27.09.2016

Auf dem Ozean zu Hause

Seit einem Vierteljahrhundert gehört Kelly Slater zur Weltspitze des Surfens. Jetzt will er als Konstrukteur der perfekten künstlichen Welle in die Sportgeschichte eingehen.
Sie hatten so etwas noch nicht gesehen in Lemoore, Kalifornien, der Weltstar und sein Experiment waren plötzlich da. Lastwagen fuhren zur 18 556 Jackson Avenue am Südrand der kleinen Stadt, und die Bauarbeiten begannen. Aber der Star ist wie ein Phantom. Kelly Slater zeigt sich selten.
Und auch von seinem Treiben sieht man nichts. Man weiß nur: Hinter dem dunkelroten blickdichten Holzzaun am Ende der Jackson Avenue befindet sich heute eines der größten Experimente des modernen Wassersports. Ein riesiger Pool am Rande der Wüste, wohl 700 Meter lang und 70 Meter breit, eingefasst in Beton, ursprünglich angelegt als Wasserskianlage. Hier können, wenn Slater es wünscht, die riesigen Wassermengen mithilfe einer gigantischen Mechanik durch den Pool geschoben werden – bis sie sich in einer reinen, klaren Welle brechen. Die Perfektion und die Schönheit dieser Welle sind eine technische Sensation.
Kelly Slater, 44, ist der beste Surfer aller Zeiten. Elfmal ist er Weltmeister geworden, er war mit 20 Jahren der jüngste und mit 39 Jahren der älteste Champion seiner Disziplin. Noch immer surft Slater in der Welttour auf höchstem Niveau die gefährlichsten, spektakulärsten Wellen zwischen dem Northshore Hawaiis und Jeffreys Bay in Südafrika. Slater ist ein Sportstar über die Grenzen seines Sports hinaus.
Mit der künstlichen Welle könnte Slater nun das Surfen revolutionieren. Zwar gibt es weltweit bereits einige künstliche Surfanlagen, doch keine soll so perfekt funktionieren wie die in Lemoore. Ein Wettkampf außerhalb der Ozeane scheint plötzlich nicht mehr ausgeschlossen. Die Welttour der Surfer hat sich bereits ihre Rechte an der Welle gesichert.
Im Dezember 2015 steht Slater am Kopfende der Anlage in Lemoore, als sie das erste Mal offiziell anläuft. Zuerst sanft, dann immer größer türmt sich vor seinen Augen eine erste Welle auf. "Das ist die beste künstliche Welle, die je von Menschen gebaut wurde", ruft er begeistert. Momente später zieht er einen Neoprenanzug an und springt mit seinem Surfbrett in das Becken, paddelt in eine der Wellen und fährt sie scheinbar endlos den Pool entlang, im sogenannten Barrel, der Wasserröhre, die den Surfer wie eine Höhle umschließt. Das Barrel ist die Königsdisziplin des Surfens.
Natürlich waren nur wenige Auserwählte bei diesem Ereignis dabei, aber kurz nach dem ersten Test stellt Slater ein knapp vierminütiges Video über den Tag ins Netz. Erst in dem Moment wird der Öffentlichkeit klar, dass Slater es wirklich ernst gemeint hat damit, seinen zehn Jahre alten Traum von der perfekten Welle umzusetzen.
Tatsächlich könnte das Experiment einen riesigen Sprung im Surfen bedeuten. Kaum eine Sportart ist in ihren Bedingungen heute so wenig von außen beeinflussbar wie das Wellenreiten. Zwar können sich Profis im Meer marginale Vorteile durch besondere Materialien ihrer Bretter oder Neoprenanzüge verschaffen – doch ob die Wellen sich bei den Wettkämpfen oder Trainingseinheiten gut oder schlecht brechen, bleibt eine Laune der Natur. Es ist deshalb äußerst kompliziert und langwierig, beim Surfen Tricks einzuüben. Die Bedingungen verändern sich permanent, selten reitet man das Brett zweimal in einer identischen Situation.
Genau hier setzt Slaters Welle an. Sein Bauwerk in Kalifornien soll wenigstens an einem Ort der Erde berechenbare Bedingungen schaffen. Die Welle kann in ihrer Größe und Geschwindigkeit variiert werden – nur der Wind bleibt als äußerer Faktor gegeben. "Wir demokratisieren so das Surfen", sagte Slater, etwas pathetisch, nach den ersten Versuchen. Die Welle werde "erstklassige Trainingsmöglichkeiten" schaffen für Spitzensurfer und diejenigen, die keinen Ozean vor der Tür haben.
Mit der Demokratisierung ist es allerdings so eine Sache. Slaters Welle bleibt zunächst eine elitäre Angelegenheit. Bisher sind nur er und einige Spitzensurfer aus seinem Dunstkreis in den Genuss gekommen, die Welle reiten zu dürfen. Auch nach der Testphase dürfte die Welle kaum für die Öffentlichkeit zugänglich sein – abgesehen von einzelnen PR-Aktionen, die jetzt bereits geplant werden.
