29.09.2009

Wirbelsturm am Königshof

Mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein kämpfte Margarete, Königin von Navarra, an der Seite katholischer Reformer, verhandelte mit Kaiser Karl V. und hinterließ ein reichhaltiges literarisches Werk.
Margarete war schlank und hochgewachsen. Die Augen blau, die Lippen schmal. Ein langer, familientypisch gebogener Zinken dominierte ihr blasses, feingeschnittenes Gesicht. Die Adlige entsprach wahrhaftig keinem konventionellen, lieblichen Traumfrau-Ideal.
Und doch ging von der Dame eine große Wirkung aus. Bedeutende Kerle ihrer Zeit buhlten um sie - was sie schon als selbstbewusste junge Gräfin ungerührt über sich ergehen ließ. Als Margarete erfuhr, sie solle aus machttaktischen Gründen König Heinrich VII. von England ehelichen, der eigentlich für ihre Mutter vorgesehen war, ließ die 13-Jährige ausrichten, sie werde, wenn es an der Zeit sei, "einen jungen, reichen und edlen Mann heiraten, ohne den Kanal überqueren zu müssen".
Derart beeindruckten Margaretes Charme und Intelligenz ihre Umgebung, dass sie durch ihre Ausstrahlung sogar als hübsch wahrgenommen wurde. "Jung und gutaussehend, strotzend vor Gesundheit und Vitalität", schreiben die amerikanischen Biografen Patricia und Rouben Cholakian, "brachten Franz und seine Schwester an den Hof frischen Wind und einen Sinn für die Vergnügung von Körper und Geist."
Es war der Hof ihres Bruders, Franz I., 1515 König von Frankreich. Aus Italien, wo Papst Leo X. den Kirchenstaat regierte, drang der Geist der Renaissance herüber. Michelangelo hatte die Sixtinische Kapelle schon ausgemalt. Das Neue Testament in der quellenkritischen Ausgabe des Erasmus von Rotterdam stand kurz vor der Vollendung. Reformfreudige Bischöfe, die in Frankreich die Papstkirche von innen erneuern wollten, rieben sich zunehmend mit konservativen Theologen der Universität von Paris.
Der Wert von Frauen bemaß sich trotz aller herannahenden Umwälzungen unverändert auf dem Heiratsmarkt und daran, ob sie männliche Erben zur Welt brachten. Dennoch gelang es Margarete, geborene Gräfin von Angoulême, verwitwete Herzogin von Alençon und Königin von Navarra, nachhaltig Einfluss auf Kultur, Religion und Politik zu nehmen und als Schriftstellerin in die Literaturgeschichte einzugehen - eine Karriere, die alles andere als vorhersehbar war.
Der Vater von Franz und Margarete, ein wenig bedeutender Graf der westfranzösischen Provinz Angoulême, war jung gestorben und hatte seiner 19-jährigen Frau Louise und den zwei Kleinkindern nicht viel mehr als 200 wertvolle Bücher und einen genealogischen Hoffnungsschimmer hinterlassen: Falls der amtierende König Ludwig XII., ein Cousin des verstorbenen Grafen, ohne männlichen Erben bliebe, könnte Franz in der Thronfolge auf Platz eins landen. Und nach dem Tod ihres Mannes gab es für die junge Witwe nur noch eines: ihren Sohn. "Mein César" nannte sie ihn gern.
Jedesmal, wenn die königliche Gattin niederkam, ging es um alles oder nichts. "Anne, Königin von Frankreich, hat einen Sohn bekommen; egal, er ist totgeboren und also keine Gefahr für meinen César", notierte Mutter Louise 1502 im Tagebuch. Tochter Margarete musste lernen, ihr Leben dem ihres Bruders zu unterwerfen.
In der Ausbildung immerhin behandelte die sehr belesene Mutter ihre Kinder gleich. Nach dem Motto: "Libris et liberis" - für die Bücher und für die Kinder, lernten sie Italienisch, Spanisch, Latein, Philosophie und biblische Geschichte. Margarete begann, sich für spirituelle und moralisch-ethische Fragen zu interessieren. Aber sie durfte auch singen und tanzen.
