28.07.2009

Die kommerzielle Revolution

Umwälzungen in Seefahrt und Handel beendeten zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert eine lange Ära des Stillstands. In Italien nahm das moderne Bankwesen seinen Anfang.
Als Karl der Große sich im Jahr 800 in Rom zum Kaiser krönen ließ, hatte Westeuropa einen tiefen geschichtlichen Einschnitt hinter sich. Denn durch den Einbruch des Islam war der intensive Handels- und Ideenaustausch rund um das Mittelmeer, der den Kontinent jahrhundertelang befruchtet hatte, jäh gestoppt worden. Die muslimischen Eroberer hatten im Verlauf des siebten und frühen achten Jahrhunderts die Süd- und Westküsten des Meeres besetzt.
Das große Wasser, das als Hauptverkehrsader bis in die Spätantike Orient und Okzident verbunden hatte, verwandelte sich in ein Element der Trennung: Muslimische Piraten machten es so unsicher, dass der arabische Historiker Ibn-Haldun schrieb: "Die Christen können darauf kein Brett mehr schwimmen lassen."
Kaiser Karl befehligte im Gegensatz zum Imperium Romanum, das er doch fortsetzen wollte, eine reine Kontinentalmacht. Grund und Boden wurden nun zum entscheidenden Wirtschaftsfaktor. Die lokalen Erzeuger beschränkten ihre Produktion auf die unmittelbaren Lebensbedürfnisse. Der Kaufmannsstand verschwand. Handel und Wandel kamen im Frühmittelalter zum Erliegen, da es weder regionale und überregionale Absatzmärkte noch eine nennenswerte städtische Zivilisation gab. "Vom Ende des achten Jahrhunderts an fiel das westliche Europa in einen Zustand der reinen Landwirtschaft zurück", resümierte Henri Pirenne in seiner klassischen "Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Europas im Mittelalter" die große Stagnation.
Es dauerte knapp 300 Jahre, bis der erste christliche Kreuzzug von 1096 gewaltsam die Wende einleitete, indem er den Islam erheblich zurückdrängte. Die italienischen Hafenstädte, in geringerem Maß auch die der Provence und Kataloniens, rissen im 11. bis 13. Jahrhundert die Herrschaft über das Mittelmeer an sich. Venedig sicherte sich schon vor dem ersten Kreuzzug den Warenverkehr mit dem Heiligen Land. Zudem zahlte es sich aus, dass die Stadt ihre Flotte in den ersten christlichen Feldzug schickte. Spätestens ab dem vierten Kreuzzug (1202 bis 1204) erwarb die Stadt die Herrschaft über den Bosporus und nahm im Orienthandel die Stelle von Byzanz ein. So waren das veränderte Kräfteverhältnis im Mittelmeerraum und die strategische Lage der italienischen Stadtstaaten Voraussetzung für das synchrone Aufblühen von Fernhandel, Geld- und Kreditwirtschaft gerade in dieser Region.
Historiker sprechen von der "kommerziellen Revolution", die in Europa im späten 12. und im 13. Jahrhundert die Epoche hochmittelalterlicher Unbeweglichkeit beendete und die Bedingungen für den Frühkapitalismus und das städtische Bürgertum schuf. Wie unauflöslich beide verbunden waren, geht schon daraus hervor, dass die lateinischen Wörter mercator und burgensis, Händler und Bürger, ursprünglich Synonyme waren.
Italien entwickelte sich dabei zur Drehscheibe zwischen dem Nahen Osten und den Märkten in Nordeuropa, die von den Hansestädten beherrscht wurden.
Die entscheidende Triebkraft war anfangs der Seehandel. Der Kompass, von den Arabern im Mittelmeerraum eingeführt, war seit dem 12. Jahrhundert hier allgemein in Gebrauch. Die Städte in Nordafrika oder an der Nordsee waren dank seiner Hilfe mit viel weniger Risiko und schneller als zuvor zu erreichen. Und die Transportkosten auf dem Seeweg lagen, wie der französische Mediävist Jean Favier betont, entscheidend niedriger als auf dem Landweg.
