29.09.2009

Massaker in Gottes Namen

Gnadenlos unterwarfen die spanischen Eroberer Hernán Cortés und Francisco Pizarro Mexiko und Peru. Doch der Triumph machte die Sieger träge, und das Königreich verpasste den Anschluss an die Neuzeit.
Von HELENE ZUBER
Montezuma II. plagten böse Vorahnungen. Boten und Kundschafter hatten dem Kaiser der Azteken berichtet, dass weißhäutige Fremde an der Ostküste seines Reiches gelandet waren. Sie führten feuerspeiende, donnernde Waffen, riesige gefleckte Hunde und Reittiere mit sich, die wie Hirsche aussahen. Montezuma wollte die Langbärte nicht treffen. Deshalb schickte er ihnen goldenen Schmuck, damit sie reich beschenkt dorthin zurückkehrten, woher sie gekommen waren.
Doch das Gold weckte erst recht die Gier der Eroberer, geführt vom Notar Hernán Cortés aus der bitterarmen spanischen Region Extremadura. Er hatte es auf der wenige Jahre zuvor eroberten Insel Kuba als Sekretär des Gouverneurs zu Vermögen gebracht und war im Februar 1519 aufgebrochen - mit 109 Seeleuten, 508 Fußsoldaten und 16 Pferden. Er wollte, so beschrieb er sein Ziel, "unser Vaterland ehren, unseren König verherrlichen und uns reich machen".
Monatelang zauderte Montezuma. Der Herrscher, der zwischen dem Golf von Mexiko und dem Pazifik über ein Gebiet von der Größe des heutigen Italien gebot, hatte zahlreiche Stämme unterworfen, die ihm Tribut und Sklavendienste schuldeten. Einst war er selbst Hohepriester gewesen, also sollte er sich darauf verstehen, den Willen der Götter zu ergründen. Doch diesmal wusste er sich keinen Rat. Waren die Fremden Abgesandte eines mächtigen, fernen Königs, wie sie selbst vorgaben? Handelte es sich gar um jene Götter, deren Wiederkehr in den Schriften der Azteken geweissagt wurde? Sollte er sie bekriegen oder willkommen heißen?
Der "tlatoani", wie die Azteken ihren Anführer nannten, hielt Cortés mit seiner zusammengewürfelten Truppe nicht auf. Am 8. November 1519 ließ er die Eindringlinge gar in seine Hauptstadt Tenochtitlán einziehen. Errichtet zu Beginn des 14. Jahrhunderts auf einer Insel inmitten eines Seensystems, war sie mit ihren bis zu 400 000 Bewohnern damals eine der größten Siedlungen der Welt. Und mit ihren Palästen aus rotem Stein und Alabaster, den mit Steinfiguren verzierten Tempelpyramiden und den bunten Märkten wohl auch die schönste. Weil die drei zum Festland führenden Dämme durch Zugbrücken unterbrochen werden konnten, fühlte sich der Herrscher hier inmitten seiner Leibwächter sicher.
Welch ein Irrtum. Der Tlatoani empfing Cortés mit allen Ehren aztekischer Gastfreundschaft. Dazu sprach er unterwürfige Begrüßungsfloskeln und wies dem Spanier und seinem Gefolge einen stattlichen Palast zu. Während der Indianer voller Stolz sein Heiligtum herzeigte, erkannte der mit allen Finten eines Juristen vertraute Eindringling, dass der Herrscher der Azteken einen fatalen Fehler begangen hatte. Indem Montezuma die Fremden ins Herz von Tenochtitlán eindringen ließ, verspielte er nicht nur sein Leben, sondern auch das Wohl seines Volkes. Er hatte die prachtvolle Stadt dem Untergang geweiht.
Schon wenige Tage später nahm der waghalsige Cortés, begleitet von hochrangigen Hauptleuten und etwa 30 bewaffneten Soldaten, den Azteken-Kaiser während einer Audienz in dessen eigenem Palast gefangen und ließ ihn ins Quartier der Spanier bringen.
Im Handstreich hatte sich der Draufgänger des streng hierarchisch-sakral organisierten Reiches bemächtigt. Er kontrollierte es von der Spitze: Montezuma durfte formal weiterregieren, doch die Spanier führten ihm die Hand. Er und seine Adligen mussten sich als Vasallen dem spanischen König unterwerfen, Unmengen Gold aus allen Landesteilen herbeischaffen und sich gar taufen lassen.