Als Franz I. nach vielen Jahren Wartezeit 1515 den Thron besteigt, brechen die Geschwister wie ein Wirbelsturm über die noch mittelalterlich verstaubte, aristokratische Gesellschaft Frankreichs herein. Für damalige Zeit stattliche 1,80 Meter groß, charmant, aber auch etwas schüchtern, präsentiert sich der neue Monarch. Er beherrscht die Kunst gehobener Konversation, schreibt Briefe und gelegentlich Gedichte. Vor allem aber sucht der 21-jährige König auf der Jagd und im Turnier das Abenteuer.
Seine zwei Jahre ältere Schwester dagegen, geistreich, lustig und schlagfertig, kann endlich alles, was sie gelernt hat, zur Geltung bringen. Margaretes Lebensinhalt, zunächst die Schwester des künftigen und nun die des herrschenden Königs zu sein, darf sich voll entfalten. Der König ist zwar verheiratet, aber seine Ehefrau Claude ist keine Person der Öffentlichkeit und außerdem meistens schwanger. Margarete, deren 1509 geschlossene Ehe mit dem Herzog von Alençon kinderlos ist, steht an ihrer Stelle im Rampenlicht.
Kein Maskenball, keine Jagdgesellschaft kommt ohne die lebhafte Schwester des Königs aus. Ob Kunst, Musik oder Philosophie, Konversation in vier Sprachen oder die Gedankenwelt Platons - die junge Herzogin von Alençon beflügelte eine neue, lebendige Kultur am Hof. Man könne sich, schreibt Bibliothekswissenschaftler Peter Amelung, "den plötzlichen Wandel", der durch die Geschwister angestoßen wurde, "gar nicht krass genug vorstellen".
Was Margarete heraushob aus der aristokratischen Vergnügungselite, war ihre eigene Kreativität. Liebesgedichte, Theaterstücke und Komödien verfasste sie, korrespondierte mit politischen und geistlichen Führern. Allein ihr Briefwechsel mit einem der bedeutendsten Vordenker der französischen Reformatoren, Guillaume Briçonnet, Bischof von Meaux, hätte an Umfang und Inhalt mühelos mehrere Bücher gefüllt. Ihre religiösen Gedichte markieren den Beginn der Gedankenlyrik in Frankreich.
Das bedeutendste Buch der adligen Schriftstellerin, das "Heptameron" (Siebentagewerk), umfasst 700 Seiten. Den Rahmen bildet eine aristokratische Reisegruppe, die durch ein Unwetter aufgehalten wird. Um sich die Zeit zu vertreiben, erzählen sich die Reisenden Anekdoten. Natürlich geht es vor allem um Liebe, Erotik und das Verhältnis der Geschlechter zueinander, um den Anstand der Frauen und das Begehren der Männer, um Moral und Amoral, mal in der Ehe, oft nebenher. Vergewaltigung und Missbrauch spielen eine große Rolle. Im Anschluss an jede Episode wird die Moral von der Geschicht diskutiert.
Das Besondere: Alle Novellen, so die Autorin im Prolog, müssten "auf einer wahren Begebenheit" beruhen - was das "Heptameron" zu einer Schatzkiste für Spekulationen und Interpretationen macht: Welche historischen Personen und Ereignisse verstecken sich hinter Margaretes literarischen Masken?
Offiziell eingepfercht, wie alle Frauen ihrer Zeit, in einer konventionellen Damenwelt zwischen Stickarbeit und Salon, schildert sie die politischen, sozialen, religiösen und zwischenmenschlichen Zustände ihrer Epoche. Nebenbei erzählt die ebenso leidenschaftliche wie fromme Frau über sich selbst und ihre Gesellschaft - was kein schmeichelhaftes Porträt ergibt.
Detailgenau berichtet die Autorin etwa, wie eine "edle Frau aus so vornehmem Haus, dass man ein besseres nicht finden" kann, spätabends auf dem Landsitz eines alten Freundes zu Bett ging. Der Gastgeber, der die Dame seit Jahren insgeheim "mehr liebte als sich selber", zog "das kleidsamste, prächtigste und wohlriechendste seiner Hemden" an, schlich sich ins Zimmer der Frau und legte sich "kurzerhand zu ihr ins Bett". Die Dame "entwand sich seinem Zugriff", begann "ihn zu schlagen, zu beißen und zu kratzen" und schlug ihn in die Flucht.