In Lemoore jedenfalls gewinnt man nicht den Eindruck eines offenen, transparenten Projekts. Kaum einer der Bewohner der kleinen Stadt zwischen San Francisco und Los Angeles kennt Details der Anlage, wenige haben Slater im Ort überhaupt gesehen oder wissen, was in der Jackson Avenue passiert.
Ein Mann, der auf der Anlage nach dem Rechten sieht, wird schmallippig, wenn man ihn auf die Welle anspricht. Er wisse auch nicht viel, sagt er. Eine Verschwiegenheitserklärung habe er unterzeichnen müssen. Nur so viel: Momentan, im Juli, befinde sich kein Wasser im Pool. Und die gesamte Anlage sei überwacht von Kameras. Dann schließt sich das Tor zu dem Gelände wieder, der kurze Moment des Einblicks endet jäh.
Wenn schon nicht als demokratisches Projekt, so könnte die Anlage aber doch als kommerzielles Projekt für Slater erfolgreich werden. Bereits wenige Monate nach den ersten Aufnahmen hat die World Surf League (WSL) Anteile an der betreibenden "Kelly Slater Wave Company" gekauft.
Zunächst, so ließ die WSL nach dem Coup mitteilen, wolle man so "die Zukunft des Hochleistungssurfens rund um die Welt unterstützen". Eine weitere Idee sei, unter dem Label der Surf-Liga Trainingszentren mit der von Slater und seinem Team entwickelten Technologie aufzubauen.
Doch in der Szene gilt es als offenes Geheimnis, dass auch ein regelmäßiger Wettkampf auf der künstlichen Welle irgendwann Wirklichkeit werden könnte. Der WSL-Manager Kieren Perrow zeigte sich begeistert, nachdem er Slaters Welle das erste Mal besichtigt und ausprobiert hatte. Sie habe "mehr Energie und Kraft", als er erwartet habe.
Die Idee eines Wavepools ist grundsätzlich keine neue Erfindung. In San Sebastián und in Dubai etwa werden schon länger Modelle betrieben. Im September 2015 fand in Wales sogar ein erster internationaler Wettkampf auf einer künstlichen Welle statt. Doch die Kosten solcher Anlagen sind hoch – allein die Pflege der ungeheuren Wassermenge stellt eine große Herausforderung dar.
Auch in Deutschland gab es bereits die Idee eines Wavepools. Der in Potsdam lebende damalige Junioren-Nationalsurftrainer Arnd Wiener plante 2013 eine ähnliche Anlage auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Die Senatsverwaltung der Stadt war skeptisch, und die Idee blieb in den Anfängen stecken. Viele zweifelten, ob sich eine solche Anlage in einer Stadt wie Berlin mit einer relativ langen Periode schlechten Wetters lohnen würde.
In Lemoore ist wenigstens das Wetter kein Problem. Im Juli brennt die Hitze mit über 40 Grad Celsius in das kalifornische Tal, einen Winter gibt es hier kaum, auch Stürme oder Niederschlag sind selten. Wohl auch deshalb hat sich Slater für diesen Ort entschieden. Setzt sich seine Technik durch, wäre wieder Kalifornien Vorreiter in großen Entwicklungen beim Surfen.
In den Sechzigerjahren wurde der Sport hier der breiten Masse der Bevölkerung bekannt, nachdem er von begeisterten Surfern aus Hawaii ans Festland gebracht worden war. Städte wie Los Angeles' Vorort Malibu erlebten einen Ansturm an Surfern, die damals noch auf Holzbrettern und ohne Leash, also ohne Halteleine, surften.
Slater erlernte das Surfen in seiner Heimat Florida. In den Achtzigerjahren gewann er zunächst Jugendwettbewerbe, 1992 wurde er erstmals Surfchampion. Zwischen 1994 und 1998 erlangte er fünf Titel in Folge, nach denen Slater aus der Tour ausstieg. Seinem Comeback 2004 folgten weitere Titel. 2011 wurde er bisher das letzte Mal Weltmeister.
Dass selbst im Fall des größten Erfolgs der künstlichen Welle Wettkämpfe in Zukunft nur noch in solchen Anlagen stattfinden könnten, daran glauben aber weder Slater noch die Macher der Welt-Surf-Liga.
Man sei zwar "elektrisiert" von der Idee eines möglichen Wettkampfs auf der künstlichen Welle, so WSL-Chef Paul Speaker, "aber der Ozean wird immer unser Zuhause sein". Die großartigen Wellen an den Stränden der Welttour würden "immer das Rückgrat unserer Wettkämpfe bleiben".
Von Gordon Repinski

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2016
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