Cortés soll von Anfang an entschuldigend erklärt haben, die Spanier litten unter einer Krankheit des Herzens, die nur mit Gold zu heilen sei.
Es half alles nichts. Sieben Monate später war Montezuma tot - ermordet von seinen Gästen oder von Aufständischen aus den eigenen Reihen. Nun sollte es nur noch etwas mehr als ein Jahr dauern, bis die Spanier Mexiko ganz erobert hatten.
Ihr schneller Sieg über die Azteken kann als beispielhaft gelten für die spezielle Art der Begegnung zwischen Alter Welt und Neuer Welt. Die Einnahme Mexikos war sicher die spektakulärste, "da die mexikanische Kultur die glanzvollste der präkolumbischen Welt ist", wie der französisch-bulgarische Philosoph Tzvetan Todorov in seinem Buch "Die Eroberung Amerikas" festgestellt hat.
Mexiko wurde mit seinen Gold- und Silberschätzen zum Juwel des größten Weltreichs der Zeit: König Carlos I. von Spanien, seit Juni 1519 als Karl V. zugleich Oberhaupt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, rühmte sich der Beherrschung eines Imperiums, in dem die Sonne nie unterging. Mit der Conquista des Cortés erfasste der europäische Expansionismus nach den portugiesischen Eroberungen in Afrika nun den amerikanischen Kontinent.
Dem Beispiel von Hernán Cortés folgte ein Jahrzehnt später Francisco Pizarro in Peru. Wie sein entfernter Verwandter Cortés war der Haudegen ein Adliger niederen Ranges. Als unehelicher Sohn eines spanischen Ritters war er in Panama reich geworden. Und ähnlich wie sein Vorbild wollte der Analphabet Pizarro noch mehr Ruhm und Macht erwerben.
Die Geschichtsschreibung beurteilt die beiden Conquistadores unterschiedlich. "Durchaus ein faszinierender Charakter" ist Cortés in den Augen des Historikers Felix Hinz von der Universität Kassel. Er bescheinigt dem Mann, der bei der Eroberung Tenochtitláns 34 Jahre alt war, nicht nur Wagemut und listenreiche Taktik, sondern auch echtes Interesse für andere Kulturen. Ihn habe schon ein "ganz neuzeitliches Entdeckerstreben" angetrieben. So berichtete Cortés seinem Herrscher in Briefen von der Eroberung Mexikos und sah sich dabei sehr selbstbewusst in einer ähnlichen Rolle wie Julius Caesar, der einst die Unterwerfung Galliens in seiner Schrift "De bello Gallico" geschildert hatte.
Pizarro dagegen wollte sich vor allem bereichern. Als Junge hatte er die Schweine in den Korkeichenwäldern seiner spanischen Heimat gehütet. Ein Zeitgenosse, der Franziskanermönch Bernardino de Sahagún, schrieb später, Pizarro sei in die Neue Welt aufgebrochen, um dort nach Gold zu suchen wie ein Schwein nach Eicheln.
Skrupel kannte der bei der Unterwerfung Perus 57-Jährige nicht. Mit nur 164 Mann hatte er die Anden überquert und war im November 1532 nach Cajamarca vorgedrungen, wo ihn der Inka Atahualpa ehrenvoll empfing. Pizarros Haufen richtete auf dem Hauptplatz ein Massaker an: Er metzelte an die 10 000 unbewaffnete Indianer nieder. Dabei nahm Pizarro den Inkaherrscher gefangen und usurpierte ein wohlorganisiertes Staatswesen, das sich über tausend Kilometer erstreckte (siehe Karte). Die Geisel ließ als Lösegeld 7 Tonnen Gold und 13 Tonnen Silber herbeischaffen. Zum Dank richteten die Spanier Atahualpa mit dem Würgeeisen hin.
Grausamkeiten wie diese brachten den Philosophen Egon Friedell dazu, die Eroberung Mexikos und Perus in seiner "Kulturgeschichte der Neuzeit" 1927 als die "empörendsten und sinnlosesten Taten der Weltgeschichte" zu verurteilen. Es sei "tragisch und grotesk", schreibt der Wiener, "mit welchem Dünkel diese Spanier, Angehörige der brutalsten, abergläubischsten und ungebildetsten Nation ihres Weltteils" auf Kulturen geblickt hätten, "deren Grundlagen sie nicht einmal ahnen konnten". Woher schöpften die Spanier also dieses Selbstbewusstsein, mit dem sie um 1500 zu unbekannten Gestaden aufbrachen?
