28.07.2009

SÜNDIGE GESCHÄFTE

Christen umgingen das Zinsverbot, Juden wurden stigmatisiert.
"Dreitausend Dukaten - gut." Schon im ersten Satz, mit dem der jüdische Geldverleiher Shylock im "Kaufmann von Venedig" vorgestellt wird, geht es um Geld. Und kaum ist dieser Satz gefallen, macht Autor William Shakespeare das Publikum mit der niederträchtigen Bedingung bekannt, die sein Kaufmann Antonio hinnehmen muss, um an das Geld zu kommen: Ein Pfund Fleisch soll Shylock bei Nichtzurückzahlung aus Antonios Leib schneiden dürfen.
Im Jahr 1605 fielen Shylocks Eingangsworte das erste Mal vor Publikum. Sie enthielten bereits alles, was an Juden abstoßend erscheint, glaubt der amerikanische Schriftsteller Philip Roth, selbst jüdischer Herkunft. Die Worte, so Roth, hätten zur jahrhundertelangen Stigmatisierung der Juden beigetragen. Kaum eine Figur hat sich in der europäischen Imagination so festgesetzt wie der erbarmungslose jüdische Wucherer. Kaum ein Stereotyp wird so grenzübergreifend verstanden. Verfolgung und Vernichtung der Juden waren stets eng mit diesem Bild verbunden.
Dabei taugt Shakespeares Geldhändler bei genauer Lektüre nicht zur antisemitischen Blaupause. Er ist zu komplex und widersprüchlich. Denn der Dramatiker befreit sein Geschöpf in einem Schlüsselmoment des Stücks aus dem Käfig des Klischees. Er entdämonisiert es - und bringt Shylock den Zuschauern als ihresgleichen nah: "Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?"
Shakespeares Hauptquelle war der jüdische Wucherer in einer italienischen Novelle aus dem späten 14. Jahrhundert. Zu dieser Zeit war der Geldmarkt in Mitteleuropa hart umkämpft. Ein jüdisches Monopol gab es nicht, wenn auch israelitische Geldhändler nicht selten waren. Juden durften nach dem Talmud, ihrer religiösen Lehre, zwar nicht unter sich, wohl aber von Christen Zinsen nehmen. Das verschaffte ihnen eine Sonderstellung in der von der mächtigen katholischen Kirche geprägten mittelalterlichen Gesellschaft, in der Zins als Sünde galt und verboten war.
Zudem war der Geldhandel eine der wenigen Berufsnischen, die den Juden überhaupt noch geblieben waren. Seit dem Ersten Kreuzzug von 1096 herrschte eine latente Pogromstimmung gegen sie. Schon länger waren sie aus den Zünften ausgeschlossen und schrittweise entrechtet worden. Es blieb die Finanzbranche - wofür sie dann auch noch stigmatisiert wurden.
Dennoch hatten die Juden starke christliche Konkurrenz. In der Praxis blieb nämlich das Zinsverbot oft wirkungslos, auch wenn es unter Karl dem Großen sogar säkulares Recht geworden war und durch Konzilsbeschlüsse und päpstliche Dekrete im 12. und 13. Jahrhundert immer wieder verschärft wurde.
"Das war wie im Bankensektor kurz vor der momentanen Krise - es hat sich kaum jemand an die Regeln gehalten", sagt der Wirtschaftshistoriker Winfried Reichert. "Das Verbot wurde umgangen, der Zins etwa nur anders genannt." Er wurde als Entschädigung verpackt oder als Disagio verschleiert. Später wurde das Kreditbedürfnis so stark, dass Kirchenjuristen mit allerlei Rabulistik eine "Entschädigung" des Geldgebers rechtfertigten.
Die Verstöße gegen das kirchliche Zinsverbot begannen früh. Bereits im 4. Jahrhundert hatte die junge christliche Kirche ihren Klerikern das Zinsnehmen untersagt - und musste sie in der Folge immer wieder an das Verbot erinnern.
Durch die zunehmende Monetarisierung des Handels nach der Jahrtausendwende hatte die kirchliche Agitation gegen Zinsgeschäfte noch einmal Auftrieb bekommen. Der Kirchenlehrer Thomas von Aquin sah den Grund der Zinssünde darin, dass gegen Gottes Willen ohne Arbeit und nur mit der Zeit Geld verdient werde.
Doch an Königshöfen, in der Aristokratie und im Klerus wuchs der Finanzbedarf. Und statt Silber und Schmuck einzuschmelzen, lag es näher, sich fehlendes Geld von Kaufleuten vorstrecken zu lassen.