Schon die Chronisten des 15. und 16. Jahrhunderts, wie Pierre de Bourdeilles, Abt von Brantôme, identifizierten die bedrängte Dame als Margarete von Navarra, die Autorin selbst. Auch bei dem Beinahe-Vergewaltiger legte Brantôme sich fest: Guillaume Gouffier, Seigneur de Bonnivet, sei der liebestolle Unhold gewesen. Brantôme war gut informiert, seine Mutter und seine Großmutter lebten und arbeiteten als Hofdamen in Margaretes Entourage.
Bonnivet war nicht irgendjemand. Wie eine Lichtgestalt tauchte der 17-jährige Edelmann bei Familie Angoulême auf, als Mutter und Kinder noch von der Krone träumten. Zwar war er weit unter Stand, doch zugleich so beeindruckend, dass Margarete ihm Jahre später im "Heptameron" ein Denkmal setzte: "Nun war aber dieser scharfe Verstand mit so großer und angeborener Schönheit vereint, dass jedes Auge mit Wohlgefallen auf ihm ruhte." War "seine Schönheit auch über jeden Vergleich erhaben, so war es seine Redegabe nicht minder". Gar nicht zu reden von seinem "Mut, der ihm trotz seiner Jugend weitherum in der Welt Ruhm eingebracht hatte".
Sieht ganz so aus, als habe sich die damals 14-jährige Margarete in den Tausendsassa verliebt. Was nicht weiter schlimm gewesen wäre, hätte "die züchtigste und schönste Jungfrau", wie sich Margarete selbst porträtiert, nicht in süßer Unschuld und fröhlicher Bibelfestigkeit an die reine, gottgefällige Liebe ihres Wunderknaben geglaubt.
Stattdessen stellt sich der Angebetete als Wüstling heraus - jedenfalls in Novelle zehn des "Heptameron", die bis heute in Sachen unerfüllter Liebe als autobiografisches Schlüsselkapitel für Margarete von Navarras Lebenswirklichkeit steht. Die US-Biografen Cholakian, deren Untersuchung 2006 erschien, sind überzeugt: Margaretes "frühe traumatische Erfahrungen mit männlicher Aggression ... veränderte die Richtung, die ihr Leben nehmen sollte" - und damit "ihre gesamte spirituelle und literarische Entwicklung".
Margaretes Ehemänner konnten den geliebten Schwerenöter jedenfalls kaum vergessen machen. Der Herzog von Alençon war ein glanzloser Charakter, der dazu noch auf dem Schlachtfeld als Drückeberger auffiel. Nach dessen Tod 1525 kam der König des unabhängigen Territoriums Navarra am Rand der Pyrenäen zum Zuge. Er machte sie immerhin zur Mutter von zwei Kindern - und zur Großmutter des späteren Bourbonen-Königs Heinrich IV.
Doch Margaretes Leidenschaft konzentrierte sich mehr und mehr darauf, die politischen und religiösen Ränkespiele ihrer Zeit zu beeinflussen. Dafür brauchte sie den König, den sie "Vater, Bruder und Ehemann" nannte. Gemeinsam mit ihrer Mutter, die den Sohn in Abwesenheit auf dem Thron vertrat, beriet und unterstützte sie ihn in allen Staats- und Privatangelegenheiten. Sogar die offizielle Geliebte des Königs, Anne d'Heilly, Herzogin von Étampes, wählten Mutter und Schwester aus.
Während Aristokratie, Parlament und Klerus in Europa in wechselnden Koalitionen um Macht und Vorherrschaft in Politik, Kirche und Gesellschaft rangen, schlug sich Margarete mit humanistischem Eifer auf die Seite der katholischen Reformer, die sich um den Bischof von Meaux sammelten. Die Bibel sollte ins Französische übersetzt, der Amtsmissbrauch von Bischöfen und Priestern bekämpft werden.