Sie bezogen ihr Vertrauen in die eigene Unverwundbarkeit aus einem historischen Sieg ihrer christlichen Religion in der Heimat. Denn nachdem Spanien jahrhundertelang muslimisch beherrscht und geprägt gewesen war, hatte die christliche Rückeroberung der Halbinsel, die "Reconquista", im Kolumbus-Jahr 1492 mit der Einnahme des letzten muslimischen Königreiches Granada ihren Abschluss gefunden. Die christlichen Sieger strotzten vor Selbstbewusstsein.
Ein Zufall war ihnen dabei zu Hilfe gekommen: Die Gebeine des Apostels Jakobus waren 816 in Galicien beigesetzt worden. Allein die Kunde vom Grab des Heiligen lockte seit dem 10. Jahrhundert Heerscharen frommer Wallfahrer aus allen Ländern der Christenheit an.
Dieser Geist der Pilgerreise stärkte die Spanier in den nachfolgenden Generationen. Im Jahrhunderte währenden Kampf gegen den Islam entwickelten sie eine Mentalität, die sie befähigte, weite Teile der Welt zu erobern.
Bei der Reconquista waren die christlichen Krieger mit dem Schrei "Santiago y cierra, España" (etwa: Heiliger Jakob hilf, die Reihen geschlossen, ihr Spanier!) gegen muslimische Festungen gestürmt. Diese Kreuzzugs-Ideologie setzte sich fort in den Kriegen zur Einnahme der Neuen Welt. Der Schlachtruf blieb, nur der Beiname des Schutzheiligen Jakob wandelte sich vom "Maurentöter" ("matamoros") zum Indianertöter ("mataindios"). Die Indianer deuteten die Jakobsverehrung der Spanier als Kult für einen Kriegsgott.
Gerade die Region der spanischen Extremadura, Herkunft der meisten Conquistadores, war als Grenzgebiet besonders lange umkämpft. Von dort wurden die Mauren im 13. Jahrhundert durch die "caballeros cristianos" vertrieben. Die christlichen Ritter verkörperten das kastilische Ideal für die kommenden Jahrhunderte. Sie waren zwar bereit, als Krieger für Christus zu sterben. Aber jede intellektuelle oder zivile Berufstätigkeit war unstandesgemäß. Weil sie einzig das Kriegshandwerk beherrschten, suchten sie nach der Vertreibung von Mauren und Juden dringend nach neuen Kampfaufgaben.
Sie waren nicht gerade eine Zierde europäischer Kultur, sondern raue Veteranen-Horden, die den Reichsfrieden in den vereinigten Königtümern des Fernando von Aragón und der Isabel von Kastilien zu gefährden drohten. Begeistert stellten sie sich für die Expeditionen zur Verfügung, welche die "Katholischen Könige" - den Ehrentitel verlieh der Papst dem Paar - auszurüsten begannen.
Die Landnahme jenseits des Ozeans rechtfertigten die Spanier als Fortsetzung des Kampfes gegen die "Ungläubigen". Das Ziel der Verbreitung des christlichen Glaubens sollte alle Mittel heiligen. So trug die religiöse Unnachgiebigkeit der Conquistadores gewiss auch zu ihrem Sieg bei. Für seinen Feldzug hatte Cortés ein weißblaues Banner mit dem Kreuz in der Mitte entworfen, welches die spanischen Soldaten vor sich hertrugen: "Freunde, lasst uns dem Kreuz folgen, und mit dem Glauben an dieses Zeichen werden wir siegen", war darauf in lateinischer Sprache zu lesen.
Gerade der Mann aus der Extremadura verstand es geschickt, in seinen Berichten an die spanische Krone Montezuma als tyrannischen Herrscher über ein Reich des Bösen darzustellen: Er habe schlimme aztekische Bräuche wie Menschenopfer, ja sogar Kannibalismus abgeschafft. Tenochtitlán, die Stadt des Satans, habe er 1521 in einem gerechten Krieg besiegt.
Immerhin hatten die Spanier beim Ausbau ihres Imperiums ein gewisses rechtliches Problem gesehen. Deshalb erließ die Krone 1513 die Gesetze von Burgos: Die Conquistadores sollten beim ersten Kontakt mit Indianern einen Text, das "requerimento", auf Spanisch verlesen: Gott sei der Herr der ganzen Welt, sein bevollmächtigter Vertreter auf Erden der Heilige Petrus beziehungsweise der jeweilige Papst. Mit einer päpstlichen Bulle war den spanischen Monarchen schon 1493 die Herrschaft über den neu entdeckten Kontinent übertragen worden. Deshalb müssten sich die Einheimischen sofort der kastilischen Krone unterwerfen. Bei Gehorsamsverweigerung würden sie als Rebellen angesehen, bekriegt und versklavt. An ihrem Tod trügen sie dann selbst Schuld.