Die überseeische Expansion und die Ausweitung der Märkte in Europa brachten eine Reihe grundlegender Neuerungen mit sich. Denn erstens waren Prägung und Umlauf von Bargeld begrenzt durch mangelnde Kenntnis über Existenz und Lage abbaufähiger Minen und unzureichende Förderung von Edelmetall. Und zweitens war es für Kaufleute beschwerlich und überaus riskant, größere Geldmengen in Form von Gold- und Silbermünzen über erhebliche Entfernungen zu transportieren - etwa aus Italien zu den größten Handelsmessen des Mittelalters in der Champagne. Die gefährliche Mühsal des Geldtransports wurde verschärft durch die weitverbreitete Unsitte von Landesherren, ihre Finanzen durch Münzverschlechterung zu sanieren: Der Edelmetallgehalt der Münzen verminderte sich schleichend, während mit dem Anteil nichtedler Metalle das Gesamtgewicht eines gegebenen Geldwerts stieg.
So entstand im Zuge der kommerziellen Revolution aus den Bedürfnissen der Kaufleute eine Kreditform, die den Münztransport überflüssig machte: Bei Erhalt einer Ware übergab der Empfänger dem Lieferanten den Wechselbrief. kurz Wechsel. Er funktionierte wie ein Scheck und garantierte das Recht, die vereinbarte Kaufsumme zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort entweder vom Wechselaussteller selbst oder von einer dritten Person zu bekommen. Der Wechsel ist der Ursprung des modernen bargeldlosen Zahlungsverkehrs.
Handel und Kredit waren von Anfang an eng verbunden. Die großen Kaufleute machten ihre Vermögen mit Tuchen, Gewürzen oder anderen Waren, bevor sie den Handel mit Geld zu einem weiteren Erwerbszweig ausbauten, der dann oft der einträglichste wurde.
Die Banken verdanken ihren Namen der Tatsache, dass die italienischen Händler in Venedig, Genua und anderswo ihre Geschäfte ursprünglich unter freiem Himmel abwickelten - auf Bänken (banchi) sitzend. Sie hatten alle Hände voll mit der verwirrenden Vielfalt und Wertigkeit von Münzen und Währungen zu tun; das Geldsystem im ausgehenden Mittelalter war kompliziert und schwer überschaubar.
Allein in Pisa mussten Kaufleute "mit sieben verschiedenen in Umlauf befindlichen Münzarten zurechtkommen", wie der Historiker Niall Ferguson schreibt. Er erinnert auch daran, dass Italien, die Wiege des Frühkapitalismus, zu Beginn des 13. Jahrhunderts in eine Vielzahl rivalisierender Stadtstaaten zersplittert war. Sie bekriegten sich periodisch und verlangten von ihren Bürgern im 14. Jahrhundert Zwangsdarlehen, um die angeheuerten Söldner (condottieri) bezahlen zu können. Trotzdem explodierten die Schulden - in Florenz enstand damals der Begriff monte commune: städtischer Schuldenberg.
Für das heraufziehende Zeitalter der Kapital- und Kreditwirtschaft war das vom alten Rom geerbte Zahlensystem nicht gemacht. Römische Ziffern erwiesen sich als ungeeignet für den alltäglichen Umgang mit hohen Beträgen, für Multiplikation und Division, für Bruchrechnen und kompliziertere mathematische Operationen aller Art.
Hier schuf der Sohn eines Pisaner Zollbeamten und Notars Abhilfe. Leonardo da Pisa, genannt Fibonacci (circa 1170 bis circa 1250) folgte im Alter von etwa 12 Jahren seinem Vater nach Nordafrika. Der war für die Pisaner Kaufmannschaft in deren algerischer Niederlassung tätig. Er ließ dort seinen Sohn Mathematik nach jenem System lernen, das die Araber von den Indern übernommen hatten.
