26.05.2009

Aufschwung im Namen Gottes

Schwäbische Pietisten brachten die Moderne ins Heilige Land: Sie errichteten im 19. Jahrhundert in Jerusalem eine deutsche Kolonie.
Hinter hohen Eisentoren und einer Mauer verborgen liegt direkt an Jerusalems populärer Ausgehmeile, der Emek-Refaim-Straße, ein kleiner Friedhof. Man erkennt schnell, dass es keine jüdischen Gräber sind: Die Kreuze und schiefen Steinstelen tragen schwäbische Namen, Imberger, Eppinger und Aberle heißen die Toten, geboren in Neuffen oder Ludwigsburg. Eingemeißelte Bibelverse auf Deutsch mahnen zum Beispiel: "Trachtet am ersten nach dem Königreich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit."
Der Friedhof ist die letzte Ruhestätte der Templer-Familien, einer pietistischen Siedlerbewegung aus Württemberg, die Ende des 19. Jahrhunderts ihr Heil im Heiligen Land suchte. Damit begann eine kurze, aber bedeutende deutsche Episode in der Geschichte Jerusalems.
Die "Moschawa Germanit", die "Deutsche Kolonie", ist heute das Herz des säkularen, modernen Jerusalem. Hier reiht sich Modegeschäft an Sushi-Bar, Nobel-Restaurant an Weinboutique. Der "Diplomat-Butcher" verkauft unkoschere Würstchen, Touristen wie Israelis flanieren die Straße entlang. Die alten Templer-Häuser sind millionenteure Immobilien.
Es war ein ödes Steinfeld unweit der Jerusalemer Altstadt, auf dem die Templer 1873 zu bauen anfingen. Ihre Kolonie benannten sie nach dem biblischen Tal Refaim. Das erste Haus errichtete Müllermeister Mätthaus Frank, und noch heute ist über der Eingangstür die Inschrift zu lesen: "Bis hierher hat der Herr geholfen." Auch seine Gefährten waren Handwerker, Tischler, Schlosser oder Fleischer.
In einer Mischung aus tiefem Gottglauben und schwäbischer Schaffenskraft ließen sich die Templer auf das gefährliche Unternehmen ein. Kundschafter hatten von Überfällen auf westliche Siedler berichtet. "Dieses Bergland", bilanzierte der Spähtrupp ernüchtert, "ist eine einzige weite Trümmerstätte und liegt verarmt und entblößt in trauriger Nacktheit da."
Trotzdem gingen die frommen Deutschen ans Werk. Ihnen gelang, sagt der israelische Architekt und Templer-Experte David Kroyanker, eine "erstaunliche Leistung".
Die Templer wollten das Heilige Land in Besitz nehmen, auch, wie sie es nannten, um "den Orient zu heben". Sie verstanden sich als lebendige Bausteine eines Tempels, der Wohnung Gottes.
In der württembergischen Heimat hatte die Religionsgemeinschaft der "Jerusalemsfreunde", wie sich die Templer zunächst nannten, mit sozialer Not, Kriegsdienst und Anfeindung der etablierten Kirche zu kämpfen. Nach dem endgültigen Bruch mit der evangelischen Landeskirche kam es 1861 zur Gründung des "Deutschen Tempels", der mehrere tausend Gläubige zählte.
Ungeduldige unter den Pietisten trieb es bald nach Amerika und Russland, die Bewegung bröckelte. Erst ab 1868 begann mit dem Umzug der Tempelvorsteher Christoph Hoffmann und Georg David Hardegg samt ihren Familien die erträumte Besiedlung Palästinas.
In Jerusalem, so glaubte Hoffmann, lag ihre Bestimmung: "Christen können wir überall auf der Erde sein, aber ein Volk Gottes kann nur auf dem Boden seiner Väter, kann nur in den Orten, wo Abraham geglaubt, wo David gekämpft und Christus gelitten hat, den Ort und das Ziel seiner Bestimmung erkennen." Die ersten Templer-Kolonien gründeten sich allerdings wegen besserer Lebensbedingungen in Haifa, Jaffa und bei Tel Aviv. Das Aufbauwerk in Jerusalem setzte Hoffmann gegen Widerstände durch.
So entstand ein schwäbisches Dörfchen mit adretten Steinhäusern, Bibelsprüchen über den Eingangstüren, gepflegten Vorgärten, mit Kino, Bierhalle und Sportplatz. "Es gab keine Zäune, die ganze Kolonie war unser Spielplatz", erinnert sich Brigitte Kneher, 77, geborene Rohrer, an ihre Kindheit in Jerusalem. "Wir waren überall willkommen. Beim Bäcker bekamen wir die Mohrenköpfe mit den Macken geschenkt." Noch heute ist ihr der herzhafte Geruch von frischem Fladenbrot in der Nase.