Die Conquistadores führten stets Notare mit, die beurkunden mussten, dass die Proklamationszeremonie stattgefunden hatte. Mit dieser Farce verlieh Cortés seinem Vordringen von der mexikanischen Golfküste ins Binnenland den Deckmantel der Legitimität.
Ein besonders krasses Beispiel für die groteske Scheinheiligkeit solch rechtlicher Winkelzüge leistete sich am 15. November 1532 Francisco Pizarro, als er auf dem Stadtplatz von Cajamarca Atahualpa begegnete.
Der Chronik des Adligen Felipe Guaman Poma zufolge ließ Pizarro einen seiner Priester vortreten, der ihn als Abgesandten eines großen Herrschers vorstellte, der die Freundschaft des Inka wünsche. Atahualpa antwortete höflich, er sehe keine Notwendigkeit zu einem Freundschaftspakt.
Da zeigte der Mönch dem Inka Kruzifix und Gebetbuch und forderte ihn barsch auf, sich von seinen Göttern loszusagen. Der erwiderte, er könne seinen Glauben an die "unsterbliche Sonne" nicht einfach aufgeben. Worauf sich denn der Spanier beriefe? Das stehe alles in der Heiligen Schrift, antwortete dieser.
Atahualpa ließ sich das Brevier reichen, betrachtete Seite für Seite und hielt es an sein Ohr. "Warum sagt das Buch nichts zu mir?", fragte er und warf es zu Boden. Da brüllte Pizarro, die Indianer schmähten den christlichen Glauben - und gab das Zeichen zum Angriff. "Die Spanier töteten sie alle, wie wenn jemand Lamas schlachten würde", notierte Atahualpas Neffe.
Die Expansion der Spanier in Amerika gelang durch eine Verbindung von militärischen, religiösen und politischen Elementen: So sah es Octavio Paz, Mexikos hervorstechendster Denker des 20. Jahrhunderts. Die Conquista ähnle nicht der Kolonialpolitik der alten Griechen unter Alexander dem Großen oder dem späteren Regime der Briten, "sondern den christlichen Kreuzzügen und dem Heiligen Krieg der Muslime".
Doch das Selbstbewusstsein, dem einzig wahren Gott zu dienen, reicht kaum aus als Erklärung dafür, dass es Cortés und Pizarro mit ihren Häuflein von Soldaten gelang, komplexe Reiche mit Millionen Einwohnern zu unterwerfen. Hatten diese doch eine Hochkultur entwickelt, die geprägt war vom Großstadtleben mit raffiniertem Komfort.
Beide Völker hatten ein Straßennetz errichtet - in Peru funktioniert die Panamericana noch heute als Verbindungsader - und ein System von raschen Botendiensten organisiert. Sie waren weiter in der Mathematik als ihre Usurpatoren - die Maya hatten die Null erfunden -, ihre Kinder wurden sorgfältig unterrichtet. Sie hatten große Erfolge im Ackerbau durch ausgeklügelte Bewässerung und Düngung.
Doch die Spanier führten gleichsam im Gepäck Verbündete ein, mit denen sich die Neue Welt zuvor noch nie hatte auseinandersetzen müssen: Die Pocken zum Beispiel rafften in Mexiko Hunderttausende hinweg, darunter Montezumas Nachfolger. In Peru brach die Seuche um 1525 aus. Ihr erlag der große weise Inka Huayna Capac fern der Hauptstadt Cusco, noch bevor ihm die erste Landung Pizarros gemeldet werden konnte. Die Indianer deuteten das Auftauchen dieser Pest, gegen die sie kein Mittel fanden, als übles Omen und Strafe der Götter. Psychologisch schwächte sie das zusätzlich. Insgesamt sollten in Lateinamerika Millionen Eingeborene den Epidemien erliegen.
Ebenso unbekannt waren in der Neuen Welt die Waffen der Fremden. Die Azteken verstanden sich nicht auf Metallbearbeitung. Ihre Schwerter und Klingen aus Stein konnten nicht viel ausrichten, und ihre Pfeile prallten an den Stahlpanzern der Rüstungen und Helme ab. Vor allem aber erregten die Feuerwaffen und Pulvergeschütze Panik. Denn Wesen, die das Feuer beherrschen, galten den Indianern als Götter.