Die Gegner einer Erneuerung saßen im Vatikan, an der Universität von Paris - und am Hofe des Königs selbst, wo aufklärerische Ideen vor allem Angst um die eigenen Pfründen auslösten. Immer wieder rief Margarete ihren Bruder erfolgreich um Hilfe an. Mehrmals beschützte sie verfolgte Dichter und Denker. Den antiklerikalen Schriftsteller Louis de Berquin konnte sie jedoch 1529 nicht vor dem Scheiterhaufen bewahren. Ihr eigener Gedichtzyklus "Spiegel einer sündigen Seele" wurde gar vorübergehend wegen umstürzlerischer Ideen verboten.
Während Mutter und Schwester zu Hause versuchten, das Reich zusammenzuhalten, führte der junge König Krieg. Am frühen Morgen des 1. März 1525 brachten zwei Kuriere die Nachricht nach Frankreich, dass Franz I. von den Truppen Kaiser Karls V. in der Nähe der italienischen Stadt Pavia katastrophal geschlagen worden war. Den König, der zu Fuß weitergekämpft hatte, als sein Pferd tot zusammenbrach, nahmen die Feinde fest. "Nichts ist mir geblieben", schrieb er an seine Familie, "als meine Ehre und mein Leben."
Immerhin. Mehr als 10 000 Soldaten waren tot. Königin-Mutter Louise lamentierte hysterisch nach Mütter-Art: "Warum hat er nicht auf mich gehört, Ich habe ihn gewarnt." Margarete litt darunter, dem geliebten Bruder nicht helfen zu können, "doch hat das Schicksal mich betrogen", jammerte sie, "in dem es mich zur Frau gemacht hat" - ein Umstand, der sie wohl ein Leben lang einengte.
Doch wie so oft in der Geschichte, wenn Männer sich in eine ausweglose Lage bringen, darf plötzlich eine Frau einspringen. Franz I. bietet dem Kaiser für seine Freilassung ein Lösegeld, Karl V. besteht auf Übergabe des Herzogtums Burgund. Margarete soll vermitteln. Ihr Glück kennt keine Grenzen: "Auch wenn ich die Asche meiner Knochen in den Wind streuen müsste, um Ihnen zu dienen, wäre nichts zu außergewöhnlich, zu schwierig oder zu schmerzhaft." Nie hätte sie gedacht, notiert die Schwester, "ihn so sehr zu lieben" - kein Wunder, dass Gerüchte über eine inzestuöse Beziehung die Geschichte dieses königlichen Bruder-Schwester-Verhältnisses begleiten.
Doch die Emissärin hat kein Glück. Der Kaiser aus dem Hause Habsburg spielt mit ihr. Zwar empfängt er die junge Dame, die ihm auch schon mal als Ehefrau vorgeschlagen worden ist, nach allen Regeln höfischer Etikette. Aber in der Sache bleibt Karl hart. Am Ende tritt Frankreich die wertvollen Gebiete ab, und der König liefert im Tausch für seine Haftentlassung seine beiden sieben- und achtjährigen Söhne als Geiseln aus.
Unter den Toten auf den Schlachtfeldern bei Pavia ist auch ein Jugendfreund von Franz und Margarete, der Draufgänger und Herzensbrecher Bonnivet. Im "Heptameron", an dem die Autorin wahrscheinlich bis zu ihrem Tod 1549 schreibt, lässt sie den Edelmann Amadour - sprich Bonnivet - besonders verzweifelt sterben. Da er sich "so wenig gefangen nehmen lassen" wollte, "wie er seine Freundin nicht hatte erobern können", fabuliert sie süffisant, "küsste er sein Schwertkreuz, befahl Leib und Seele Gott und versetzte sich einen so mörderischen Stich, dass jede Hilfe sinnlos gewesen wäre".
Amadours unglückliche Liebe, die schöne Florida, geht daraufhin ins Kloster, wie es sich zu ihrer Zeit für unglücklich liebende Edelfrauen gehört. Ihre Schöpferin, Margarete, Königin von Navarra, flüchtet sich in die Einsamkeit der Schriftstellerin: "la doulce escripture", das süße Schreiben.
Von BETTINA MUSALL

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2009
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