Im Jahr 1202 vollendete Fibonnacci sein "Liber Abaci" ("Buch der Rechenkunst"), das ihn zum bedeutendsten Mathematiker des Mittelalters machte. Er brachte damit nicht nur das indo-arabische Dezimalsystem nach Europa, das gegenüber dem römischen System alle Berechnungen vereinfachte - die Zahl 2378 etwa notierte sich leichter als ihr römisches Pendant MMCCCLXXVIII. Der praktisch wie theoretisch gewiefte Autor erklärte auch, wie das System auf Buchhaltung, Währungsumrechnung und Zinsrechnung anzuwenden sei. Mit seinem Beitrag zur Globalisierung der Mathematik hat Fibonacci den frühen Handelskapitalismus rechnerisch ermöglicht.
Auf dem europäischen Geldmarkt waren im 13. Jahrhundert drei Arten von Händlern anzutreffen: erstens Pfandleiher, wegen ihrer italienischen Herkunft auch als "Lombarden" bezeichnet, die kurzfristige Gebrauchsdarlehen für Leute aus kleinen und mittleren Verhältnissen anboten. Zweitens Geldwechsler, die ihr Geschäft auf offener Straße betrieben und neben dem Münz- und Währungstausch den Handel mit Edelmetall beherrschten; in Florenz wurden diese Geschäfte "banchi minuti", Kleinbanken, genannt. Als "banchi grossi", Großbanken, wurde die dritte Gruppe tituliert, die im Fernhandel engagierten Kaufmannsbankiers, die meist in Familienverbänden organisiert waren. Aus deren Mitte gingen die Finanzmoguln des Mittelalters hervor.
Eine kaum zu überschätzende Erschwerung der Bankenentwicklung war das offizielle kirchliche Zinsverbot (siehe Seite 24) - seit der Herrschaft Karls des Großen auch Teil des säkularen Rechts. Der Zweck menschlicher Arbeit war demnach nicht Bereicherung, sondern die Erhaltung des Zustands, in dem der Mensch von Gott geschaffen war - in Erwartung des wahren, ewigen Lebens im Paradies. Das Streben nach Reichtum war mit der Todsünde Geiz identisch.
Der Zins, ohne den keine Bank funktioniert, wurde deshalb mit allerlei rechnerischen Tricks versteckt - bevorzugt war die Camouflage durch Rückzahlung in anderer Währung und an anderem Ort. So ging die Entwicklung der Geldwirtschaft mit Doppelmoral und Heuchelei einher. Der große Wirtschaftshistoriker Raymond de Roover hat versichert, dass die frühe Bankengeschichte ohne das Zinstabu ganz anders verlaufen wäre.
Die Eröffnung einer Bank wurde mit viel Brimborium begangen. In Venedig folgte einem kirchlichen Hochamt die gemeinsame Prozession der Bankchefs und ihrer Sippe zum Sitz des neuen Geldhauses - begleitet von Pauken und Trompeten, manchmal auch von hohen Regierungsvertretern. Höhepunkt der Festlichkeit war die Präsentation von Säcken mit Silber- und Goldmünzen, die mitunter auf dem Banktresen ausgeschüttet wurden, um potentiellen Investoren die Existenz einer gesunden Reserve vor Augen zu führen.
Die Pracht, deren die frühen Bankiers sich erfreuten, war freilich erkauft mit enormen Pleiterisiken.
Das verliehene Kapital konnte zusammen mit den Schiffen untergehen, deren Erwerb oder Ladung es finanziert hatte. Im 14. Jahrhundert begannen zwar einzelne Kaufleute in der Toskana, sich auf die Versicherung von Schiffen zu spezialisieren, doch solche Risikominderung etablierte sich erst allmählich. Piraten und Straßenräuber lauerten zu Wasser und zu Lande den Händlern auf, deren Waren die Bankiers mit ihren Krediten vorfinanziert hatten. Gekrönte Häupter konnten als Großschuldner jederzeit zahlungsunfähig werden, weil sich das Kriegsglück oder auch die eigene Prunk- und Verschwendungssucht gegen sie gewendet hatte.