Überdies waren die Spanier beweglich, da sie Pferde besaßen, welche die Gegner in Angst und Schrecken versetzten. Cortés veranstaltete sorgfältig inszenierte Vorführungen, um die Azteken mit Geschützdonner und mit dem wilden Gebaren seiner Hengste zu beeindrucken (und Pizarro imitierte diese Tricks). So "verstand es Cortés, den Anschein des Magisch-Mysteriösen zu verstärken", bemerkt Historiker Hinz. Für die Indianer wurde deutlich, dass die Spanier nicht an die Götter der Azteken glaubten, "sie standen außerhalb ihrer Ordnung". Darin sieht Hinz den "klassischen Fall eines Clash of cultures". Für die Indianer war es der erste. Die Spanier aber waren auch hier im Vorteil, denn sie hatten sich schon mit der muslimischen Kultur auseinandergesetzt.
Dass der Zusammenprall von Alter und Neuer Welt zugunsten der Spanier ausging, mag auch damit zusammenhängen, dass Montezuma und auch die Inkas die Absichten der Eindringlinge nicht richtig zu interpretieren wussten. Der Philosoph Todorov spricht von einem "Sieg mit Hilfe der Zeichen". Die Azteken glaubten daran, dass nur geschehen konnte, was ihnen das Schicksal vorbestimmt hatte, und dass die Gegenwart die zyklische Wiederholung von etwas Vergangenem sei. Deshalb halfen Montezuma die Berichte der Boten über das Verhalten der Fremden nicht. Er befragte die Alten, die Wahrsager und die Orakel. Die hielten für möglich, dass der bärtige Cortés ihr mächtiger Herrscher Quetzalcóatl sei, der einst fortgegangen und dessen Wiederkehr prophezeit worden war.
Cortés machte sich diesen Mythos zunutze. Dass er die Indianer verstand, verdankte er guten Dolmetschern, insbesondere der Aztekin Malinche. Die war von ihrer Mutter verkauft worden - Sklavenhandel existierte schon im präkolumbianischen Amerika.
Vor seinem Schlag gegen Montezuma war Cortés im April 1519 in Yucatán gelandet, dort erhielt er von den Maya die schöne, sprachbegabte Sklavin als Geschenk. Malinche, mit christlichem Taufnamen Marina, beherrschte aus ihrer frühen Kindheit auch das Náhuatl der Azteken. Cortés nahm sie zur Geliebten, und schnell lernte sie Spanisch.
Malinche, die ihm später einen Sohn gebären sollte, übersetzte für Cortés, was die Abgesandten Montezumas übermittelten. Bei Befragungen von Gefangenen erklärte sie ihm die Götterwelt der Azteken und ihren Mythenglauben. Sie war es, die dem Azteken-Kaiser auf den Zinnen der zentralen Opfer-Pyramide in Tenochtitlán die Forderung von Cortés übermittelte, hier ein Kreuz und ein Marienbild aufzustellen. Auch die Kapitulation der Hauptstadt und ihre Einäscherung hat sie miterlebt. Ob die in der Überlieferung rätselhaft schillernde Dolmetscherin versuchte, den Lauf der Geschichte zugunsten ihres Volkes oder zugunsten ihres Geliebten zu beeinflussen? Keiner weiß es.
Pizarro, der Cortés im Sommer 1528 in Spanien getroffen haben soll, hat jedenfalls seine Lehre aus dessen Erfahrungen gezogen. Gleich bei seiner ersten Reise nahm er von der Pazifikküste Perus Gefangene mit nach Panama. Sie hatten gut Spanisch gelernt, als er sich nach Weihnachten 1530 zur Eroberung ihrer Heimat aufmachte.
Weder Montezuma noch Atahualpa verstanden dagegen die Sprache der Fremden. Möglicherweise hatte ihr verfeinerter Lebensstil sie arrogant gemacht. Beide durchschauten die Finten der Eroberer nicht.
Doch auch das Geschick des Cortés und die brutale Bauernschläue des Pizarro, der sich mit einem mafiösen Netz von Verwandten umgab, hätten nicht für einen Sieg ausgereicht.