Die Templer waren deutschnational gesinnte Traditionalisten, sie pflegten das deutsche Kulturgut, gingen sonntags in die Kirche und feierten ebenso brav des Kaisers wie später Hitlers Geburtstag. Und sie waren fleißige, disziplinierte Arbeiter. Sie führten neue landwirtschaftliche Geräte und Anbaumethoden ein, modernisierten Bewässerungssysteme. Sie arbeiteten mit modernster Technik, die Getreidemühlen ihrer Bäckereien waren dampfgetrieben. Sie eröffneten Weinkellereien und die ersten Maschinen- und Zementfabriken, entwickelten den Straßenbau und das Transportwesen. So brachten sie dem wenig entwickelten Land einen ungeheuren Modernitätsschub.
Die Templer schotteten sich bewusst von ihrer Umwelt ab, was zu Konflikten mit den Nachbarn führte. Mit einer großen Portion Dünkel blickten sie auf die arabische Bevölkerung herab, die für sie das "Brot der Faulheit" aß. Die Araber dagegen sahen die Deutschen als Eindringlinge und fühlten sich als billige Arbeitskräfte in den Templer-Betrieben ausgenutzt. Jüdische Pioniere, die ins Land strömten, lernten von der Erfahrung der schwäbischen Migranten und übernahmen viele Innovationen. Das führte zu harter Konkurrenz. Denn es war auch ein Streit um das Heilige Land, den die Zionisten aber allein zahlenmäßig für sich entschieden.
Mit Hitler begann der Niedergang der Templer-Kolonien. Die deutschnationale Gesinnung, dazu ein, so der Historiker Ralf Balke, "religiös motivierter Antijudaismus" und eine nachlassende Verbundenheit mit den pietistischen Ur-Werten machten den Nationalsozialismus hoffähig.
Anfang der dreißiger Jahre lebten etwa 3000 Palästina-Deutsche im Heiligen Land. Die Zahl der NSDAP-Mitglieder wuchs hier schneller als unter anderen Auslandsdeutschen. Bald hatte jede Kolonie ihre NSDAP-Ortsgruppe, die Templer ordneten sich dem Hakenkreuz in einem Prozess der "Selbstnazifizierung", wie Balke es nennt, freiwillig unter. "Wir fanden bei unseren Forschungen Jahre später Zeitungen wie 'Der Stürmer' auf dem Dachboden eines Templer-Hauses", bestätigt der Historiker Jakob Eisler.
Ab August 1939 wurden die wehrfähigen Männer zum Kriegsdienst nach Deutschland eingezogen. Nach Kriegsausbruch wandelten die im Heiligen Land herrschenden Briten die landwirtschaftlichen Kolonien in Internierungslager um, und die verbliebenen Templer wurden dort festgesetzt. Auch die Familie von Brigitte Kneher musste ihr Jerusalemer Haus räumen. "Für meine Großmutter war das sehr schlimm. Wir durften kaum etwas mitnehmen, und dann fiel das gute Geschirr auch noch vom Wagen und zerbrach", erinnert sich Kneher. Sie durfte nur ein Spielzeug behalten - eine große Puppe.
Es war ein Abschied für immer. Nach Erfolgen der Wehrmacht in Afrika deportierten die Briten 665 Templer im Sommer 1941 nach Australien, wo bis heute Templer-Gemeinden bestehen. Andere, darunter auch die Familie Kneher, durften zurück nach Deutschland - dank eines spektakulären Deals, den Briten und Nazis ausgehandelt hatten: Sie wurden gegen jüdische Gefangene aus Bergen-Belsen eingetauscht.
Nachdem 1948 der Staat Israel gegründet wurde, mussten die letzten Templer das Land verlassen. Ihre Utopie war kläglich gescheitert. Aber der Modernisierungsschub, der den Pietisten gelungen war, kratzte am zionistischen Gründungsmythos Israels, bilanzierte der verstorbene Historiker Alex Carmel: Noch vor den jüdischen Pionieren hatten sich deutsche Christen erfolgreich in Palästina angesiedelt.
54 Millionen Mark Entschädigung erhielten die Templer später von Israel für den enteigneten Besitz - das regelte das Wiedergutmachungsabkommen mit der Bundesrepublik Deutschland. "Die Palästina-Deutschen sind die einzigen deutschen Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt entschädigt wurden", sagt der Templer-Forscher Eisler. Auch die Großmutter von Brigitte Kneher bekam für ihr Haus in der Jerusalemer Smutsstraße Geld - damit baute die Familie ihr neues Zuhause, ein Reihenhaus in Göppingen.
Von ihrem Aufbauwerk in Jerusalem blieb den Templern nur eines: der kleine Friedhof in der Emek-Refaim-Straße, dem "Tal der Geister".
Von VIKTORIA SCHULT

SPIEGEL GESCHICHTE 3/2009
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