Allein im bankengeschichtlich gut erforschten Venedig scheiterten 96 von 103 Privatbanken, die zwischen dem 13. Jahrhundert und dem Ende des 16. Jahrhunderts gezählt wurden. Der Begriff Bankrott erinnert bis heute an den italienischen Ursprung: banca rotta.
Die meisten zahlungsunfähigen Geldhändler versuchten, sich ihrer Verantwortung und Inhaftierung durch Flucht zu entziehen. Diese Erfahrung war so prägend, dass der offizielle lateinische Begriff für verkrachte Bankiers "fugitivus", Flüchtling, lautete - unabhängig davon, ob die Gemeinten tatsächlich zu fliehen versuchten. Wer seine Schulden nicht in vollem Umfang zurückzahlte, wurde für alle Zukunft vom öffentlichen und wirtschaftlichen Leben der Stadt ausgeschlossen. In weiten Teilen Italiens, wenn auch nicht in Venedig, war darüber hinaus ein öffentliches Schmähritual üblich: Das nackte Hinterteil gescheiterter Geldhändler wurde dreimal gegen einen "Schandstein" im Zentrum des lokalen Hauptplatzes gestoßen, während der Bankrotteur die Kapitulationsformel "Cedo bonis" aufsagen musste: "Ich verzichte auf mein Hab und Gut."
Ungeachtet solcher Berufsrisiken betätigten sich immer neue Kaufmannsdynastien als Bankiers. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts waren die Florentiner Bankhäuser der Familien Peruzzi und Bardi die weltweit größten Unternehmen - "die Säulen des christlichen Handels", wie sie ein italienischer Historiker nannte. Als reichste Bankiers ihrer Ära übertrafen sie sogar die ihnen folgenden, legendären Medici; in Sachen Nachruhm sollten die Medici allerdings aufgrund ihrer politischen Rolle und ihres kulturellen Renaissance-Nimbus die Vorgänger überstrahlen. Wirtschaftsgeschichtler sehen in den Peruzzi und Bardi eher Unternehmenskonglomerate ("super companies") ihrer Epoche als reine Banken: Der Warenhandel machte einen Großteil ihrer Geschäfte aus, in vielen Teilen Europas unterhielten sie Kontore.
Trotz aller zeittypischen Gefahren können die größten Geldhändler des 14. Jahrhunderts rückblickend als vergleichsweise solide Geschäftsleute erscheinen - gemessen jedenfalls an manchen Gewinnerwartungen gegenwärtiger Banken.
Die durchschnittliche Peruzzi-Rendite auf das gesamte eingesetzte Kapital schätzt Historiker de Roover auf zehn bis zwölf Prozent - weniger als die Hälfte des erklärten Renditeziels von Josef Ackermann im Jahr 2009. Der Chef der Deutschen Bank hat erst kürzlich, ungerührt vom internationalen Finanzdesaster, seine Gewinnvorstellungen von 25 Prozent bekräftigt.
Die Peruzzi und Bardi allerdings bewahrten auch ihr großer Geschäftsumfang und ihre Filialisierung nicht vor dem Bankrott. Gerade die kommerzielle Überdehnung trug einiges zu ihrem Scheitern bei. Den entscheidenden Schlag aber versetzte den Florentiner "Säulen des christlichen Handels" die Zahlungsunfähigkeit ihres größten Schuldners: Englands König Edward III., der seit 1337 in den hundertjährigen Krieg gegen Frankreich verstrickt war, konnte seine Kredite nicht mehr bedienen. 1343 erwischte es die Peruzzi, 1346 die Bardi. Es waren die spektakulärsten Bankenpleiten des Mittelalters.
Von RAINER TRAUB

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2009
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