Beiden Eroberern kam ein entscheidender Zufall zu Hilfe: Schon vor ihrem Eintreffen war das Lager der Einheimischen gespalten gewesen. Das Nomadenvolk der Azteken hatte sich erst ein Jahrhundert zuvor durch Krieg ein Tribut-Imperium unterworfen. Der sogenannte Dreibund, den Tenochtitlán mit Texcoco am Ostufer und Tlacopán am Westufer des Texcoco-Sees geschlossen hatte, trieb Steuern ein vom Herzstück des Hochlands bis an den Golf von Mexiko, bis in den Regenwald und an die Pazifikküste. Das war ein dichtbesiedeltes Gebiet von der Größe Mitteleuropas. Doch die tributpflichtigen Völker hatten keine gemeinsame Religion, Sprache oder Währung. Viele fühlten sich unterjocht.
Diese Rivalitäten nutzte Cortés aus. Er versprach den Küstenvölkern Befreiung von der Tributpflicht, wenn sie sich dem spanischen König unterstellten. Schließlich konnte er ein Heer von verbündeten Indianern um sich scharen, das dem der Azteken zahlenmäßig kaum nachstand. Die Conquista Mexikos, glauben Historiker wie Hinz, war "zum großen Teil ein Krieg zwischen Indianern, den Cortés mit Glück und Geschick zu dirigieren verstand".
Das Inkareich dagegen war hierarchisch strukturiert und unter dem weisen Inkaführer geeint. Doch als Pizarro im April 1532 wieder im Norden Perus ankam, erfuhr er durch seine Dolmetscher von den Küstenbewohnern, dass ein Erbfolgekrieg das Land verwüstet habe. Genau wie Cortés gelang es ihm, in ein durch Krieg geschwächtes Staatswesen einzudringen.
Wie aber reagierten die Spanier daheim auf die Eroberung Mexikos und Perus? Löste der Kontakt mit den Kulturen der Neuen Welt im Mutterland einen Wandel der streng bigotten, alles Fremde verachtenden Mentalität aus?
Das Gegenteil war der Fall. Der Wiener Philosoph Friedell zog in seiner "Geschichte der Neuzeit" eine vernichtende Bilanz: "Ganz Spanien hat von seinen amerikanischen Schandtaten keinen Segen gehabt: Es ergab sich immer mehr der entnervenden und verdummenden Gewohnheit, von gestohlenem Gut zu leben." Auf dem Lorbeer der Conquista verschlief das Land hinter den Pyrenäen sozusagen den Anschluss an die europäische Neuzeit. Die Inquisition unterdrückte Wissensdurst als Ketzertum, um den Herrschaftsanspruch der katholischen Kirche zu verteidigen.
Zwischen 1503 und 1660 wurden an die 3,5 Millionen Kilogramm Silber und nur etwas weniger Gold nach Sevilla verschifft. Die Kunstschätze der Indianer schmolz man vor Ort zu Barren ein. Doch in Spanien blieb wenig hängen, oft waren die Ladungen der Schiffe schon verpfändet, bevor sie eintrafen. Denn Kaiser Karl V. und seine Nachfolger mussten Schulden bezahlen, die sie für die Conquista und andere Kriege bei Kaufleuten, beispielsweise den Fuggern und Welsern, gemacht hatten.
In Mitteleuropa entwickelte sich, stimuliert durch das Gold der Indianer, ein frühkapitalistisches Finanzsystem. Spanien dagegen kontrollierte im 17. Jahrhundert nur mehr fünf Prozent des Handels mit seinen eigenen Kolonien. Den Löwenanteil hatten Niederländer, Franzosen, Deutsche und Engländer übernommen. Die Spanier dagegen züchteten Schafe. Die Conquistadores ließen das Geld nicht arbeiten, sondern bauten allenfalls protzige Paläste, wie Pizarros Brüder in ihrer Heimatstadt.
Wie wenig Nutzen die Vorkämpfer der Conquista aus der Entdeckung Mexikos und Perus zogen, erklärt der Literaturnobelpreisträger Octavio Paz in seinem Essay "Quetzalcóatl und Tonantzín": Während in Europa nach 1500 die Kritik zur Grundlage des neuen Zeitalters wurde, "verschloss sich Spanien ihr", indem es "seine besten Geister" zensierte und kritisches Denken verbot. Sein Fazit: Den hispanischen Völkern sei es nicht gelungen, wirklich modern zu werden, "weil wir im Unterschied zu allen anderen Abendländern kein Aufklärungszeitalter erfahren haben".
So rächte sich die blutige Eroberung der Neuen Welt.
Von HELENE ZUBER

SPIEGEL GESCHICHTE 5/2009
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