31.01.2017

Weihrauch gegen Pelze

Wie stichhaltig ist die berühmte These des Belgiers Henri Pirenne, dass es Karl den Großen ohne Mohammed nicht gegeben hätte? Eine Analyse der Tübinger Historiker Mischa Meier und Steffen Patzold
Was bedeuteten der Islam, die arabische Expansion und die Entstehung eines muslimischen Großreichs für die Geschichte Europas? Darüber hat die Geschichtswissenschaft intensiv diskutiert. Der belgische Historiker Henri Pirenne vertrat ab den Zwanzigerjahren sogar die berühmt gewordene These, erst die Expansion des Islam im 7. Jahrhundert habe die Antike beendet und eine neue Epoche eingeläutet – und nicht schon die sogenannte Völkerwanderung des 4. bis 6. Jahrhunderts.
Pirenne (1862 bis 1935) argumentierte ökonomisch: Die Expansion habe tief greifende wirtschaftliche Folgen gezeitigt. Das Mittelmeer konnte ihm zufolge nicht länger jenen zentralen Handelsraum abgeben, den es für die römische Welt gebildet hatte. Die Provinzen im nördlichen Afrika, zumal Ägypten, waren die Kornkammern des Imperiums gewesen, von denen aus zum Beispiel die Bevölkerung der Stadt Rom versorgt worden war. Nach der arabischen Expansion sei dies nicht mehr möglich gewesen – mit dramatischen Folgen: Aus Pirennes Sicht kam mit dem Fernhandel nämlich auch die Goldwährung in Europa zum Erliegen. Die alten Strukturen seien abgelöst worden durch eine weniger entwickelte, weniger leistungsfähige und kleinräumige Wirtschaft, die auf Ackerbau beruht habe. Anstelle der römischen Goldwährung seien nur noch Silbermünzen geprägt worden. Und im Handel orientierte sich Europa nach Norden um: Nicht das Mittelmeer, sondern die Nord- und Ostsee waren nun die wichtigen Handelszonen, die von neuen Handelsorten wie Haithabu beim heutigen Schleswig und Dorestad in Friesland aus erschlossen wurden.
Aber damit nicht genug: Pirenne meinte, die arabische Expansion habe sich auch stark auf die Kultur ausgewirkt – besonders auf die Bildung und den Gebrauch der Schrift. In der römischen Welt war Papyrus ein wichtiger und zugleich günstiger Beschreibstoff für Texte aller Art; er wurde in Ägypten gehandelt und gelangte aus Afrika nach Europa. Pirenne sah den frühmittelalterlichen Wechsel vom Papyrus zum wesentlich teureren Pergament – also zu bearbeiteter Tierhaut – als eine weitere Folge der islamischen Expansion mit weitreichenden Konsequenzen für die alltägliche Nutzung der Schrift und für die Textkultur in Europa.
Das Reich der Karolinger im 8. und 9. Jahrhundert hatte seine Schwerpunkte in Gebieten, die aus einer römischen Perspektive tatsächlich eher randständig waren: im Nordosten Galliens und in Germanien. Aus Pirennes Sicht konnte das Karolingerreich seinen historischen Stellenwert überhaupt erst dadurch erlangen, dass im Zuge der arabischen Expansion das Mittelmeer seine Funktion als Handels- und Kommunikationsraum verloren hatte. Zugespitzt lautet daher Pirennes These: Erst Mohammeds Werk hat einen Karl den Großen möglich gemacht – und das europäische Mittelalter hervorgebracht.

