15 Prozent pro Jahr. Das wirtschaftliche Wachstum hatte den Westen Deutschlands hungrig nach Elektrizität gemacht.
Nach 25 Jahren und 2,1 Milliarden Kilowattstunden Strom wurde das erste deutsche Atomkraftwerk am 25. November 1985 stillgelegt, ein halbes Jahr vor der Katastrophe im ukrainischen Tschernobyl. Inzwischen ist es völlig zurückgebaut. Eine Erinnerung gibt es aber noch: Die heutige Gemeinde Karlstein, in der Großwelzheim 1975 aufgegangen ist, trägt ein Atomsymbol in ihrem Wappen.
Von Saskia Kerschbaum

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2016
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