Zwischen Rhein und Maas füllten diese Lücke vor allem die sogenannten Lombarden, die allerdings meist aus dem Piemont kamen. Die italienischen Frühkapitalisten gründeten Hunderte von Pfandleihbanken - und ihr Geschäft hat im Geldhandel bis heute Spuren hinterlassen. So geht beispielsweise der "Lombardsatz", zu dem die Zentralbanken Geld verleihen, auf sie zurück.
Zwar waren die Lombarden ähnlich schlecht angesehen wie die Juden. Ihre Kenntnisse im Wechsel- und Kreditgeschäft waren aber so ausgereift, dass an ihren mächtigen Gesellschaften kaum ein Kunde vorbeikam. Die Könige von Frankreich und England, Fürsten, Bischöfe, Äbte und Päpste ließen ihr Vermögen von Lombarden verwalten. Der damals übliche Zinssatz schwankte zwischen 10 und 16 Prozent - und konnte bei Verzug auf 50 Prozent, ja bis über 100 Prozent steigen.
Während die jüdischen Händler etwa in Flandern stets in der Minderheit waren, nahm ihr Anteil Richtung Osten zu. Vor allem in Polen, Böhmen und Ungarn waren sie stark vertreten. Mehrere Faktoren trugen dazu bei, dass sich Juden auf den Geldverleih spezialisierten.
Beim Verkauf und selbst bei der zwangsweisen Auflösung ihrer Besitztümer etwa durch Ausweisungen hatten manche von ihnen beträchtliche Vermögen erzielt. Etliche waren am Transport von Gold und Silber aus den Bergwerken der islamischen Länder und Afrikas beteiligt. Andere importierten Luxusgüter für europäische Adlige oder Geistliche aus dem Orient.
Ihr Schicksal war immer von der Stimmung des jeweiligen Schutzherrn abhängig. Während etwa Friedrich I. Barbarossa (1152 bis 1190) seinen Juden völlige Freiheit im Geldhandel zugestand, ließ König Ludwig IX. ("Der Heilige") von Frankreich (1226 bis 1270) bei seinen Untertanen Umfragen über deren Klagen gegen Juden durchführen. Ludwigs Judenhass war berüchtigt, und er versuchte, jüdische Zinsnehmer aus dem Land zu jagen - obwohl ihm einige seiner Berater versichert hatten, dass ohne Geldleihe weder das Land bebaut noch nennenswert Handel betrieben werden könne.
Wenn Machthaber Juden ansiedelten, geschah das selten aus Toleranz. Es sei gewissen weltlichen Herrschern unangenehm, selbst Zinsen zu kassieren, schrieb Papst Innozenz III. im Jahr 1208. Deshalb holten sie Juden in ihre Dörfer und Städte, "um sie für das Kassieren der Zinsen in ihren Dienst zu nehmen, diese peinigen dann bedenkenlos Gottes Kirchen und die Armen Christi".
Die soziale Brisanz der Zinsfrage zeigte sich im 14. Jahrhundert besonders in Trier, das lange vergebens versuchte, sich aus klerikaler Herrschaft zu befreien und reichsunmittelbare Stadt zu werden. Erzbischof Balduin von Luxemburg (1307 bis 1354) provozierte mit seiner jüdisch geprägten Finanzverwaltung scharfe Kritik. Die Stadtgemeinde klagte, der Erzbischof lasse nicht einmal Gerichtsbeschwerden gegen jüdische Wucherer zu, wodurch viele Bürger in Verderbnis gestürzt worden seien.
Dagegen hatte Balduin einer christlichen Wucherin das Begräbnis verweigert, was die Bürger so aufbrachte, dass sie es mit Gewalt durchsetzten.
Nach den Pestpogromen Mitte des 14. Jahrhunderts verebbten die finanziellen Aktivitäten der Juden mehr und mehr - bis sie 1419 für hundert Jahre aus dem Erzstift ausgewiesen wurden.
Die andere Randgruppe der Finanzdienstleister, die Lombarden, hatte weniger zu leiden: Auf dem Sterbebett wurden sie fromm und schickten Wagenladungen voller Geld symbolisch gen Himmel - damals die gängige Spendenpraxis. "Die Kirche", so Historiker Reichert, "war zu der Zeit nicht weniger geschäftstüchtig als heute." Und das Seelenheil am Ende nur eine Frage der Finanzierung.
Nils Klawitter
Von Nils Klawitter

SPIEGEL GESCHICHTE 4/2009
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