Henri Pirenne kommt zweifellos das Verdienst zu, die Debatte über den epochalen Wandel von der römischen Welt der Antike zum mittelalterlichen Europa befruchtet zu haben, indem er nicht mehr von politischen und militärischen Ereignissen her dachte, sondern einen ökonomischen Prozess wirksam sah. Zugleich hat er das Miteinander von Christentum und Islam als konstituierenden Faktor der Geschichte Europas berücksichtigt. In einem entscheidenden Punkt allerdings hat Pirenne sich schlicht geirrt: Anders als er meinte, bedeutete die arabische Expansion keineswegs das Ende des Fernhandels über das Mittelmeer hinweg. Die jüngere Forschung hat eindrucksvoll gezeigt, wie intensiv die Handelsbeziehungen zwischen der arabischen Welt und Mittel- und Westeuropa auch im 8. und 9. Jahrhundert blieben.
Eine wichtige Quellengrundlage dafür bilden Münzfunde: Vom 7. bis zum 10. Jahrhundert gelangten mehr als 80 000 Münzen aus dem Orient nach Skandinavien; auch im Karolingerreich lassen sich mehr als 600 solcher Münzen nachweisen, besonders dicht in den Randzonen, insgesamt aber breit gestreut und oft eindrucksvoll rasch nach ihrer Prägung. Doch nicht nur dies spricht für einen regen Handel zwischen der islamischen Welt im Süden und Osten und der lateinisch-christlichen Welt im Norden und Westen. Wir kennen mehrere Hundert Reisende zwischen diesen Welten, sehen einen weiträumigen Austausch von Reliquien, wissen um die Präsenz von Gewürzen aus dem Osten, zudem von Seide und Weihrauch für die Liturgie. Im Gegenzug bot Europa, und hier zumal der Nordosten, Pelze, Waffen und vor allem Sklaven als Waren für den Fernhandel an.
Kurzum: Die weiträumigen Handelsbeziehungen über das Mittelmeer blieben auch nach dem 7. Jahrhundert bestehen, Güter und Menschen zirkulierten in beeindruckender Dichte zwischen der christlichen und der islamischen Welt. Der Wechsel vom Papyrus zum Pergament war wohl eher eine Folge neuer Handelsrouten in Europa selbst, nämlich einer Verlagerung von der Rhône auf die Rheinschiene. In Italien dagegen wurde Papyrus bezeichnenderweise noch lange als Beschreibstoff verwendet, in der päpstlichen Kanzlei sogar bis ins 11. Jahrhundert hinein. Andere wirtschaftliche Entwicklungen dagegen hatten schon lange vor Mohammeds Wirken begonnen: So ging der Seehandel über das Mittelmeer schon im 6. Jahrhundert deutlich zurück; und auch das Ende der Goldwährung im Westen datiert tatsächlich ein Jahrhundert früher, als es Pirenne angenommen hatte.
Wichtig bleiben Pirennes Arbeiten trotz alledem: Seine Kernthese ist heute zwar nicht mehr zu halten. Aber gerade die kritische Auseinandersetzung mit Pirennes Argumenten hat seine Perspektive in ihrer Bedeutung im Grunde nur noch weiter bekräftigt: Islam und Christentum standen eben nicht unverbunden nebeneinander. Ganz im Gegenteil: Die engen Beziehungen und Kontakte zwischen Muslimen und Christen haben die Geschichte und Kultur Europas im Mittelalter geprägt. ■
Im frühen Mittelalter gelangten mehr als 80 000 Münzen aus dem Orient nach Skandinavien.

MARGINALIE Dickhäuter-Diplomatie

Seit tausend Jahren hatte kein Elefant mehr die Alpen überquert, seit dem Feldzug des karthagischen Heerführers Hannibal im 3. Jahrhundert v. Chr. gegen die Römer. Aber dann war es wieder so weit: Nach einer Reise von Bagdad über Nordafrika, mit dem Schiff vorbei an Sardinien und Korsika bis Norditalien und weiter über die Alpen, gelangte eins der riesigen Tiere am 20. Juli 802 nach Aachen. Damit endete eine der aufwendigsten diplomatischen Missionen der Geschichte. Denn der Elefant, der täglich drei Zentner Futter und 100 Liter Wasser benötigte, war ein Geschenk des Kalifen Harun al-Raschid für Karl den Großen. Abu al-Abbas hieß das Tier, nach dem Gründer der Abbasiden-Dynastie, die ein weit größeres Reich beherrschte als der kurz zuvor zum Kaiser gekrönte König der Franken.
In Abu al-Abbas verkörperte sich auf spektakuläre Weise die Machtpolitik rund ums Mittelmeer. Abbasiden und Franken bezeugten einander ihre Verbundenheit – ein Signal an ihre Konkurrenten, die Kaiser von Byzanz und die umajjadischen Emire von Córdoba.
Schon Karls Vater Pippin hatte 765 eine Gesandtschaft nach Bagdad geschickt, die drei Jahre später reich beschenkt zurückkehrte. Ob die Herrscher mit ihrer Diplomatie über Tausende von Kilometern hinweg konkrete Pläne verfolgten, lässt sich aus den Quellen nicht entnehmen. Das wenige, was bekannt ist, stammt aus fränkischen Chroniken. In der arabischen Überlieferung findet sich kein Wort darüber.
Abu al-Abbas lebte viel bestaunt acht Jahre im Norden. Dann starb er während eines Kriegszugs gegen marodierende Normannen, denen er wohl Angst einjagen sollte. Wahrscheinliche Todesursache: Maul- und Klauenseuche.
Dietmar Pieper
Von Mischa Meier und Steffen Patzold

SPIEGEL GESCHICHTE 1/2017
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